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Bilder im Kopf

Ein Fotoprojekt ohne Fotos.

Der Kurs im Sommersemester 2015 widmet sich der fotografischen Auseinandersetzung mit dem Thema Körper – ob beobachtend oder inszenierend, der Körper kann in vielfältiger Weise in der Fotografie thematisiert werden. Der Körper hinterlässt Spuren und gleichzeitig schreibt sich das Leben in ihn ein, er wird geformt durch Tätigkeiten und Apparate ...

Das Körperkonzept

Als sehender Mensch ist es für mich selbstverständlich, meine Umgebung vorwiegend mit den Augen zu erfassen. Ich würde mich als visuellen Menschen bezeichnen, da ich eher in Bilder als in Worten denke. Auch mein Studium des Kommunikationsdesigns zielt – wie der Name schon sagt – schwerpunktmäßig darauf ab, visuell zu kommunizieren. Aber muss ein visueller Mensch zwangsläufig ein sehender Mensch sein? Wie gestaltet jemand, der sehbeeinträchtigt oder blind ist? Der Körper, ob gegenständlich oder menschlich, spielt hierbei sicher eine wichtige Rolle. Wie sieht das Leben eines Blinden gegenüber eines Sehenden aus bzw. unterscheidet es sich überhaupt in der Gestaltung?

So lautete mein Konzeptentwurf zu Beginn des Fotografiekurses „Körper“. Mein Ziel war es, blinde Menschen in ihren Wohnungen zu treffen und die Einrichtung fotografisch zu untersuchen. Hängen Bilder an der Wand? Welche Gegenstände  /  Geräusche / Gerüche rufen Erinnerungen hervor? An welcher Stelle in der Wohnung fühlt sich die Person am wohlsten und warum? Dem wurde schnell ein Riegel vorgeschoben, da die Vermittlung über den Blinden und Sehbehindertenverein in Berlin zäher war als gedacht und mein Konzept nicht gut ankam. Es sei zu privater Raum, in den ich eindringen möchte. Stattdessen wurde mir vorgeschlagen, sehbeinträchtigte Menschen bei Museumsführungen für Blinde zu begleiten und dokumentarisch zu arbeiten. Auch das Blindenhilfswerk wollte mich nicht vermitteln, da sich die Bewohner vor lauter Anfragen schon wie im Zoo fühlten. Ich brach mein Vorhaben also ab und suchte vergebens nach einem neuen Thema. Ein paar Tage später erreichte mich eine Mail von Silja Korn. Sie habe im Protokoll gelesen, dass ich mich im Blinden- und Sehbehindertenverein vorgestellt hätte und sie sei sehr an meinem Projekt interessiert. Auf ihrem Blog ruft sie fotobegeisterte Menschen dazu auf, mit ihr durch Berlin zu ziehen und läd zu Fotospaziergängen ein. Ich nahm also mein Projekt wieder auf, und wir trafen uns zu zwei Fotospaziergängen.

Silja Korn

Silja ist 1966 in Berlin geboren und staatlich anerkannte Erzieherin. Sie arbeitet in einer Kindertagesstätte. Ihr Schwerpunkt liegt in der Sprachausbildung der Kinder. Sie ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Seit ihrer Geburt hat sie einen ­Sehfehler. Durch einen Autounfall in ihrer Jugend erblindete sie mit 17 Jahren auf beiden Augen. Neben ihrem Job spielt sie Theater, engagiert sich in sozialen Einrichtungen, malt und fotografiert. Ihre Arbeiten stellt sie in regelmäßigen Abständen aus und veröffentlicht sie auf ihrem Blog.

Der Fotospaziergang

Sie fotografierte mit einer kompakten, digitalen Panasonic, ich mit einer digitalen Spiegelreflexkamera. Ich beschrieb ihr Gebäude, Siuationen, Gegenstände oder Menschen und sie fotografierte. Durch das Display auf ihrer Kamera konnte ich den Bildausschnitt sehen. Sie fotografierte aber auch ohne meine Assistenz, zum Beispiel im Hansaviertel, während ich selbst Aufnahmen machte. Oft kam die Frage: „Was sehe ich? Ist es ein Foto wert?“, worauf hin ich beschrieb und ihr riet, ein Foto zu machen oder es sein zu lassen. Im Folgenden beschreibe ich zwei Fotospaziergänge mit Silja. Ich beschreibe sie aus meinen Erinnerungen. Entstandene Fotos habe ich mir im Nachhinein genau angeschaut, aber in dem Text will ich nur meine Eindrücke wiedergeben, ohne mich an den entstanden Fotografien zu orientieren.

