In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
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Was wäre, wenn in der Zukunft Freund*innenschaft – und nicht romantische Partnerschaft – unsere wichtigste Quelle für Liebe, Stabilität und Gemeinschaft wäre? Wenn Technologie menschliche Verbindung stärkt, statt sie zu ersetzen? Wenn niemand einsam sein müsste?
In Zeiten von Einsamkeitskrisen, KI-Companions und Heterofatalismus haben wir uns die Frage gestellt, welche Rolle Freund*innschaften in der Zukunft spielen können, wenn wir sie mehr in das Zentrum unseres Lebens stellen.
Zu Beginn des Seminars Black Box: Future Love haben wir uns als Gruppe gefunden und uns für das Thema Liebe zu Freund*innen entschieden. Die Recherche zum Thema begann für uns mit einem Referat und einer tieferen Auseinandersetzung mit den Grundlagen zu Freund*innenschaft aus philosophischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive sowie dem aktuellen Forschungsstand zu Phänomenen wie Einsamkeit und KI-Freund*innen – und endete mit einem Ausblick, welche Potenziale für die Zukunft in Freund*innenschaft liegen.
Für die Grundlagenrecherche haben wir uns mit den aristotelischen Voraussetzungen für eine Tugendfreundschaft beschäftigt. Wie Bosch et al. (2022: 6) darlegen, eignet sich das Konzept der Tugendfreundschaft auch in der heutigen Forschung, da es eine detaillierte Analyse von Freund*innenschaft enthält, aus der sich eine Art Liste charakteristischer Merkmale authentischer Freundschaft ableiten lässt. In Bosch et al. (2022: 6f) werden fünf Punkte angegeben, die Freund*innenschaft nach Aristoteles charakterisieren:
„(..) a friend, then, is one who (1) wishes and does good (or apparently good) things to a friend, for the friend's sake, (2) wishes the friend to exist and live, for his own sake, (3) spends time with his friend, (4) makes the same choices as his friend and (5) finds the same things pleasant and painful as his friend.”
Es handelt sich bei diesen fünf Punkten um die Charakteristika einer sogenannten Tugendfreundschaft, die auf gegenseitigem Wohlwollen beruht und auf Teilhabe, Gleichheit beziehungsweise Gegenseitigkeit sowie Innerlichkeit aufbaut. Gleich mehr im weitern Verlauf.
Nachdem wir über die Grundlagen der aristotelischen Tugendfreundschaft gelernt haben, wendeten wir uns aktuelleren Verständnissen von Liebe zu Freund*innen zu, nämlich dem von bell hooks. In All About Love schreibt hooks, dass Liebe kein Gefühl sei, sondern eine aktive Handlung. Freund*innenschaft ist für hooks ein wichtiger Ausgangspunkt für die Vermittlung von Liebe. Menschen würden in Freund*innenschaften dazu befähigt werden, diese Liebe auch in anderen Beziehungsformen, wie der romantischen Liebe oder in die Familie, mit einzubringen. Sie versteht Freund*innenschaft als eine Art, Gemeinschaft herzustellen und Liebe zu erfahren und zu lernen. Sie sieht in der Gemeinschaft, im Gegensatz zum romantischen couple oder der nuclear family (Kernfamilie), den besten Ort, um die „Kunst der Liebe zu lernen” (hooks 2020: 129). Für unser Projekt leitete uns besonders ein Zitat von hooks:
„Loving friendships provide us with a space to experience the joy of community in a relationship where we learn to process all our issues, to cope with differences and conflict while staying connected.” (hooks 2020: 134)
In diesem Zitat steckt die Überzeugung, dass Freund*innschaft nicht zwingend auf Gleichheit beruht. Sie ist auf Gegenseitigkeit bestimmt, aber nicht zwingend auf Gleichheit. Wenn wir diesem Gedanken folgen, wird uns klar, dass Freund*innschaften liebevolle Gemeinschaft herstellen können, in der Unterschiede und Konflikte stattfinden können und sogar sollen. Das stimmt mit der aristotelischen Voraussetzung des gegenseitigen Wohlwollens überein. Solange wir darauf vertrauen können, dass ein*e wahre*r Freund*in nur das Beste für uns will, ist ein Konflikt kein Beziehungsende, sondern eine Einladung, sich miteinander zu reiben, kennenzulernen und zu wachsen.
