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Eine buchstäbliche Lesehilfe

Meine Masterthesis Eine buchstäbliche Lesehilfe – Gestaltete Lesbarkeit für
die kindliche Sprach- und Sprechtherapie
setzt sich mit den verschiedenen Definitionen von Lesbarkeit, ihren Einflussfaktoren, deren Wechselbeziehungen
sowie deren Wirkung auf die Wahrnehmung auseinander.

Die gestalterische Umsetzung hat das Ziel, Kinder im Rahmen einer logopädischen Behandlung mit geeigneten Therapie- und Lernmitteln zu unterstützen.

Dauer des Masterstudiums: 2 Semester
Fortsetzung meiner Bachelorthesis »Lesen ist Unnatürlich – Gestaltete Lesbarkeit in der Sprachtherapie«. Ebenfalls betreut von Prof. Betina Müller und Prof. Luc(as) de Groot.

Exzerpt

»Sprechen ist mehr als eine artikulatorische Geläufigkeitsübung
– es ist niemals Selbstzweck.«
Inge Refisch

Zur Vermittlung eines Sinns ist das gesprochene Wort das wesentliche Element unserer Kommunikation. Eine fehlerhafte Artikulation oder ein gestörter Redefluss können die Verständlichkeit des zu vermittelnden Inhalts deutlich behindern. Hier setzt die Sprach- und Sprechtherapie ein.

Etwas, was uns weder inhaltlich, noch visuell anspricht, kommt uns auch nur schwer über die Lippen. Genau darum geht es jedoch in einer logopädischen Behandlung. Egal welchen Ursprung das Stottern, Poltern oder Lispeln hat, das Ziel jeder Behandlung ist das erwünschte sprecherische Phänomen anzubahnen. Um die korrekte Aussprache herbeizuführen, sind Übertreibung und Wiederholung die wichtigsten Mittel. Neben den Interaktionen und Dialogen mit dem Therapeuten sind Texte notwendig. Als Gestalter hat man die Möglichkeit auf fast alle Faktoren Einfluss zu nehmen, welche beim Lesen wahrgenommen werden. Mein Ziel ist es, sie auf die Bedürfnisse eines bestimmten Sprach- oder Sprechdefizits abzustimmen.

Nachdem ich in meiner Bachelorthesis den Leseprozess genauer betrachtet habe und einen Abriss der historischen Entwicklung der Wissenschaft des Lesens darstellte, stehen in dieser Arbeit die Definitionen von Lesbarkeit im Zentrum.

Im Anschluss an eine detaillierte Beleuchtung des Begriffs ›Lesbarkeit‹ aus der Sicht der Gestalter, als auch aus der Perspektive der nicht-typografischen Disziplinen, veranschaulichte ich den aktuellen Umgang mit Lesbarkeit. Diese Ausführungen münden in einer Systematisierung der Einflusskriterien für eine optimale Lesbarkeit von Printmaterialien. Erfahrungen, die ich während einer Hospitation in einer Lehranstalt für Logopädie sammeln konnte, flossen hier ebenso mit ein, wie Gespräche mit Logopäden und Erziehern.

Hypothese:
Den Ergebnissen der Neurowissenschaften, der Lesbarkeitsforschung und der typografischen Tradition können deutliche Hinweise entnommen werden, wie Schrift und Satz auf ihre bessere Lesbarkeit optimiert werden können.

Ich bin davon überzeugt, mit dem bewussten Einsatz von Schrift und Gestaltung sowie unter Berücksichtigung der außertypografischen Faktoren, Kinder in dem Behandlungsbereich, der die Schriftsprache gebraucht, unterstützen und fördern zu können.

Hintergrund

Seit 2004 haben die Sprach- und Sprechstörungen nach Aussagen der Wissenschaftler um rund 20 Prozent zugenommen. Jedes dritte Kind im Vorschulalter leidet inzwischen laut des Barmer GEK Arztreports von 2012 an einer Sprachentwicklungsstörung (SES). Betrachtet man die Diagnosehäufigkeit eines Jahres (2009/10) artikulieren sich bundesweit 1,23 Millionen Kinder zwischen 0 und 14 Jahren nicht altersgemäß. Laute werden ausgelassen oder ersetzt, sie stottern, poltern, lispeln oder verfügen über einen nur sehr geringen Wortschatz. Der Anteil der betroffenen Jungen ist dabei höher als der der Mädchen.

Gründe für diesen Anstieg lassen sich u.a. in der Sprachfaulheit unsere heutigen Gesellschaft finden. In einer Zeit, in der alles immer schneller und effizienter gehen muss, ist die Zeit für die verbale Kommunikation eingeschmolzen. Viele Eltern glauben ihr Kind würde die Sprache vor dem Fernseher oder mit einem Hörspiel lernen. Die echte Sprechsituation ist jedoch durch nichts zu ersetzen.

Aus der Theorie

Insbesondere im Fachbereich der Typografie gehört der Begriff ›Lesbarkeit‹ zum Standard-Vokabular. Nahezu jedes Fachbuch hat eine Meinung zur optimalen Lesbarkeit von gesetzten Texten. Die Frage nach einer konkreten Definition beantworten die meisten jedoch unzureichend. Ich habe mich auf die Suche nach einer hinreichenden Begriffsbestimmung gemacht, bin fündig geworden und habe in dieser Arbeit all ihre Einflusskriterien beleuchtet. Nach meinem Empfinden, dürfen bei der Frage nach der optimalen Lesbarkeit, keine beeinflussenden Kriterien als unwesentlich beurteilt werden. Jeder Faktor, sei er sichtbar oder unsichtbar, spielt bei der Erfassung von Buchstaben eine Rolle. Ich erwartete mir von dieser kleinteiligen Aufschlüsselung einen Erkenntnisgewinn und eine Bestärkung in meiner Intention, die Lesbarkeit in den Materialien der Sprach- und Sprechtherapie verbessern zu können.