Das Hansaviertel

Im Vorgespräch ergab sich der Wunsch, Fassaden und Berliner Straßen fotografisch zu untersuchen. So entschied ich mich für das Hansaviertel am Tiergarten. Ein Tag vor unserem ersten Fotospaziergang ging ich die ungefähre Strecke ab, schloss mich spontan einer kleinen Führung an und kam mit einem Bewohner der Hofsiedlung ins Gespräch.

Ich beschrieb Silja das Hansaviertel per Mail wie folgt: „Es wurde 1957 im Rahmen der internationalen Bauausstellung von 53 verschiedenen Architekten erbaut und gilt als eine Stadtlandschaft am Rande des Tierparks. Neben fünf verschiedenen, sehr hohen Wohnhochhäusern gibt es die Akademie der Künste, den sehr merkwürdigen U-Bahnhof Hansaplatz, Parkplätze, Rasen, Windfänge, Lüftungsanlagen und bepflanzte Beete. Der Vergleich von der Akustik direkt unter so einem Hochhaus und der unmittelbar angrenzenden parkähnlichen Grünflächen könnte spannend sein. Dann rattert die S-Bahn vorbei und plötzlich fühlt man sich wieder wie im idyllischen Wald. Viele Menschen sind dort nicht unterwegs, zumindest nicht zu der Zeit (nachmittags) als ich dort war. Außerdem gibt es die Akademie der Künste mit einem vielleicht für uns spannenden Innenhof. Circa 300 Meter weiter kommt eine Art Bungalowsiedlung, bei denen die containerartigen Häuser im Gegensatz zu den Hochhäusern nur das Erdgeschoss haben, also eine Höhe von vielleicht 2,5 Metern. Die Mauern, Wände, Türen sind teils von Grünzeug bewachsen, teils sehr modern, glatt und schlicht.“

"Ich kann die Kirche riechen"

Wir verabreden uns am Telefon für 14:30 Uhr an der Friedrichstraße U-Bahnhof Richtung Alt-Tegel. Sie verabschiedet sich mit den Worten: „Du siehst mich dann schon, du kannst es ja. Bis gleich.“

