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Identitäre Bewegung

In dem Kurs »Massive Change. Gesellschaftliche Re-Form-Bewegungen und ihr Design« bei Prof. Marion Godau im Sommersemester 2017, setzten wir uns in mehreren kleinen Gruppen damit auseinander, ob und inwiefern das Design die Politik und die Politik das Design beeinflusst.

»Politiken des Designs« hieß das semesterübergreifende Hochschulthema, bei welchem der Fokus auf der Auseinandersetzung mit der derzeitigen innen- sowie außenpolitischen Lage (z.B. »Flüchtlingswelle«, Rechtsruck etc.) lag. Auch unsere Gruppe suchte in diesem Seminar die Anknüpfungspunkte zur Politik, konkreter formuliert zum politischen Agieren diverser politisch rechts orientierter Strömungen. Wir beschäftigten uns vor allem damit, wie sich ihr Auftreten nach Außen gestaltet und welche Rolle das Design in diesem Kontext einnimmt.

Nach ersten Recherchen merkten wir, dass dieses Thema auf der einen Seite sehr umfassend ist, es auf der anderen Seite aber auch eine gewisse Schwierigkeit mit sich bringt, geeignetes Material für Untersuchungen zu finden. Viele Artikel verschwinden sehr schnell wieder aus dem Netz, viele dieser Gruppierungen machen gar nicht so stark visuelle Werbung, wie von uns anfangs vermutet und natürlich muss ein gemeinsamer Nenner zwischen all den verschiedenen Gruppierungen gefunden werden, welche die Ergebnisse der Recherchearbeit auch miteinander vergleichbar macht. Daraufhin entschieden wir, das Spektrum einzugrenzen und uns auf eine Gruppierung zu konzentrieren und die Recherche bezüglich dieser zu vertiefen.
Die Wahl ist dabei auf die sogenannte »Identitäre Bewegung« gefallen. Zum einen sind hier Beobachtungen auf visueller Ebene interessant. Zum anderen machte ihr Gesamtauftreten und die verwendete Rhetorik – besonders in Bezug auf ein Zielpublikum in unserer Altersgruppe – sie spannend für unsere weiteren Untersuchungen.
»Als Identitäre Bewegung (auch Identitäre Generation, kurz Identitäre) bezeichnen sich mehrere aktionistische, völkisch orientierte Gruppierungen, die ethnopluralistisch-kulturrassistische Konzepte vertreten. Sie gehen von einer geschlossenen „europäischen Kultur“ aus, deren „Identität“ vor allem von einer Islamisierung bedroht sei.« [https://de.wikipedia.org/wiki/Identitäre_Bewegung]
Ein großer Teil unserer Untersuchungen und Beobachtungen war die Website der Identitären Bewegung und das Auftreten und Verhalten von Mitgliedern auf sozialen Plattformen, da, wie wir herausfanden, die Nutzung des Internets charakteristisch und von großer Bedeutung für die Identitäre Bewegung ist. Es wird unter anderem genutzt für die virtuelle Berichterstattung, es ermöglicht ihnen die Simulation eines fortlaufenden Protestgeschehens und schafft Mobilisierungspotenzial. Ihre jugendaffine Ästhetik, ihr für junge Leute ansprechendes Auftreten, ihre interpretationsoffenen Inhalte und die auf den ersten Blick harmlos scheinenden Posts und Bilder im Internet bergen vor allem die Gefahr, dass sich Jugendliche angesprochen fühlen und womöglich die klar rechtsextremen Ideologien etc., die sich dahinter verbergen, nicht erkennen.

Das beabsichtigte, kontroverse Auftreten der Identitären Bewegung als Teil ihrer Strategie, sollte auch eine kontroverse Darstellung der 'Aufklärung' finden. Ein auf den ersten Blick unscheinbarer Jugend-Schreibtisch, als Fotografie auf einem A1-Plakat. Abgebildet sind ebenso auf den ersten Blick unscheinbar wirkende Elemente, welche alle einen Bezug zu den Identitären haben. Diese Elemente funktionieren als kleine Fenster, die man aufklappen kann. Dahinter erscheint eine zweite Ebene, eine Textebene, welche die 'ungeschönte Wahrheit' über die Identitäre Bewegung, das 'wahre Gesicht', aufzeigt und die womöglich bestehende vorherige Meinung, die Identitäre Bewegung sei harmlos etc., revidiert.
Die Texte entstammen aus öffentlichen Tweets der Idenitären Bewegung auf sozialen Plattformen, wie Instagram, Facebook oder Twitter.

Das entstandene, interaktive Plakat stellten wir bei der Werkschau der FHP im Juli 2017 aus. Von den Besuchern wurde es sehr häufig und mit großem Interesse betrachtet und benutzt. Auf Nachfrage hin, erklärten viele der Besucher, dass sie den Namen Identitäre Bewegung zwar schon einmal gehört haben, über ihr Denken und Handeln aber nicht detailliert informiert waren und sie unser Plakat somit sehr interessant, aufschlussreich und bereichernd fanden. Andere waren bereits mit dem Konzept und den Ideologien der Gruppierung vertraut und bestätigten unseren Ansatz, dass die Identitäre Bewegung durch ihre harmlos scheinende Ästhetik, vor allem auf sozialen Plattformen und dort besonders für Jugendliche, eine große Gefahr darstellt. Diesbezüglich fanden sie unsere Umsetzung des Themas in Form eines interaktiven Plakates sehr passend und treffend. Als Ergänzung schlugen einige vor, mehr Hintergrundinformationen über die Gruppierung und eventuell mehr Rechercheergebnisse zusätzlich zu präsentieren.
Für uns persönlich war es ebenfalls sehr bereichernd und lehrreich sich diesem politischen Thema zu nähern und sich auch im Designkontext damit zu beschäftigen: Auf einer ersten Ebene war es sehr interessant, sich die Gestaltung, das visuelle Auftreten, die Ästhetik der Gruppierung anzuschauen und zu analysieren. Auf einer zweiten Ebene ist uns ein Stück weit bewusst geworden, welches großes Potenzial eine Verbindung, eine Zusammenarbeit, von Design und Politik hat; was man womöglich damit erreichen kann, in unserem Fall, wenn auch in kleinem Rahmen, Aufklärung über eine rechtsextreme Gruppierung, die womöglich auf den ersten Blick harmlos erscheint. Die Konzipierung einer adäquaten, visuellen Umsetzung unseres Anliegens trug das Thema an die Besucher heran. Auf der anderen Seite liegt in diesem Potenzial eben auch die Gefahr das 'gemeinsame Können' von Design und Politik zu missbrauchen, auszunutzen. Beispielsweise wie es die Identitäre Bewegung tut: Das Design, das ästhetische, jugendaffine Auftreten etc., wird für die Mobilisierung und Gewinnung von jungen, womöglich ahnungslosen Leuten benutzt.

Art des Projekts

Studienarbeit im Hauptstudium

Betreuung

Prof. Marion Godau

Zugehöriger Workspace

Massive Change. Gesellschaftliche Re-Form-Bewegungen und ihr Design.

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2017