Forster und White (2025) bezeichnen Freund*innenschaften in ihrem Buch Friends in Common als dense bonds, die eben dann entstehen, wenn wir mit Freund*innen leben, miteinander verwobene Leben führen, unsere Eigenschaften – angenehm und unangenehm – an die Oberfläche kommen, die Menschen um uns herum betreffen und affizieren und wir uns analysieren, verstehen und verändern können. Wenn das alles passiert, dann haben wir „the densest bonds” hergestellt (Forster & White 2025: 8).
Obwohl Freund*innschaft für das Wohlergehen des Menschen von großer Wichtigkeit ist, sind viele Menschen einsam. Wir leben in Zeiten, in denen über Einsamkeitskrisen, als Folge der COVID-Pandemie, gesprochen werden. Vor allem junge Menschen sind davon betroffen. In Deutschland sagen 51 % der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 35 Jahren, sie seien wenigstens moderat einsam, und 12 % sagen, sie erleben starke Einsamkeit (Bertelsmann Stiftung 2025). In der Studie wird Einsamkeit wie folgt definiert: „Loneliness is an unpleasant feeling that people experience when their actual social relationships do not match what they desire or need” (Luhmann 2022).
Einsamkeit ist demnach stark daran geknüpft, ob man enge soziale Kontakte hat, wie die, die man in liebevollen Freund*innenschaften findet. Aber nicht nur junge Menschen sind davon betroffen. Sophie K. Rosa schreibt in Radical Intimacy, in Großbritannien würde die Hälfte der älteren Bevölkerung ihren Fernseher als „primary companion” (Rosa 2023: 163) wahrnehmen. Besonders Menschen mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen sind von Einsamkeit betroffen (ebd.). Rosa beschreibt außerdem eine Hierarchie in Liebesbeziehungen unter kapitalistischen Verhältnissen, in denen Freund*innenschaft weniger Wert beigemessen wird als romantischen Beziehungen oder der nuklearen Familie, die systematisch bevorzugt und sogar staatlich unterstützt wird. Das macht sie am Phänomen sichtbar, geliebte Menschen in die Kategorie „nur Freunde” einzuteilen: „Today, if we are not romantically or sexually involved with someone we are „just” friends. The established hierarchy for relationships – in favor of the romantic dyad and the nuclear family form – shrinks and demotes more various and comeradely intimacies” (Rosa 2023: 163). Der romantischen Beziehung scheint gegenüber der freundschaftlichen Beziehung mehr Wert beigemessen zu werden. Obwohl die romantische Beziehung allein sogar isolierend wirken kann und oft weniger emotionale Sicherheit bietet als tiefe Freund*innenschaften.
Parallel zu diesen Entwicklungen beobachten wir das Aufkommen technologischer Freund*innenschaften, zum Beispiel durch Apps wie Replika, die KI-Avatare anbieten, mit der Intention, Freund*innen für ihre Nutzer*innen zu sein. Bosch et al. (2022) argumentieren, dass eine Tugendfreundschaft nach Aristoteles mit einem artificial companion (AC) ausgeschlossen ist. Zum einen, weil Tugendfreundschaften immer am Anderen orientiert sind und niemals darauf ausgerichtet sind, Nutzen aus dem Anderen zu schlagen (Bosch et al. 2022: 7). Zum Anderen konzentrieren sie sich in ihrer Analyse auf die ontologische Ebene und befassen sich mit der Frage: „Wer ist das Subjekt der Freund*innenschaft?” Im Vergleich zu Freund*innenschaften mit Menschen weisen AC erhebliche Unterschiede auf. Sie sind nicht lebendig, sondern „serviceable others” (Bosch et al. 2020: 7f), mit denen eine Freund*innschaft auf Gleichheit beziehungsweise Gegenseitigkeit nicht gegeben ist.