Wir fahren mit der S-Bahn zur Station Tiergarten und steigen dort aus. Es ist bewölkt, aber angenehm. Silja trägt eine schwarze Steppjacke, ein schwarzweiß gemustertes Tuch und eine große, runde, dunkle Sonnenbrille mit weißem Rahmen. Die Treppen kündigt der Blindenstock an, der vor uns den Boden abtastet. Ich kenne die Strecke, ich bin sie den vorherigen Tag abgelaufen. Wir gehen unter den Gleisen hindurch am letzten stehengebliebenen Altbau im Hansaviertel vorbei. Die Fassade ist von einem Baugerüst umschlossen und somit kaum sichtbar, sodass ich das Haus buchstäblich links liegen lasse. Wir entfernen uns von der S-Bahn Station und es wird ruhiger. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht das Zeilenhochhaus von Walter Gropius, also ein liegendes Hochhaus, das mit acht Geschossen sehr viel länger als hoch ist. Silja holt erstmals die Kamera aus ihrer kompakten, schwarzen Handtasche, die sie sich um die Schulter gehängt hat. Kaum ein Mensch ist unterwegs. Ich versuche, die Architektur des Wohnkomplexes zu beschreiben, die gewundene Form, die teils orangenen Balkone, das nach innen versetzte Erdgeschoss. Doch selbst ich, die das Gebäude sieht, denke dabei: Das reicht nicht, um das komplexe Haus zu beschreiben. Mir fehlen die Worte. „Gibt es auch bewachsene Balkone?“, fragt Silja. Ich beschreibe ihr einen mit mir unbekannten grünen Pflanzen bepflanzten Balkon und denke wieder: „Das könnte jeder Balkon sein.“ Unbefriedigend. Wir treten an das Gebäude heran, aber auch die anfassbare Fassade gibt wenig Aufschluss darüber, was das Haus ausmacht. Durch meine nicht sichere Ausdrucksweise und den fehlenden Worten habe ich das Gefühl, ihr die Architektur nicht näher bringen zu können. Wir gehen weiter. Links von uns eine kaum befahrende Straße und ein paar parkenden Autos, dahinter das Zeilenhochhaus, rechts von uns erstreckt sich der Tiergarten. Die Kaiser Friedrich Gedächniskirche sieht aus wie ein großer Bunker, ein Betonblock, dessen Flachdach über den Block hinaus ein Vordach bildet. Weinlaub bewächst vorwiegend den linken Teil der Kirche und das Dach. Ein offener Kirchturm mit Einblick auf die Wendeltreppe erstreckt sich leicht versetzt auf der linken Seite. Durch drei große, schwer aussehende Doppeltüren lässt sich die Kirche betreten. Die zwei Äußeren haben das gleiche, aus der Tür herausgearbeitete, kantige Muster und zwei ringförmige, bewegliche, schwere Türknaufe. Auf der mittigen Tür befindet sich ein Relief, bestehend aus einer Echse, ein Ritter auf einem Pferd und einem zweiteiligem Spruch. Die Tür steht leicht auf. „Ich kann die Kirche riechen“, sagt Silja. Es riecht nach fensterlosem Gebäude, modrig und kühl, einem Keller ähnelnd. Zwei Jungs, circa 15 und 20 Jahre, beide schwarze Haare, gebräunter Haut, schätzungsweise südlicher Abstammung, kommen mit Kuchen und einer großen Colaflasche in der Hand auf uns zu und fragen, ob wir ein Foto von ihnen machen könnten. Der Ältere, der einen dunklen Dreitagebart trägt, hat noch Puderzucker an den Lippen. Der Jüngere mit dem Oberlippenflaum posiert mit „Daumen-Hoch“. Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Ich fotografiere nun auch die Türen der Kirche und bemerke, dass Silja ebenso fotografiert. Durch das Klick-Geräusch meiner Kamera weiß sie, wo ich stehe. Zwei ältere Damen mit weißen Haaren, in beige / grau gekleidet stehen vor der Kirche und lesen eine Informationstafel. Der Farbton der Kleidung ähnelt der der Fassade, sie verschmelzen farblich miteinander. Ich beschreibe ihr die Situation. Nicht zu laut, damit sie uns nicht hören können und wir beide machen ein Foto. „Das haben sie aber nicht mitbekommen, dass wir sie fotografiert haben, oder?“, fragt sie. Ich schweige, da die Damen in diesem Moment an uns vorbeilaufen. Wir ziehen weiter in die Hofsiedlung. Die Häuser sind ebenerdig, die Fassaden sind glatt gespachtelt, es gibt keine Fenster nach außen, sodass ein Einblick in die begrünten Höfe nicht möglich ist. Zufälligerweise treffen wir den älteren Herrn, mit dem ich mich ein Tag zuvor unterhielt. Er hat graues, kurzes Haar und trägt an beiden Ohren Hörgeräte. Er gewährt uns Eintritt; keine Stufen, kein Vordach, keine Blumenkübel, keine Säulen, wie man es von Eingansbereichen vielleicht gewohnt ist. Hinter der Tür beginnt direkt der mannshoch eingemauerte, schmale, mit unterschiedlichsten Pflanzen, Beeren, Sträuchern und Kräutern bewachsene Vorhof. Wir betreten die Wohnung durch eine weitere Tür. Im Inneren ist es sehr ruhig, was am weichen, grauen Teppichboden liegt. Die Decken sind niedrig, mit dem Arm erreicht aber ein großer Mensch sie trotzdem nicht. Gegenüber der Haustür zeigt eine durchgezogene Glasfront den bewachsenen, blühenden Gartenbereich. Die Mauer des Grundstücks ist durch die Bepflanzung nicht mehr sichtbar und ergibt mit den Bäumen des dahinerliegenden Tiergarten eine grüne Front. Ich entdecke eine Sammlung alter Schlüsselbünder, Steine, Vasen und Gläser auf der nach innen liegenden Fensterbank. Wohnlicher als von außen gedacht. Über die Straße des 17. Junis zur Akademie der Künste. Dort zeige ich Silja „die Liegende“, eine abstrakte, nackte Bronzeskulptur von Henry Moore. Silja möchte durch die Figur hindurch fotografieren, um die Formen aufzugreifen. Die Kamera hält sie mit der Linse zu uns gerichtet. „Wenn du jetzt abdrückst, machst du ein Selfie“, sage ich. Sie drückt ab. Sie ertastet weitere Rundungen der Skulptur. „Und was ist das? Ist das ihr Po?“ „Nein, das ist ihre Brust.“

