Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam

In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre

Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam mehr erfahren

Russland. Meine fremde Heimat. Ein zweisprachiges Buchprojekt

Russland. Meine fremde Heimat. Ein zweisprachiges Buchprojekt

Verstand wird Russland nie verstehn,
Kein Maßstab sein Geheimnis rauben;
So wie es ist, so lasst es gehn –
An Russland kann man nichts als glauben.
Fjodor Tjuttschew, 1866

Zielsetzung

Mittlerweile lebe ich seit neun Jahren in Deutschland und habe inzwischen eine besondere Beziehung zu meiner Heimat. Sie ist viel stärker als damals, als ich noch dort lebte und nur weg wollte. Ich finde das Gedicht von Tjuttschew wunderbar passend zu meiner Sicht auf Russland. Russland gibt mir ein warmes, vertrautes Gefühl, das ich in mir trage.
Diese Vertrautheit mit Russland möchte ich gerne an mein Kind weitergeben. Mit Alma spreche ich lediglich Russisch, sie spricht bisher nur Deutsch, versteht aber alles. Neben der Sprache möchte ich ihr aber auch die russische Kultur, wie ich sie erlebt habe, vermitteln. Ein geeignetes Medium wäre ein Kinderbuch ‒ das Ziel dieser Arbeit besteht somit darin, ein Kinderbuch für russisch-deutsche Kinder zu illustrieren.
Bei den theoretischen Grundlagen gehe ich wie folgt vor: Zunächst definiere ich den Begriff Kultur. Sodann werde ich Theorien vorstellen, die sich mit den Spezifika eines Aufwachsens mit zwei Sprachen und zwei Kulturen befassen. Es folgt eine Übersicht von Kinderbüchern, die sich an deutsch-russische Kinder richten. Auf dieser Grundlage suche ich nach einer visuellen Antwort auf die Frage: Was ist russische Kultur? Dieser Frage möchte ich mich durch meine eigenen Erfahrungen sowie durch Gespräche mit Familien in ähnlichen Situationen annähern. Die gesammelten Erkenntnisse sollen helfen das Buchprojekt zu entwickeln. Das fertige Buch soll bei Kindern Neugier wecken mehr über das russische Leben und die russische Kultur zu erfahren. Das Projekt richtet sich an Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren mit russischen Wurzeln, sowie deren Verwandte und Freunde, die diese vermitteln wollen. Durch die Illustrationen sollen Kinder die für sie neuen und interessanten kulturellen Aspekte selbst auswählen und dadurch ihre Eltern anstoßen, die eigenen Geschichten zu erzählen.

