In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
Diese Masterarbeit entwickelt und untersucht eine gestalterische Kreativmethode, die das Prinzip der Falttheorie mit Ansätzen des More-than-Human Designs verbindet. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob diese Verbindung einen neuen Zugang zu komplexen Zukunfts- und Transformationsfragen eröffnen und Designer:innen dabei unterstützen kann, sogenannte Wicked Problems, also komplexe Problemstellungen ohne eindeutige Lösung, aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.
This master’s thesis develops and examines a creative design method that combines the principle of fold theory with approaches from More-than-Human Design.
At its core is the question of whether this combination can offer a new approach to complex questions of the future and transformation and support designers in considering so-called wicked problems, complex problems without clear-cut solutions, from multiple perspectives.
Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die von dem Klimaforscher Anders Levermann beschriebene Falttheorie. Sie wurde ursprünglich als physikalisches Prinzip formuliert und beschreibt, wie neue Entwicklungsmöglichkeiten insbesondere dann entstehen, wenn bestehende Systeme an Grenzen stoßen. Ich untersuche, wie sich dieses Prinzip auf Design Thinking und spekulative Gestaltungsprozesse übertragen lässt. Getestet wird dies exemplarisch am Thema der Stadtentwicklung und der Frage, wie zukünftiges Zusammenleben von Menschen, Natur und Technologie gestaltet werden kann. Ergänzt wird dieser Ansatz durch das More-than-Human Design, das vor dem Hintergrund des Klimawandels, des Artensterbens, sozialer Ungleichheiten sowie technologischer Entwicklungen wie Künstlicher Intelligenz zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ausgehend von posthumanistischen Denkansätzen versteht dieser Ansatz Gestaltung als einen Prozess, der nicht ausschließlich den Menschen, sondern auch nicht-menschliche Akteur:innen und deren Beziehungen berücksichtigt. Die zentrale These dieser Arbeit lautet, dass die Verbindung von Falttheorie und More-than-Human Design einen vielversprechenden gestalterischen Ansatz darstellt, um komplexe Zukunftsfragen des Zusammenlebens neu zu denken und Perspektivwechsel gezielt anzuregen.
Der Aufbau des Workshops zeigt sich auf dem vorliegenden Plakat. Die Struktur orientiert sich an meiner Interpretation der Falttheorie und arbeitet sich schrittweise von außen nach innen durch die verschiedenen Ebenen des Hexagons. Jede Schicht greift einen zentralen Aspekt meiner theoretischen Recherche auf und überführt ihn in eine praktische Gestaltungsmethode.
Den Einstieg bildet die haptische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Wachstums in die Vielfalt. Darauf folgt das Eisschollenspiel, in dem die Teilnehmenden Perspektivwechsel zwischen verschiedenen More-than-Human-Akteur:innen vollziehen und dabei die Umkehrpunkte der Faltung spielerisch erleben.
Die dabei entstandenen Geschichten werden anschließend räumlich visualisiert und zu einer gemeinsamen, spekulativen Stadt zusammengeführt. Im letzten Schritt werden die Beziehungen zwischen den einzelnen Akteur:innen sichtbar gemacht und miteinander verknüpft. Die Stationen werden im Folgenden ausführlich beschrieben.
Der erste Workshop diente dabei vor allem als Testlauf, um herauszufinden, welche Übungen funktionieren und an welchen Stellen die Verbindung von Falttheorie und More-than-Human Design noch stärker herausgearbeitet werden musste. MTHD wurde hier vorallem theoretisch durch das Wechseln in nicht-menschliche Perspektiven angewandt. Auf Grundlage dieser Beobachtungen entstand der zweite Workshop als umfangreichere und klarer strukturierte Version. Besonders der Perspektivwechsel wurde weiterentwickelt, indem die Bedürfnisse der verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen stärker in den Mittelpunkt rückten. Der zweite Workshop wurde mit sieben Teilnehmenden aus unterschiedlichen Bereichen durchgeführt und durch Beobachtungen, eine Vorher-Nachher-Frage sowie eine abschließende Evaluation ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Antworten im Laufe des Workshops von eher klassischen Nachhaltigkeits- und Infrastrukturlösungen hin zu Ideen über Symbiosen, Vernetzung, gemeinsame Lebensräume und neue Formen des Zusammenlebens verschoben. Gleichzeitig zeigte die Durchführung auch Grenzen der Methode auf, vor allem den großen Umfang des Workshops, wodurch die letzte Station weniger intensiv bearbeitet werden konnte als geplant.
Die Einführung in den zweiten Workshop begann mit einer gemeinsamen Übung mit einem Wollfaden. Während der Vorstellungsrunde wurde dieser von Person zu Person weitergegeben, sodass nach und nach ein sichtbares Netzwerk zwischen allen Teilnehmenden entstand. Dieses Bild übertrug ich anschließend auf das System Erde: Menschen, Natur und andere Akteur:innen existieren nicht unabhängig voneinander, sondern sind Teil eines Gefüges, in dem vieles miteinander verbunden ist und sich gegenseitig beeinflusst. Darauf aufbauend führte ich in die Falttheorie ein. Mithilfe eines Kaleidoskops konnten die Teilnehmenden selbst beobachten, wie innerhalb eines begrenzten Raumes durch Bewegung immer wieder neue Muster und Kombinationen entstehen. Parallel dazu lief eine Animation der Faltung in Endlosschleife, in der ein System beim Auftreffen auf Grenzen seine Form verändert und neue Wege findet. Die Grenzen wurden so nicht nur als Einschränkung, sondern als möglicher Antrieb für Veränderung und Kreativität vermittelt. Anschließend richtete ich den Blick noch einmal auf die Erde als begrenztes System und führte den Gedanken des „Wachstums in die Vielfalt“ ein. Statt Wachstum ausschließlich als ein „Mehr“ zu verstehen, ging es darum zu zeigen, wie innerhalb bestehender Grenzen neue Kombinationen, Beziehungen und Formen entstehen können. Damit wurde die Grundlage für die folgenden Stationen geschaffen, in denen dieses Prinzip zunächst praktisch erprobt und anschließend um die Perspektiven der More-than-Human World erweitert wurde.