Die Oranienstraße

Ich beschreibe Silja die Oranienstraße per Mail wie folgt: „Ich dachte an die Oranienstraße in Kreuzberg als Kontrastprogramm zum Hansaviertel. Dort sind wahrscheinlich viele Menschen auf der Straße und es ist enger und lauter, aber vielleicht fotografisch interessant mit Altbauten und Kiez- leben auf der Straße. Ich habe mich aber bisher noch nicht zu sehr mit der Straße beschäftigt und würde einfach drauf los fotografieren…“

"Could you speak english, please?"

Kreuzberg, ein Montag im Juni 2015, 14:00. Sie wartet am U-Bahnhof Moritzplatz. Ich sehe sie schon aus der einfahrenden U-Bahn. Über ihrem kurzärmligen, schwarzen Oberteil trägt sie eine orangefarbene, leichte Strickjacke. Ich komme ihr näher, kündige mich aus kurzer Distanz mit „Hallo Silja“ an und berühre aus nächster Nähe ihren Arm. Sie hackt sich bei mir ein und wir gehen gemeinsam Richtung Ausgang. Draußen ist es sonnig, stickig und durch den Kreisverkehr sehr laut. Mopeds, Lastwagen, Autos, Busse und Fahrräder fahren an uns vorbei. Ab und zu ein Krankenwagen mit Sirenen, der unsere Unterhaltung erstickt.