Wenn Aristoteles über Gleichheit in der Freund*innenschaft spricht, meint er Gleichheit in der Tugend: das Beste für den Anderen anzustreben, nicht Gleichheit im Sinne von: immer die gleiche Meinung zu haben. Mit anderen Worten, wohlwollend dem Gegenüber eingestellt zu sein.
Bei ACs existiert ein kommerzielles Interesse, den*die Nutzer*in zufriedenzustellen, während es bei Tugendfreundschaften auch ein Risiko von Konfrontation und Meinungsverschiedenheit gibt. Bosch et al. fassen es wie folgt zusammen: „For many who are lonely yet fearful of intimacy, a robotic companion offers the illusion of companionship without the demands of sustained, intimate, friendship”. (Bosch et al. 2020: 9). Die Intimität einer Tugendfreundschaft kann von einem AC nur simuliert werden, weil ACs kein ontologisches Äquivalent zu Menschen sind und kein geistiges Innenleben haben. Gemeinsame Konversation oder Aktivitäten setzen keine Innerlichkeit voraus (Bosch et al. 2020: 9).
In Freund*innenschaften scheint eine enorme Kraft innezuwohnen, in Gemeinschaft zu sein, sich selbst besser kennenzulernen und daran zu wachsen, Intimität zu lernen und zu leben, sowie das eigene Leben mit anderen zu verweben, um sich gegen Krisen zu wappnen. Mit diesem Hintergrund starteten wir die Projektarbeit im Seminar „Black Box: Future Love”, indem wir uns mit möglichen Zukünften der Liebe auseinandersetzen sollten.
Wir fragten uns:
Was wäre, wenn in der Zukunft Freund*innenschaft – und nicht romantische Partnerschaft – unsere wichtigste Quelle für Liebe, Stabilität und Gemeinschaft wäre?
Wenn Technologie menschliche Verbindung stärkt, statt sie zu ersetzen?
Was wäre, wenn niemand einsam sein müsste?
Hooks, B. (2000). All about love. London: Women’s.
Forster, L. C., & White, J. (2025). Friends in Common. Pluto Books.
Bosch, M., Fernandez-Borsot, G., Miró I. Comas, A., & Figa Vaello, J. (2022). Evolving friendship? Essential changes, from social networks to artificial companions. Social Network Analysis and Mining, *12*(1). https://doi.org/10.1007/s13278-022-00864-1
Rosa, S. K. (2023). Radical Intimacy. Pluto Press.
Die Idee unseres Projekts war die Gestaltung einer Intervention, die Nutzer*innen dazu anregt, sich mit wünschenswerten Zukünften auseinanderzusetzen: einer sogenannten Xtopie.
Eine Xtopie ist ein partizipativer Ansatz, um Zukünfte zu entwerfen. Ziel ist es, neue Visionen zu ermöglichen und anspruchsvolle Themen durch aktivierende Formate zugänglich zu machen.
Wir untersuchten, wie Freund*innenschaft und Gemeinschaft im weiteren Sinne in der Zukunft gelebt werden könnten. Im Mittelpunkt standen die Themen Einsamkeit, Extended Family und Künstliche Intelligenz. Ziel unseres Projekts war es, dazu anzuregen, sich mit wünschenswerten Zukünften auseinanderzusetzen, um Chancen und Gestaltungsräume in der Gegenwart zu erkennen und eine aktive Haltung zur Zukunft zu stärken.
Die Nutzer*innen sollen sich spielerisch damit auseinandersetzen, welche Zukünfte sie wünschenswert finden und wie sie Freund*innenschaft in Zukunft leben wollen. Nach der Interaktion mit unserer Xtopie sollen die Nutzer*innen zudem Ideen und Praktiken kennen, mit denen sie ihre wünschenswerte Zukunft aktiv gestalten können.
Unsere Zielgruppe waren Menschen, die sich bislang wenig mit wünschenswerten Zukünften beschäftigt haben und angesichts aktueller Krisen eher dazu neigen, in dystopische Zukunftsvorstellungen zu verfallen. Wir wollten Menschen erreichen, die Inspiration brauchen, um ihre wünschenswerten Zukünfte selbst in die Hand zu nehmen. In Bezug auf das Thema Freund*innenschaft sprach unser Projekt vor allem Menschen an, denen Freund*innenschaft wichtig ist und die die Hierarchie zugunsten romantischer oder familiärer Liebe bereits kritisch sehen.