Inhaltliche Entscheidungen

Bei der Entwicklung der Illustrationen war meine wichtigste Frage, welche Aspekte ein Kinderbuch enthalten muss, das die Kultur Russlands näher bringen soll. Welche Themen sind relevant und welche Szenen wiederholen sich von Familie zu Familie? Womit kann sich jeder, der in Russland groß geworden ist identifizieren und welche Objekte rufen ähnliche Erinnerungen hervor? Was unterscheidet Russland von Deutschland? Wie kann man all diese Besonderheiten mithilfe von Bildern umsetzen?
Ich habe mir selbst diese Fragen gestellt und eine Mindmap zur russischen Kultur entwickelt, wobei mir als Erstes Begriffe aus der Oberflächenkultur einfielen:
- Sprache
- Alltagsleben
- Essen
- Traditionen
- Feiertage
- Geografische Fakten
- Erfindungen
Zu jeder Themenwelt fielen mir dann viele weitere Begriffe und auch neue relevante Themen ein und ich war sehr erstaunt, wie weit gefächert der Inhalt der Mindmap wurde. Je tiefer ich mich mit einem Thema beschäftige, desto mehr Elemente der Tiefenkultur tauchten auf. Fast jeden Tag kam Neues dazu – aus eigenen Überlegungen und Beobachtungen sowie aus den zahlreichen Gesprächen, Umfragen und Recherchen. Dank der erstellten Mindmap sehe ich meine Heimat schon mit etwas anderen Augen.
Danach kam der nächste Schritt – die Herausforderung, aus dem großen Sammelsurium einen Leitfaden zu entwickeln, nachdem das Buch aufgebaut werden sollte. Für mich war klar, dass es kein reines Bildwörterbuch werden dürfte, in dem auf jeder Seite ein neues Thema aufgemacht wird. Bildwörterbuch vermitteln lediglich Vokabeln, mir war es aber wichtig, Emotionen und Erinnerungen der russischen Eltern näher zubringen. Die Seiten meines Buches sollen miteinander im Zusammenhang stehen und sich gegenseitig ergänzen. Somit entschied ich mich, die Struktur des Buchprojektes nach den Jahreszeiten aufzubauen. Es sollen am Ende vier vollständige Bücher gestaltet werden, die jeweils eine Saison bildlich darstellen.
Im praktischen Teil meiner Arbeit werde ich mich mit einer Jahreszeit gründlich auseinandersetzen und diese ausarbeiten. Dies wird der russische Winter, weil er einen besonderen Stellenwert in der russischen Kultur einnimmt. Der Winter ist in Russland ganz besonders kalt, wenn man draußen ist und fast unerträglich warm, wenn man im Haus, in der Metro oder beim Einkaufen ist.
Aus jedem Bereich meiner Mindmap habe ich Themen ausgewählt, die im Winter-Buch erwähnt werden sollen. Einige davon sind:
- warme Kleidung für draußen
- leichte typische Wechselkleidung für drin
- Aktivitäten mit Kindern draußen
- Spiele im Schnee und auf dem Eis
- typische Wintersportarten
- Traditionen zur Silvesterfeier
- die Wohnung im Winter
- Zubereitung der typischen Gerichte
- Teekultur
Beispielhaft möchte ich eine Szene vorstellen: das Tee trinken. Dazu wird nicht selten die schönste Tischdecke und Porzellan aufgedeckt. Der Tee wird den Gästen fertig aufgebrüht in der Tasse gereicht. Würfelzucker und Zitrone gehören als fester Bestandteil zur Teezeremonie. Zusätzlich wird von dem Gastgeber Warenije serviert. Wahre Kenner der russischen Teezeremonie nehmen einen Löffel der Konfitüre oder einen Zuckerwürfel in den Mund und lassen den Tee darüber laufen. Wer noch etwas ungeübt ist, kann den Zucker beziehungsweise die Konfitüre aber auch erst einmal in die Tasse löffeln. Wenn der Tee noch zu heiß ist kann man ihn in die Untertasse gießen und vorsichtig daraus trinken. Hungrig verlässt man nie eine echte russische Teezeremonie: Blini, Piroggen, Baranki, Prjaniki, Konfekt oder auch Obst sind angesehene Begleiter des Tees und sorgen dafür, dass alle sich wohl fühlen. Das Wichtigste bei einer russischen Teezeremonie ist und bleibt allerdings das Gespräch. Kein Treffen mit Freunden, keine familiäre Feier ohne Tee.
An dieser Stelle kann man dann auf die Tiefenkultur verweisen: Jeder, der in Russland groß geworden ist und solche Bilder sieht, wird sich an die schönen Momente im Familienkreise oder mit Freunden erinnern, egal ob man an einem runden oder einem eckigen Tisch gesessen hat, egal welche Piroggen die Oma gebacken hat und welches Lieblingskonfekt auf dem Tisch zu finden war. Wie hat sich das Zusammensein angefühlt, wie standen die Familienmitglieder zueinander, wem wurde würdevoll zugehört, was für Themen wurden angesprochen und wie oft kam man zusammen.
Dies alles sind Erinnerungen, die uns als Erwachsene ausmachen und prägen. Die Abbildung einer Teezeremonie soll russischen Eltern ermöglichen, ihren Kindern von ihren eigenen Erinnerungen zu berichten. Unsere Kinder sind ein Teil von uns und sind in der Regel sehr neugierig und wissensdurstig. Im Alter von ungefähr drei Jahren fangen sie an, Interesse an der Kindheit der Eltern zu zeigen. Also ist ein solches Buch ein perfekter Begleiter auf dem gemeinsamen Weg des Gebens und Nehmens.

Visuelle Entscheidungen

Die visuelle Sprache des Buches sollte unkompliziert und für kleine Kinder möglichst verständlich sein. Auf die Eltern sollte der illustrative Stil vertraut wirken und Erinnerungen an die eigene Kindheit wachrufen.
Ich entschied mich kollagenartige Illustrationen mit Hilfe von glatten sowie gemusterten Papieren und Stoffen zu erstellen. Diese wurden mit detaillierten Zeichnungen verfeinert.
Mit dieser Technik sollte der Eindruck vermittelt werden, als ob die Illustrationen während des Erzählens entstanden worden sind. Die Kinder, die das Buch anschauen, sollten sich so fühlen, als hätten sie bei der Gestaltung mitmachen können. Damit möchte ich einen Gefühl erzeugen, als wäre Russland ganz nah, vertraut und greifbar.
Um der Arbeit einen typischen Charakter zu geben, habe ich mir alte verbreitete Muster sowie moderne Motive zur Inspiration genauer angeschaut. Diese Auseinandersetzung hat geholfen, meine Hilfsmittel auf eine begrenzte Zahl an Strukturen und Mustern zu reduzieren.