Wir kehren in die Prinzessinengärten ein, die in unmittelbarer Nähe der Straße liegen. Das umzäunte Areal wird von Anwohnern bepflanzt. Es ist mit einem Mal ruhig. Erdbeeren wachsen aus abgeschnittenen und zusammengesetzten Abflussrohren heraus, manche sind schon gepflückt, manche noch weiß    /    rosa und nicht ganz reif. Es sind Bäckerkisten aufgereiht, die verschiedenste Gemüse- und Kräuterpflanzen beinhalten. Wir reiben die Finger an einem Kräuterbeet und es riecht nach Minze. Von der nahegelegener Gastronomie erreicht uns Kaffeegeruch. Zwischen jungen, dünnen Bäumen, die aber schon ein Blätterdach bilden, sitzen auf Metallstühlen, Bierbänken und Plastikhockern verschiedene Grüppchen und unterhalten sich: die drei Studenten, die zwei älteren Damen, die Eltern mit Kleinkind. Ich zeige Silja einen der jungen Bäume. Eine ins Haus zurückgezogene Schnecke hat sich an der Rinde festgeheftet. Mit der vorherigen Frage, ob sie die Schnecke anfassen möchte, führe ich ihre Hände behutsam an die Schnecke heran. Ein junger Mann liegt in einer quietschgelben, aus Fäden geknüpften Hängematte zwischen den Bäumen und liest eine französische Zeitung. Unter ihm ist der Boden mit weichem Rindenmulch ausgelegt. Der ist auch nötig, da die Hängematte in der Mitte bereits durchgelegen ist und große Löcher aufweist. Trotzdem sieht seine Haltung entspannt aus. Seine Beine und sein Kopf werden von den übriggebliebenden, noch zusammenhaltenden Fäden gestützt. Wir treten wieder auf die Straße. Die Luft des Areals der Prinzessinengärten ist im Vergleich sehr viel feuchter, es gleicht dem eines Gewächshauses., wohingegen die Straße eher stickig ist, aber auch windiger, was in der prallen Mittagssonne sehr gut tut. Oranienstraße. Die an uns Vorbeilaufenden sprechen deutsch, englisch, arabisch oder uns nicht bekannte Sprachen. Ich bleibe an einem viergeschossigem Wohnhaus stehen, das auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht. Vor uns ein roter, parkender Oldtimer. Das Haus ist in einem satten blaugrau gestrichen. Ein buntes Graffiti verläuft in Höhe des dritten und vierten Stockwerks und ragt an manchen Stellen bis in den zweiten Stock. Im Erdgeschoss, ein paar Meter versetzt ins Gebäude erkenne ich eine alte, verschnörkelte, hölzerne Eingangstür. Vor der Tür ist ein metallendes Gitter angebracht, was nur durch einen Code zu öffnen ist. Das Gitter ist rechteckig, wobei die einzelnen Streben nach oben hin unterschiedlich lang sind und einen nach unten verlaufenden Halbkreis bilden. Mit der nach oben gewölbten Decke ergibt sich so ein Kreis. Wir müssen lange warten um über die vielbefahrene Straße gehen zu können. Ein Mann mit einem Brief in der Hand kommt heraus, um kurze Zeit später mit Hilfe der Codeeingabe wieder hineinzugehen. Er hat immernoch den Brief in der Hand. Er riecht nach Bier und alten Klamotten. Ein paar Häuser weiter betreten wir ein Café. Auf die Frage, ob wir fotografieren dürften antwortet die Kellnerin: „Could you speak english, please?“. Es ist einer dieser typischen Kreuzberger Läden: die Wände sind kahl und unverputzt, sodass das Mauerwerk sichtbar wird. Zusammengesammelte Möbel aus Omas Zeiten sind im Innenraum verteilt, in dem sich bis auf die Kellnerin niemand aufhält. Draußen sitzen ein paar junge Leute auf dem mit Kissen ausgelegtem Vorsprung des Cafés und unterhalten sich. Die äußere Fassade besteht wie auch innen aus dem alten Mauerwerk. Es sind große, verschiebbare Fensterfronten eingebaut, die im Ganzen geöffnet werden können. Es läuft elektronische Musik. Silja sagt: „Das Interior passt nicht zur Musik. So wie du es beschreibst, klingt es nach den Sechzigern. Also müsste auch Musik aus den Sechzigern gespielt werden. Aber vielleicht ist das der Kontrast, der hier wie auch auf der Straße herrscht.“ Die Oranienstraße weiter laufend kommen wir an diversen Spätis, Kneipen, weiteren Cafés, Boutiquen und Dönerbuden vorbei. Silja beschreibt die Straße zusammenfassend mit den Worten: „Es riecht nach Parfüm, Bier, Kacke und Döner.“ Am U-Bahnhof Kottbusser Tor stellen wir uns an eine viel belaufenen Bürgersteig. Ich sage Stichworte wie „Rollstuhlfahrer mit tatowiertem Schieber - laufen von rechts Richtung Gemüsestand“ oder „Reisender mit Dreadlocks, kommt auf uns zu„, „Zimmermann mit roten Locken, Hut und schwarzer Cordhose von links kommend an uns vorbei“ und halte die Kamera, die sie in Händen hält, in die Richtung der jeweiligen Person. Sobald sie an uns vorbeigehen, drückt sie ab, nach dem Gefühl oder den Geräuschen. Es entsteht eine Serie von Menschen, die zu dem Zeitpunkt das Kottbusser Tor passierten.

Fragen an Silja

Silja, welchen Eindruck hast du heute, drei Wochen nach unserer Begehung, vom Hansaviertel? (zitiert aus Mailkonversation)

„Das Hansaviertel wirkte so ordentlich und sehr ruhig. Es lud zum Spazieren gehen ein. Es machte mich neugierig, es näher kennen zu lernen, also mehr in die Spuren alter Zeit einzutauchen. Zwar ist es dort sehr bürgerlich aber auch gleichzeitig so extravagant. Ordentlich weil der Rasen gut gepflegt wurde und der angrenzende wildwüchsige Rasen vom Tierpark daneben eher so herrunter getreten war. Extravagant, weil man gar nicht so denken könnte, dass es hinter den Mauern auch toll eingerichtete Wohnungen gibt. Erst durch den Eindruck vom netten Herrn, ist es mir bewusst geworden. Da habe ich auch das gut bürgerliche gespürt. Auch hat es im Hansaviertel anders gerochen. Irgendwie sauberer und ja es gab dort nicht so viele fahrende Autos. Ich fühlte mich dort wie auf einem Dorf. Wobei es mitten in Berlin liegt. Das wurde mir dann bewusst, als wir zur U-Bahn liefen.“

Welchen Eindruck hast du heute, eine Woche nach unseer Begehung, von Kreuzberg, den Prinzessinengärten und der Oranienstraße?