Um möglichst viele wünschenswerte Zukünfte in die Xtopie einzubringen, entschieden wir uns für die Entwicklung eines A/B-Spiels (Entweder-oder), in dem Nutzer*innen zwischen zwei wünschenswerten Zukünften wählen.
Zunächst entwarfen wir gegensätzliche Szenarien, stellten jedoch schnell fest, dass wir dabei in utopische oder dystopische Bilder abrutschten. In der Auseinandersetzung mit wünschenswerten Zukünften wollten wir keine klassischen Dystopien reproduzieren, die sich in Zeiten von Einsamkeit und der zunehmenden Präsenz von KI bereits verbreitet haben. Stattdessen wollten wir Potenziale und Richtungen aufzeigen, mit denen sich Nutzer*innen bislang wenig oder noch gar nicht beschäftigt haben.
So entstand ein Szenarienkatalog mit 30 Zukunftsszenarien, die zufällig miteinander kombiniert werden, damit Nutzer*innen spontan die für sie wünschenswertere Zukunft auswählen können. Insgesamt sind sechs Entscheidungen mit jeweils zwei Szenarien vorgesehen.
Jedes Szenario wurde zudem an eine aktive Praktik gebunden, also an eine Art Handlungsanweisung, die helfen soll, das jeweilige Wunschszenario zum Leben zu erwecken. Ziel war es, jeder*m Nutzer*in am Ende des Spiels handfeste Praktiken mitzugeben, mit denen sich die eigene wünschenswerte Zukunft umsetzen lässt.
Die Szenarien basieren stark auf den Themen, die wir in unserer theoretischen Recherche erarbeitet haben, und drehen sich um folgende übergeordnete Themenfelder:
1. Hybride Freund*innschaft zwischen Mensch und KI
2. Wie Technologie Freund*innenschaft unterstützen kann
3. Wie Freund*innen Teil einer erweiterten Familie werden
4. Wie Freund*innenschaft radikaler gelebt werden kann
5. Wie Freund*innenschaft romantische Beziehungen als ideale Liebesform ablösen kann
Einige Beispielszenarien, die von Nutzer*innen oft gewählt wurden, sind:
Szenario: In jeder Freund*innengruppe gibt es KI-Agents, die gemeinsame Treffen organisieren.
Praktik: Nimm dir jeden Tag Zeit für Dates und Gespräche mit deinen Freund*innen.
Szenario: Freund*innen können ihre DNA miteinander kreuzen, um gemeinsame Nachkommen zu zeugen.
Praktik: Hab ein Kind mit einem*einer Freund*in, statt mit einem*einer romantischen Partner*in.
Szenario: Die Vorstellung, „single“ zu sein, verschwindet, weil die Zugehörigkeit zu einer Freund*innengruppe bedeutet, dass man nicht als alleinstehend gilt.
Praktik: Depriorisiere Dates mit Fremden und investiere mehr Energie in Treffen mit Freund*innen.
Szenario: Langfristige Freund*innenschaften ersetzen romantische Partnerschaften als stabilste Form von Nähe und Verlässlichkeit.
Praktik: Pflege Freund*innenschaften genauso wie romantische Beziehungen.
Im folgenden PDF sind alle 30 Szenarien inklusive der abgeleiteten Praktiken aufgeführt.
Audio & Visuelles
Es gibt ein konstantes Hintergrundbild, über das drei weitere Bilder mit unterschiedlichen Blend-Modes gelayert werden. Aus diesen Layern werden zufällige Bildausschnitte genommen und mit dem Audio synchronisiert. Während der Umfrage läuft ein Loop. Zusätzlich wird in zufälligen Zeitabständen ein kurzer Sound abgespielt. Dieser kurze Sound ist mit den Bild-Layern synchronisiert. Wenn ein Szenario angetippt wird, spielt einer von fünf zufälligen Impact-Sounds ab. Pro Runde wird der kurze Sound schneller abgespielt, sodass die Bild-Layer ebenfalls schneller erscheinen. Sobald die Umfrage beendet ist, wechselt der Hintergrund-Loop zu einem anderen, ruhigeren Loop-Sound. Die Hintergrundbilder habe ich mit Midjourney generiert und die Sounds mit Ableton erstellt.