Materialität

Aus der Analyse der typischen Muster und Materialien ist eine Palette für die Illustrationen entstanden, die aus 18 unterschiedlichen Papieren und Stoffen besteht. Aus diesen Materialien sollen die visuellen Welten entstehen. Gleichzeitig sollen die wiederkehrenden Muster und Strukturen den Zusammenhang unterstreichen und für einen Wiedererkennungswert sorgen.
Die Palette besteht im Detail aus folgenden Materialien: sechs glatten Papieren, sechs Stoffmustern, einem weißen Papier mit Struktur, Papier mit Holz- und Glasstruktur, Goldpapier, Tortenspitze und Zeitung mit kyrillischen Buchstaben.
Ergänzend zu den etwas grob geschnittenen Illustrationen aus bunten Papieren und Stoffen werden feinere Zeichnungen als zweite Ebene in die Bildern integriert.

Format und Komposition

Die geplanten vier Bücher werden wie bereits erwähnt nach Jahreszeiten aufgebaut und in einem Schuber präsentiert. Damit bilden sie eine Einheit. Einen Band kann man sich je nach Lust oder Saison anschauen. Der Format der einzelnen Bücher beträgt 185 x 235 Millimeter. Ein Buch in dieser Größe hält sich gut in der Hand eines Erwachsenen sowie eines Kindes.
Das Buch wird abwechslungsreich mit Illustrationen gefüllt, sodass der Leser immer wieder zum Entdecken und Erforschen verführt wird, gleichzeitig aber nicht überfordert wird. Es wird Übersichtsseiten geben, die einen Raum oder eine ganze Umgebung darstellen. Die weiteren Seiten zeigen Szenen, die im selben Raum oder derselben Gegend spielen, beziehungsweise Vergrösserungen einzelner Objekte, die „im Einsatz“ gezeigt werden (beispielsweise eine Teekanne bei einer Teezeremonie). Die Illustrationen enthalten keine menschlichen Figuren. Es werden im Buch jedoch Spuren oder Andeutungen von Kindern, ob in der Wohnung oder draußen vorkommen. Die Idee dahinter besteht darin, dass jeder Leser die abgebildeten Situationen miterleben kann und nicht ausschließlich ein Beobachter bleibt. Geplant ist, dass Kinder und Erwachsene aktiv das Buch mitgestalten können, indem sie die Illustrationen durch Wörter oder Begriffe auf Russisch ergänzen.

Fazit und Ausblick

Die Auseinandersetzung mit dem relevanten Literaturangebot des deutschen Marktes sowie diverse Gespräche mit Familien haben gezeigt, dass einerseits das Angebot knapp ist und anderseits der Bedarf nach Vermittlung von russischer Kultur und Wurzeln für russischstämmige Migranten durchaus besteht.
Für diese Arbeit hatte ich mir als Ziel gesetzt eine visuelle Antwort auf die Frage Was ist russische Kultur? zu geben. Die Antwort soll in Form eines illustrierten Kinderbuches gegeben werden. Es soll den deutsch-russische Kindern als Hilfsmittel dazu dienen die Kultur ihrer Eltern oder Verwandten mit russischem Hintergrund näher kennenzulernen und besser zu verstehen. Durch die Illustrationen sollen Kinder in die Lage versetzt werden, die für sie neuen und interessanten kulturellen Aspekte selbst auswählen zu können und dadurch ihren Eltern Impulse zu geben, Geschichten aus ihrem Leben im Russland Alltag zu erzählen.
Eine Herausforderung ist es, typische Szenen zu finden, in der die russische Kultur komprimiert dargestellt wird und gleichzeitig eine bildliche Atmosphäre zu erschaffen die viel Raum für Geschichten und Erinnerungen lässt. Ich habe mich dafür entschieden die Szenen jahreszeitlich zu strukturieren. So wurde im Rahmen dieses Projekts ein Kinderbuch mit winterlichen Szenen entwickelt.
Im Laufe der Bearbeitung des Projektes entstand der beiderseitige Wunsch einer Zusammenarbeit mit dem im Rechercheteil erwähnten Retorika Verlag. Nach dem bereits fertiggestellten Winterbuch ist die Entwicklung weiterer Bücher geplant.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Bachelorarbeit

Betreuung

Prof. Hans-Jörg Kotulla Frank Gottsmann

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2017 / 2018