„Als wir von dem U-Bahngleis zur Straße Moritzplatz auf die Straße traten, kam mir gleich mehr Straßenlärm und Abgase entgegen. Auch roch es vereinzelt mehr nach Urin. Es wirkte dort nicht so sauber wie im Hansaviertel. Aber als wir in die Gärten hineingingen, änderte sich alles zum Positiven. Man merkte, dass dieser Gartenbereich noch sehr jung angelegt war. Denn der Schatten, die die dortigen Bäume abwarfen waren noch sehr dünn. Die Düfte die mir da entgegenstiegen gefielen mir gut und auch was ich dort mit meinen Händen betrachten konnte, war sehr spannend. Es war lustig zum Beispiel, dass die Erdbeere in natura noch gar nicht so rot war wie später auf dem Foto in meiner Kamera. Ich hörte dort eher sehr junge Stimmen. Familien mit Kind und Kegel saßen im gastronomischen Bereich. Von dort aus hörte man sehr wenig den dicht befahrenden Verkehr. Wobei die Mauer direkt an der Straße entlang gebaut war. Auf der Oranienstraße war es sehr laut und es kamen uns dort allerhand Menschen entgegen. Es waren aber eher Menschen die andere Sprachen sprachen und auch anders zum Teil gekleidet waren. Auf dem Oranienplatz war es wieder ganz anders. Dort fühlte ich mich frei, aber es war dort nicht so gemütlich wie im Hansaviertel. Da der Bereich dort irgendwie weniger Grünflächen hatte. Frei deswegen, weil der Platz sehr geräumig wirkte und sehr einfach architektonisch angelegt ist. Der dortige Springbrunnen vermittelte mir auf einer Art auch ein wenig ein Urlaubsgefühl. Er war aus Felsenstein gebaut worden. Als ich auf ihm stand, dachte ich, das ich zum Brunnen gehören würde. Als wir am Kotti an dem U-Bahn Eingang die dort vorübergehenden Menschen beobachteten, fiel mir auf, das dort viele unterschiedliche Nationen Tür an Tür wohnen. Auch gibt es dort sehr viele türkische und arabische Restaurants, wo man deren Speisen gut mit der Nase wahrnehmen konnte. Ich war dennoch gerne dort, weil ich mich wie in den Urlaub versetzt gefühlt habe.

Was siehst du, wenn du an unsere Fotospaziergänge denkst?

„Die Fotospaziergänge haben mir einen besseren Einblick von der jeweiligen Gegend vermittelt. Dadurch, dass wir gemeinsam dort waren, habe ich noch Dinge erfahren, die mir so nicht aufgefallen wären, weil ich sie ja nicht durchs Hören oder Spüren hätte wahrnehmen können. Die kleinen Erläuterungen, die Du mir hin und wieder sprachlich mitgeteilt hast, haben die Sache dann noch runder werden lassen. Auch als wir über die Fotos gesprochen haben, die ich machen wollte oder geknipst habe, z.B. von der Gegend, in der ich mich befand, half mir das zu einem klareren Bild in meinem Kopf.“

Die neuronale Repräsentation

Ich habe die Bilder im Kopf, als sei es gestern gewesen. Es ist vergleichbar mit einem eigens gehaltenen Vortrag und einer Vorlesung: das Referat kann besser wiedergegeben werden als die passiv miterlebte Vorlesung. Und da ich verbal die Umgebung beschrieben habe, sind die Bilder in meinem Kopf verankert. Was ich in meinen Beschreibungen erwähne, kann Silja auf ihre Art sehen. Zusammen mit den anderen Sinneseindrücken ergeben die Beschreibungen eine – körperlich ausgedrückt – neuronale Repräsentation, also eine Vorstellung oder ein Eindruck, ein Gefühl oder sie wecken Erinnerungen. Das was ich nicht erwähne, und was nicht merkbar vorhanden ist, „sieht“ sie nicht. Ein sonderbares Gefühl, die permanente Entscheidung treffen zu müssen, was sie „sehen“ soll und was nicht.