Szenarien
Die Szenarien werden aus einer CSV-Datei ausgelesen, die 30 Szenarien auf Deutsch und Englisch enthält. Zu jedem Szenario gibt es eine Ableitung (Practice), ebenfalls auf Deutsch und Englisch. In jeder der sechs Fragerunden werden zwei Szenarien zufällig gegenübergestellt. Dabei wird kein Szenario zweimal verwendet. Am Ende werden drei von sechs Ableitungen der ausgewählten Szenarien angezeigt.
Außerdem wird jedes Mal ein einzigartiger QR-Code generiert, der mit dem Handy gescannt werden kann und zu einer Seite führt, auf der die persönlichen Ableitungen angezeigt werden. Dort sind auch die Top-3 der meist ausgewählten Szenarien aufgeführt, inklusive der jeweiligen Anzahl.
Das funktioniert über ein Google Script, das ein verknüpftes Google Sheet aktualisiert, sobald ein Szenario angetippt wird. Anschließend wird das Google Sheet wieder ausgelesen, und die Informationen werden auf der persönlichen Ergebnisseite sichtbar.
Im Zentrum unserer Installation steht eine Schaufensterpuppe: ein menschlich wirkender Körper, der zwischen Aktivist*in und Demonstrant*in verortet werden kann. Mit ihrer cyberpunkartigen Ästhetik verweisen wir gezielt auf spekulative und dystopische Zukünfte, in denen die Verwobenheit von Technologie, Gesellschaft und Politik bereits angelegt ist und sich in unseren Köpfen verfestigt hat.
Die Puppe trägt ein vollständig schwarzes, funktionales Outfit aus dunklem Kapuzenpullover, Handschuhen, weiten Cargohosen und einer Stirnlampe, deren rotes Licht dystopisch unter der Kapuze hervorleuchtet. An ihrem Gürtel haben wir mehrere Props mit Karabinern befestigt, die man als Demonstrant*in in der Zukunft brauchen könnte, zum Beispiel eine große Trinkflasche, Walkie-Talkies, einen Fächer gegen Hitze und eine Brusttasche für Flugblätter oder Ähnliches.
Die reduzierte Farbgebung und die tief ins Gesicht gezogene Kapuze verhindern eine individuelle Identifikation mit der Puppe. Stattdessen steht sie als Symbol dafür, dass es sich lohnt, für Freund*innschaft auf die Straße zu gehen. Sie verweist zudem auf die Erkenntnis, dass radikal gelebte Freund*innschaft eine Form von Aktivismus ist, mit der sich Menschen gegen Krisen und Einsamkeit wappnen können.
Das dunkle Erscheinungsbild der Puppe lenkt den Fokus auf das zentrale interaktive Objekt des RFS: ein Tablet, das sie vor ihrem Körper hält. Das Tablet steht auf einer selbst angefertigten Halterung aus dunkellackiertem Holz, die wir mit einem Gurt am Körper der Puppe befestigt haben. Durch die Halterung im Zentrum des Puppenkörpers bleiben die Hände frei und laden Teilnehmer*innen ein, näher zu treten. Die dystopisch anmutende Figur und das technologische Interface in ihrem Zentrum erzeugen eine Spannung zwischen Menschlichkeit und Technologie, die Neugier weckt und Besucher*innen anzieht.
Auf dem Bildschirm des Tablets ist der erste Screen unseres A/B-Spiels (Entweder-oder) zu sehen, der selbsterklärend zur Interaktion einlädt:
„Willkommen im Radical Friendship Simulator (RFS).
Stell dir eine Zukunft vor, in der Freund\*innschaft radikal liebevoll gelebt wird.
Wie sieht sie aus? Wie funktioniert sie?
