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Experimental Typography

Eine typografische Aufarbeitung der Geschichte und des Lebens Julia Pastranas. Losgelöst von jeglichen typografischen Regeln, unter der Anwendung verschiedener experimenteller Strategien und in Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe Apparatjik.

JULIA PASTRANA ist eine mexikanische Frau, die von 1834 - 1860 lebte. Sie wurde bekannt als „Affenfrau“, da sie am ganzen Körper behaart war und wie eine Attraktion gehandelt wurde.

APPARATJIK ist ein internationales Künstlerkollektiv, welches zusammen mit der mexikanischen Künstlerin Laura Anderson Barbata an einer Oper über Julia Pastrana arbeitet.

Wir nutzen unterschiedliche Methoden der EXPERIMENTELLEN TYPOGRAFIE, um die Lebensgeschichte von Julia Pastrana aufzuarbeiten. Inhaltlich nutzen wir ausschließlich Zitate aus Zeitungsartikeln bis 1850, die wir in einer Online-Recherche gesammelt hatten.

In selbst organisierten WORKSHOPS experimentierten wir mit den unterschiedlichen Methoden.
Ich beschäftigte mich ausführlich mit der Methode der Handschrift als Körperarbeit und erarbeitete hierzu einen Workshop.


H A N D S C H R I F T

ALS KÖRPERARBEIT

Um einen Stift richtig halten zu können benötigen wir 28 Muskeln, die regelmäßig trainiert werden müssen, um nicht zu verkümmern. Das Schreiben ist eine anspruchsvolle feinmotorische Fähigkeit, welche eine Meisterleistung des Gehirns ist. Es war seit vielen Jahren eine Selbstverständlichkeit, dass in der Schule handschriftliches Schreiben gelehrt wurde. Finnische Schulen schenken der Tastatur seit 2016 mehr Aufmerksamkeit als dem Stift. Sie lernen das Schreiben mit dem Stift nicht mehr.
Vielleicht wird die Handschrift, wie auch die Vinyl-Platte bald zu einer kostbaren Rarität.
Cy Twombly, ein US-amerikanischer Maler, Fotograf und Objektkünstler arbeitet mit der Faszination, die die Handschrift haben kann.
Cy inspirierte mich, er konnte ganze Leinwände mit seiner geschwungenen Handschrift füllen und damit eine enorme Wirkung erzielen.

Ich befasse mich mit der Handschrift als Arbeit mit dem und durch den eigenen Körper. Handschrift kann mehr als nur das geschriebene Wort vermitteln. Sie kann eine Bewegung sein, die bewusst gesteuert und zweckgebunden ist. Sie kann aber auch Resultat einer bestimmten Situation, eines Gefühls sein; einer Geschichte, die nicht nur durch ein gedrucktes Wort erzählt werden möchte, sondern ganz speziell durch den Verfasser. Handschrift ist jedes mal aufs Neue ein Unikat.

Um überhaupt erstmal ein Gefühl dafür zu bekommen, was „Schrift als Körperarbeit“ für mich bedeuten könnte, beschriftete ich Wände, die größer waren als ich, sodass ich meinen ganzen Körper bewegen konnte und Papiere, auf die ich stundenlang immer wieder das gleiche schrieb, sodass ich auch hier an eine körperliche Grenze stieß.

Handschrift fesselt und fasziniert. Sie gibt uns zumindest das Gefühl mehr als nur der Gedanke des Verfassers zu sein. Sie ist echt und unverschleiert. Sie ist eine Bewegung unseres Körpers, die sich auf das Papier überträgt. Sie gleicht einem Tanz, der Spuren hinterlässt. Unsere Unterschrift ist unser geschriebener Fingerabdruck. Sie besiegelt die Gültigkeit von Rechtsgeschäften und vertritt uns auf Grußkarten.


# w o r k s h o p

In meinem Workshop nehme ich dem Körper die gewohnte Haltung des Stiftes, Betrachtet das Geschriebene nicht als Informationsschlüssel, sondern als Ausdruck einer innerlichen Bewegung und schenken dem Spiel aus Linien und Punkten, Ecken und Bögen, Kreisen und Schleifen seine gebührende Aufmerksamkeit.

Ich zeigte den Teilnehmer*innen des Workshops unterschiedliche Stifthaltungen, mit denen sie immer wieder das gleiche Wort schreiben sollten. So entstanden unterschiedliche Reihen ein und desselben Wortes, welches sich teilweise bizarr verformte, aber dennoch seinen Platz in der Gruppe fand und sichtbar aus der gleichen Feder stammte.

Ich erarbeitete verschiedene Stationen, in denen die Teilnehmer*innen zum Beipsiel ihre Augen schlossen und versuchten Emotionen durch den Stift Ausdruck zu verleihen, mit der Nasenspitze an der Wand standen und den eingeschränkten Bewegungsfreiraum nutzen, um Zitate niederzuschreiben. An einer anderen Station stellte sich der Schreibenden vor eine zweite Person und schloss die Augen. Die zweite Person griff die Schreibhand des Schreibenden und schrieb ein zitiertes Wort in die Luft. Diese Bewegung versuchte der Schreibende blind auf Papier wiederzugeben.


# e r g e b n i s s e

Teilnehmer*innen: Clara Köhler, Theresa Schlipf, Jakob von Kietzell, Jakob Werner, Jo Swarzynska und ich


A N D E R E _ W O R K S H O P S

Ich nahm außerdem noch an den Workshops Abstraktion, Serie, Muster, Raum und Deprofessionalize teil.
Hier ein paar Beispiele zum Entstandenen:


A U S S T E L L U N G

Mit Jakob von Kietzell, Clara Köhler und Jakob Werner gestalteten wir eine Wand mit ausgesuchten Werken, die in dem Kurs entstanden waren.
Wir drucken alles auf orange und gelb leuchtenden DIN A4 Papieren. Einmal für die Werkschau und einmal für die Ausstellung zusammen mit Apparatjik in Stettin.
Samt der Papierstapel fuhren wir nach Polen, um dort die Papiere an die Wand der Philharmonie zu hängen.

F A Z I T

Das Workshop-Format hat mir sehr gut gefallen. Sowohl selber einen vorzubereiten und mit den Teilnehmer*innen zu arbeiten, als auch in anderen Workshops zu experimentieren und keine Angst vorm Fehler machen zu haben. Ich mochte die entspannte Stimmung und die angeleitete aber freie Arbeit in kleinen Gruppen. Leider fehlte mir ein „wieder-zusammenkommen“ am Ende des Semesters. Da die Workshops getrennt voneinander stattgefunden haben, fiel der Kurs in einzelne Gruppen auseinander.
Ich habe mich sehr über die Chance gefreut, mit dem Entstandenen an die Öffentlichkeit treten zu können. Deswegen lag mir die Ausstellung in Stettin und die Zusammenarbeit mit Apparatjik sehr am Herzen. Es war ein spannender und lehrreicher Prozess bis die Zettel alle klebten.
Stettin war super. Danke für die große Pizza und den Sekt im Hinterhof der Philharmonie.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Keine Angabe

Zugehöriger Workspace

The Story of Julia Pastrana (with Apparatjik) & Y (A Book About) Strategies In Experimental Typography

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2018 / 2019