Das aufmerksame Sehen

Auf den Spaziergägen habe ich mein Sehen trainiert. Ich musste mich unglaublich konzentrieren, in kurzer Zeit die richtige Wortwahl zu finden, in knappen Sätzen zu berichten. Sicher kann man das weiterhin trainieren und ausbauen. Meine Aufmerksamkeit war auf Gerüche, Akkustik und Bodenstrukturen gerichtet, die ich sonst als selbstverständlich hingenommen hätte. Beim Niederschreiben wähle ich nochmals aus, fokussiere mich auf das mir wichtig Erscheinende und fasse es in klare Sätze. Ohne Gestotter, mit mehr Zeit für die passenden Worte. Architektur zu beschreiben ist mir besonders schwer gefallen, da Gebäude in ihrer Größe nicht abtastbar sind. Außerdem fehlt es mir an architektonischen Fachbegriffen, die mir geholfen hätten, meine Beschreibung auf den Punkt zu bringen. Andererseits muss Silja mit den Begriffen auch etwas anfangen können und wenn sie keine Vorstellung von beispielsweise einem „Giebel“ hat, muss ich es doch in erklärenden Worten wiedergeben. Zudem bin ich keine Architekturfotografin, die Übung und Erfahrung auf dem Gebiet hat. Das erwähnte Graffiti am Kreuzberger Wohnhaus ist nur noch verschwommen in meiner Erinnerung. Ich habe es in dem Moment nicht genau beschreiben können. Mir haben die Worte gefehlt, ein komplexes Kunstwerk aus fantastischen Figuren zu erläutern. Es war eine Art Monster…Schlange…nein…ich erinnere mich nicht. Es hätte zu lange gedauert, die Figur vorstellbar zu beschreiben und für so wichtig empfand ich sie nicht. So sagte ich nur: „buntes Graffiti“.

Meine Bilder

In meinen Beschreibungen erwähne ich viele Dinge nicht. Während ich rede, treffe ich eine Auswahl. Ich blende den Müll auf der Straße aus, den Bauzaun oder den Fahrradständer. Ich versuche gute Bilder zu beschreiben. So wie ich versuche, gute Bilder mit der Kamera aufzunehmen. Kein Wunder also, dass ich mit Architekturfotografie meine Schwierigkeiten hatte. Ich hätte wahrscheinlich die selben Probleme, einen Ausschnitt zu wählen, würde ich alleine mit meiner Kamera losziehen. Es sind die selben Fragen, die ich mir sprachlich sowie fotografisch stelle: Was ist erwähnenswert bei einem Gebäude   /   was muss auf das Foto? Wie schaffe ich einen Gesamteindruck? Im Falle der Passantenserie: Warum habe ich den rothaarigen Zimmermann erwähnt, der über die Straße am Kotti läuft? Weil er sich abhebt von den anderen Menschen auf der Straße, von dem Mann in T-Shirt und Jeans. Es ist meine Auswahl. Ich wähle die Orte aus. Ich wähle die Routen aus. Was mir wichtig erscheint, beschreibe ich. Ich schaue die entstandenen Fotos durch, ich sortiere aus. Ich lege Serien. Um dann festzustellen, dass die tatsächlichen Fotografien auf dem Tisch liegend eignetlich niemand braucht. Silja nicht, ich nicht, die Kursteilnehmer nicht. Für mein Projekt brauche ich kein Papier, keine Kamera, keine Einstellungen. Und ich habe trotzdem Bilder geschaffen. Mit meiner Stimme, mit meiner Beschreibung. Ich habe Bilder für Silja geschaffen, ihr die Stadt mit meinen Augen gezeigt. Ich habe ihr nicht assistiert, ich habe fotografiert und sie betrachtet die Bilder. Und jedem dem ich davon erzähle oder der den Text liest, dem zeige ich auch die Bilder. Meine Bilder.

Referenzen/Quellen

12FOKd-FG Fotografie „Körper„ Kommunikationsdesign, 8. Semester Fachhochschule Potsdam

www.siljakorn.de

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Studienarbeit im zweiten Studienabschnitt

Zugehöriger Workspace

Körper

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2015