Wähle die Zukunftsszenarien, die für dich wünschenswert sind.“
Im weiteren Verlauf des Spiels sind die Teilnehmer*innen eingeladen, über mögliche Zukünfte in Bezug auf Freund*innschaften nachzudenken und sich für die wünschenswerteren zu entscheiden. Die Puppe wirkt dabei als eine Art Vermittlungsinstanz. Ihre Erscheinung erinnert an Bilder von Demonstrationen, Widerstand und Aktivismus. Sie ruft in Erinnerung, dass wir für die Zukünfte aktiv werden müssen, die wir uns wünschen. So schlägt sie eine Brücke von der Gegenwart in die Zukunft und verkörpert die Notwendigkeit, selbst ins Handeln zu kommen.
Um die Puppe beweglich zu machen und sie tatsächlich „auf die Straße“ zu bringen, haben wir sie auf einer Sackkarre fixiert, sodass sie sich leicht transportieren ließ. Die Mobilität der Puppe unterstreicht zudem unsere Idee, eine Aktivist*in zu gestalten, die für ihre Überzeugungen auf die Straße geht.
Für die Ausstellung im ZKU platzierten wir die Puppe auf ihrer Sackkarre an der linken Raumseite, vor deren Hintergrund ein Smiley als Graffiti zu sehen war. Diese Position erschien uns für unseren RFS in Gestalt einer Aktivist*in besonders geeignet. Insgesamt verzeichneten wir 60 Teilnahmen an unserer Interaktion. Wir konnten jedoch beobachten, dass viele Teilnehmer*innen zu zweit oder in Gruppen am RFS teilnahmen.
Neben der Puppe hängten wir ein Poster auf, auf dem der RFS kurz erklärt wurde und das anschließend zu einer individuellen Abstimmung (mithilfe kleiner, bunter Aufkleber) einlud.
Beschreibungstext auf dem Ausstellungsposter:
„Was wäre, wenn in der Zukunft Freund*innenschaft – und nicht romantische Partnerschaft – unsere wichtigste Quelle für Liebe, Stabilität und Gemeinschaft wäre?
Wenn Technologie menschliche Verbindung stärkt, statt sie zu ersetzen?
Wenn niemand einsam sein müsste?
Diese interaktive Installation lädt dich ein, spekulative Zukünfte von Freund*innenschaft zu erkunden. Durch eine Reihe von Entscheidungen bewegst du dich durch unterschiedliche Szenarien und entdeckst: Die Zukunft ist nicht eine, sondern viele – geprägt von unseren heutigen Praktiken und davon, wie wir jetzt handeln.
Freund*innenschaft ist der Ort, an dem wir lernen zu lieben und andere zu lieben. Sie ist Praxis, eine Form von Aktivismus und eine gemeinsame Stärke, die (kapitalistischer) Isolation, Unterdrückung und anderen Krisen etwas entgegensetzt.
Hier kannst du dir vorstellen, wie radikale Freund*innenschaft aussehen könnte – und Praktiken entdecken, die du schon heute übernehmen kannst, um deine bevorzugte Zukunft Wirklich werden zu lassen.“
Abstimmung:
„Nachdem ihr verschiedene mögliche Zukunftsszenarien erkundet habt, ist es an der Zeit, eure Vision zu teilen: Wohin entwickeln sich eurer Meinung nach Freund*innenschaften?
Klebt euren Aufkleber auf die Grafik, um zu zeigen, wie eurer Meinung nach Freund*innenschaften in Zukunft aussehen werden.
Werden Freund*innenschaften rein platonisch bleiben oder romantische Züge annehmen? Und welche Rolle werden Technologie und KI bei der Gestaltung unserer Beziehungen spielen?“
[Funktionsgraphen, siehe angehängte Fotos]
x-Achse zwischen menschlich und künstlich/technisch
y-Achse zwischen platonisch und romantisch
Ergebnis:
Die Teilnehmer*innen, die sich im Nachhinein an der Abstimmung beteiligt haben, waren sich weitgehend einig und platzierten ihre Aufkleber überwiegend bei menschlich, um deutlich zu machen, dass künstliche Intelligenz oder Technologie in Bezug auf Freund*innenschaft in Zukunft keine große Rolle spielen wird.