Aus der Praxis

Das praktische Ergebnis meiner Masterthesis stellt eine Serie aus Übungsbüchern für den Einsatz in logopädischen Praxen dar. Bei diesem ganzheitlichen typografischen Lernkonzept für Kinder ab dem 7. Lebensjahr steht die Schriftsprache, als Übungssprache der Logopädie, im Vordergrund. Ziel ist es, dass sich die Texte auf die Kinder einstellen, auf ihre individuellen Schwierigkeiten und ihre Lesekompetenz.

Im Rahmen dieser Arbeit wählte ich die Störungen, die häufig auch noch im Grundschulalter behandlungsbedürftig sind und dementsprechend die Schwierigkeiten der Leseanfänger integrieren. Das betrifft die phonetischen Artikulationsstörungen, die Störungen des Redeflusses, des Wortschatzes, der Grammatik, des Textverständnisses und der Textproduktion sowie die Lese-Rechtschreib-Schwäche.

Das Gestaltungsprinzip

Mit diesem Lernkonzept verfolge ich das Ziel, das Verständnis für den Buchstaben oder die Buchstabenfolge zu verfeinern, das Lautbewusstsein zu fördern sowie die Artikulation bzw. den Redefluss zu verbessern. Im übertragenen Sinne sind das Vorlesen, das eigenständige Lesen sowie das Spiel mit den Lauten meine Werkzeuge dafür.

Die Lernstruktur
Das edukative Konzept bedient sich einer mehrteiligen Lernstruktur. Die Übungsbücher gliedern sich in 6 Teilbereiche, vom ›Kleinen‹ ins ›Große‹ (Buchstabe, Laut, Silbe, Wort, Satz, Alltagssprache). Alle Bücher wurden mit Wortspielen, Gedichten und kleinen Geschichten gefüllt, die typografisch so gestaltet sind, dass sie den Leseprozess erleichtern und das jeweilige Defizit berücksichtigen. Eine Kombination aus Atemübungen, Sprechübungen, sprechrhythmischen Übungen und Entspannungstechniken sollen die Freude an der Sprache zurückbringen und Kommunikationsängste lindern. Für diesen Zweck habe ich Texte und Aufgaben bestehender Materialien aus logopädischen Praxen, Fachbüchern und Kinderbüchern, Rhetorik-Ratgebern und Logopädie-Foren neu aufbereitet und in mein Konzept integriert.

Die Umsetzung für die phonetischen Artikulationsstörungen

Phonetischen Artikulationsstörung: Eine phonetischen Artikulationsstörung liegt vor, wenn einer oder mehrere Laute nicht korrekt gebildet werden. Davon sind häufig die Zischlaute betroffen: |S|, |Sch| und |Ch|. Die betroffenen Laute klingen dann undeutlich oder unscharf (Lispeln), da z.B. beim |S| die Zunge zu weit nach vorn bewegt wird.

Die Umsetzung für die Störungen des Redeflusses

Störungen des Redeflusses (Stottern, Poltern): Beim Stottern kommt es zu Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen im Redefluss. Beim Poltern kommt es zu einem schnellen und unregelmäßigem Sprechtempo. Laute, Silben und Wörter werden dabei ausgelassen, verschmelzen und werden unverständlich.

Fazit
Im Rahmen eines Gesprächs mit einer Logopädin über dieses Konzept bestätigte sie mir, dass es als Ergänzung zu den bisher verwendeten Bildmaterialien in der logopädischen Therapie sehr gut eingesetzt werden könne. Auf diese Weise würden die Kinder mehrkanalig lernen. Nach ihrer Meinung ist es wichtig, dem Kind zu zeigen, dass die Schriftsprache unterschiedlich repräsentiert werden kann. Über die Varianten der typografisch-gestalterischen Darbietung kann die Therapie so unterstützt werden.

Schlussbetrachtung

Auf der Suche nach einer treffenden Begriffsbestimmung zeigte sich für mich die Heterogenität des Umgangs mit Lesbarkeit. Wohingegen für die meisten Juroren der Stiftung Buchkunst ›Lesbarkeit‹ das Beurteilungskriterium mit der höchsten Bedeutsamkeit zur Auszeichnung eines Buches ist, ist den meisten Logopäden der Stellenwert der Lesbarkeit in ihren Übungsbüchern überhaupt nicht bewusst.

Die Betrachtung der Einflussfaktoren führte mir die elementare Bedeutsamkeit des Zusammenspiels der Aspekte vor Augen und begründete längst vermutete Gesetzmäßigkeiten mit der Wirkung auf unsere Wahrnehmung. Die von mir anschließend dargelegte Systematik der Einflussfaktoren für eine optimale Lesbarkeit könnte in einer Fortsetzung dieser Arbeit, in einer komprimierten Fassung, einen Leitfaden bilden, der eine Kommunikation zwischen den Disziplinen künftig erleichtert. Eine Leitfaden-Broschüre mit den wichtigsten Richtlinien und Kriterien würde Logopäden und Pädagogen helfen, eigenes Material zu gestalten und Wissenschaftlern die Auswertung von Studien der Leseforschung erleichtern.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Design Master

Betreuung

Prof. Betina Müller Prof. Luc[as] de Groot

Entstehungszeitraum

SoSe 14 – WiSe 14 / 15