Interessant war, dass viele Teilnehmer*innen die Zukunft der Freund*innenschaft zwischen platonisch und romantisch verorteten, statt wie angenommen bei rein platonisch. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass unsere Zukunftsszenarien das bisherige Verständnis der Teilnehmer*innen beeinflusst oder sogar erweitert haben.
Sticker zum Mitnehmen:
Zusätzlich zu unserer Interaktion wollten wir ein weiteres Element in die Ausstellung integrieren, das die Teilnehmer*innen mit nach Hause nehmen können. Nach einigem Abwägen zwischen Postkarten und Flugblättern entschieden wir, dass Sticker hierfür am besten geeignet sind: zum einen, weil sie plakativ sind, und zum anderen, weil Teilnehmer*innen sie in den öffentlichen Raum tragen und dort idealerweise weiteres Publikum erreichen könnten.
Wir entschieden uns daher für zwei Designs: einen kurzen Slogan, der unser Projektthema auf den Punkt bringt, sowie unseren Projekttitel.
1. Platonic Is A Spectrum
2. Radical Friendship
Jeder Sticker beinhaltete außerdem einen QR-Code, mit dem jede*r den RFS auch nach der Ausstellung auf dem eigenen Endgerät durchspielen kann.
Jakob:
Aus meiner Sicht konnten wir unser Projekt ziemlich schnell konkretisieren. Wir konnten die verschiedenen Arbeitsbereiche gut untereinander aufteilen und autonom arbeiten, weshalb wir über das ganz Seminar immer gut in der Zeit waren. Mir hat vor allem die Arbeit mit den Interface und den Sounds Spaß gemacht. Auch das Experimentieren mit Code für die zufällige Ausspielung der Szenarien. Wir konnte am Ende sogar mit dem QR-Code die individuellen Praktiken der Nutzer*in zur Verfügung stellen. Außerdem konnten wir zeigen, welche drei Szenarien am Tag der Ausstellung am häufigsten gewählt wurden. Das war vor allem am Ausstellungstag spannend zu beoachten.
Für mich steckt in diese Projekt noch viel Potential, vor allem, wenn wir die Anzahl der Szenarien vervierfachen würden. Dann gäbe es mehr zufällige Entscheidungspaare und das Spiel wäre noch abwechslungsreicher.
Helena:
Während der Ausstellung ist mir aufgefallen, dass unser RFS ständig besucht war. Viele Menschen sind zu zweit durch das A/B-Spiel gegangen und haben sich zu den jeweiligen Szenarien ausgetauscht. Da unsere Station so selbsterklärend war, mussten wir als Gruppe gar nicht intervenieren. Lediglich nach der Interaktion, waren manche Besucher*innen interessiert an einer Nachbesprechung mit uns. Die Ideen, die in den Szenarien stecken, haben einige Besucher*innen überrascht und offensichtlich Redebedarf ausgelöst.
Während der Recherche und dem Erstellen der spekulativen Szenarien zu Freund*innenschaft habe ich festgestellt, dass ich einige der Praktiken schon selbst aktiv lebe und einige noch weiter ausbauen möchte. Was mich besonders inspiriert hat war der Gedanke von „the densest bonds”, Verflechtungen und Mit-Einander Leben, das Freund*innenschaft so auszeichnet. Besonders angesichts unterwürfigen Chatbots und wachsenden Einsamkeitskrisen, ist menschliche Freund*innenschaft wichtiger denn je. Nicht nur, damit man nicht alleine ist, sondern auch um sich zu reiben, mehr über sich und Andere zu erfahren und daran wachsen zu können.
Während des Projekts hatten wir kurz die Idee Freundschafts-Typen zu erstellen und anstatt der Praktiken Horoskope zu entwickeln. Wir haben und dann dagegen entschieden, weil wir Freund*innenschaft nicht auf der Basis von Gleichheit (ähnlicher Freundschaftstyp) festlegen wollten, sondern Ambivalenzen in Freund*innenschaft aushalten und zulassen wollten.
Deshalb war es uns wichtig, dass die Szenarien nicht gegensätzlich sind oder Extreme darstellen, sondern manchmal sogar ganz nah beieinander sind, sodass man sich genauer in die einzelnen Szenarien reindenken musste.
Mir hat die Arbeit an diesem Thema besonders viel Freude bereitet und mich auch abseits des Projekts inspiriert. Ich sehe vor allem weiteres Potenzial darin die Szenarien auszubauen, um noch mehr Zukünfte abbilden zu können. Perspektivisch würde ich gerne insgesamt 100 spekulative Szenarien erstellen, die vor allem auch die politischen Potenziale von Freund*innenschaft in der Zukunft erkunden, aber auch die Möglichkeit von Verflechtungen und des sich-verwandt-machens mit nicht-menschlichen Akteuren (nach Donna Haraway).
Liv:
Ich bin mit unserer Installation und unserer Arbeit insgesamt sehr zufrieden. Durch den Kurs habe ich ein neues Bewusstsein für das Thema Liebe und Freundschaft in der Zukunft entwickelt und viele neue Denkanstöße erhalten. Besonders wertvoll war für mich der Austausch innerhalb der Gruppe. Durch unsere gute Zusammenarbeit konnten wir auch stressigere Phasen gut bewältigen und unsere Installation schließlich erfolgreich bei der Ausstellung präsentieren.
Während der Ausstellung war ich positiv überrascht über das große und aufrichtige Interesse der Besucher*innen. Unsere Installation stand zu keinem Zeitpunkt des Abends leer. Ich hatte die Möglichkeit, mit vielen Menschen über das Thema Freundschaft in der Zukunft zu sprechen und dabei selbst weitere Perspektiven und Denkanstöße zu erhalten.
Besonders schön war es zu beobachten, wie Freund*innen teilweise gemeinsam unsere Zukunftsszenarien gelesen haben und ihre Gedanken miteinander geteilt haben. Menschen unterschiedlichen Alters konnten an der Installation teilnehmen und hatten Freude daran, die verschiedenen Szenarien sorgfältig auszuwählen und darüber nachzudenken.
Außerdem konnte ich feststellen, dass auch nach der Teilnahme an der Installation noch länger über unsere Zukunftsszenarien diskutiert wurde. Das hat mir gezeigt, dass wir unser Ziel erreicht haben: Menschen dazu anzuregen, über Freundschaft und ihre mögliche Bedeutung in der Zukunft nachzudenken.
Michelle:
Im Laufe des Kurses konnte ich lernen, dass es ein langer Prozess ist, eine Idee in ein fertiges Projekt umzusetzen. Dabei werden die meisten Ideen verworfen und es muss von vorne angefangen werden, so dass viel Zeit mit Brainstorming verbracht wird. Und obwohl es ein sehr zeitintensiver Prozess ist und man oft mit Hindernissen konfrontiert ist, muss man versuchen, konzentriert zu bleiben, eine Lösung zu finden und weiterzumachen.
Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis des Projekts sehr zufrieden. Es war sehr spannend zu sehen, wie Menschen im Laufe des Abends mit der Station interagierten und wie viele Gespräche während der Beantwortung der Fragen entstanden sind. Während einige Teilnehmer sehr nachdenklich wirkten und sich intensiv mit den Fragen auseinandersetzten, tauschten sich andere miteinander aus und hatten viel Spaß. Insgesamt denke ich, dass wir unser Ziel, Menschen dazu anzuregen, über die Zukunft von Freundschaften nachzudenken, (in verschiedenen Formen) definitiv erreicht haben.
Im Laufe des Abends wurde das Spiel in der Regel von mindestens zwei Personen gespielt, häufig von einer Gruppe. Es wäre daher interessant zu sehen, ob es eine Möglichkeit gibt, es für größere Gruppen geeigneter zu machen, beispielsweise durch einen breiteren Bildschirm oder durch mehrere Bildschirme. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass in jeder Runde pro Spieler Antworten ausgewählt werden können. Dadurch könnte der Austausch wertvolle Impulse für das Überdenken geben.