In der nächsten Station war es das Ziel, den Einstieg in die Falttheorie nicht über analytisches Nachdenken, sondern über das haptische Arbeiten zu ermöglichen. Die Teilnehmenden sollten den Begriff zunächst intuitiv begreifen und sich ohne lange Planung auf einen gestalterischen Prozess einlassen. Durch das Arbeiten mit den Händen entstanden sehr unterschiedliche Interpretationen des Begriffs. Einige Teilnehmende formten verzweigte Strukturen, andere arbeiteten mit Schichten, organischen Formen oder kleinen Mustern. Bereits hier wurde sichtbar, wie unterschiedlich ein gemeinsamer Ausgangspunkt interpretiert werden kann.
Mit dem Eisschollenspiel beginnt die zweite Stufe meines Workshopmodells. Nachdem sich die Teilnehmenden zuvor haptisch mit dem Prinzip des Wachstums in die Vielfalt auseinandergesetzt hatten, wird dieses nun in einen inhaltlichen Perspektivwechsel übersetzt. Im Zentrum dieser zweiten Phase steht das Leben in Symbiosen. Dies ist die Weiterentwicklung des Spiels aus Workshop 1. Ein wesentlicher Unterschied ist hier die intensivere Auseinandersetzung mit den Bedürnissen der Akteur:innen. Die Eissschollenkarten sind auf der Rückseite mit einem Steckbrief beschriftet. Ziel ist es, die Teilnehmenden dazu anzuregen, unterschiedliche Lebensrealitäten miteinander zu verknüpfen und Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen zu entwickeln. Sie müssen sich dazu in die Perspektiven verschiedener Existenzen hineinversetzen.
Diese Geschichten dienten anschließend als Grundlage für den gestalterischen Teil des Workshops. Jede Gruppe erhielt eine Seite einer großen hexagonalen Grundplatte und setzte ihr entwickeltes Szenario räumlich um. Die Idee dahinter war, dass sich alle Gruppen von außen zur Mitte hin bewegen und ihre Welten schließlich zu einer gemeinsamen Stadt zusammenwachsen. Durch den Ausfall der fünften Gruppe blieb eine Seite des Hexagons frei. Trotzdem funktionierte das Prinzip überraschend gut und die entstandenen Szenarien ließen sich miteinander verbinden.
Nach einer kurzen Pause nach dem Storytelling begann die praktische Umsetzung. Dabei merkte ich, dass viele Teilnehmende nun deutlich lockerer wurden und sichtbar Freude daran hatten, ihre zuvor entwickelten Geschichten räumlich zu gestalten. Für den Modellbau standen unterschiedliche Materialien zur Verfügung, darunter Lego, Modelliermasse, Draht, Wasserfarben, Bastelmaterial sowie Äste, Blätter und weitere Naturmaterialien aus dem Wald. Nach und nach entstanden verschiedene Lebensräume, Wege und Übergänge, die sich zu einer kleinen spekulativen Stadt entwickelten.
Den Abschluss bildete schließlich die gemeinsame Vernetzung aller Szenarien. Mithilfe von Stecknadeln und Fäden verbanden die Teilnehmenden die einzelnen Welten miteinander und suchten nach neuen Beziehungen, Abhängigkeiten und möglichen Lösungen zwischen den Akteur:innen. Ergänzt wurden diese Verbindungen durch kleine Notizen auf Post-its, die die jeweiligen Zusammenhänge beschrieben. Dadurch entstand zum Abschluss ein gemeinsames Netzwerk aus Lebensräumen, Bedürfnissen und Beziehungen, das die zuvor getrennt entwickelten Szenarien zu einem zusammenhängenden Gesamtbild verband.
Zum Abschluss des Workshops erhielten die Teilnehmenden erneut dieselbe Fragestellung, die sie bereits zu Beginn beantwortet hatten:
„Wie könnte eine Stadt im Jahr 2125 aussehen, die sowohl für Menschen als auch für Tiere, Natur und Maschinen lebenswert ist?“
Ziel war es, zu beobachten, ob sich ihre Herangehensweise durch den Workshop verändert hatte und welche neuen Aspekte sie nun in ihre Überlegungen einbezogen. In einer anschließenden Umfrage wurden die Teilnehmenden außerdem gefragt, ob ihnen der Zugang zu einer solchen komplexen Fragestellung nach dem Workshop leichter fiel.
Die Auswertung zeigt eine Verschiebung der Perspektiven. Während zu Beginn vor allem klassische Nachhaltigkeitsaspekte genannt wurden, rückten danach stärker Beziehungen, Symbiosen und gemeinschaftliche Systeme in den Vordergrund. Einige Teilnehmende griffen damit Gedanken aus dem More-than-Human Design auf und übertrugen diese auf die zukünftige Gestaltung von Städten. Natürlich muss dabei berücksichtigt werden, dass die Inhalte des Workshops ihre Antworten beeinflusst haben und eine Entwicklung in diese Richtung daher zu erwarten war.
Für meine Forschungsfrage war jedoch nicht nur entscheidend, was die Teilnehmenden antworteten, sondern vor allem, wie sich der Umgang mit der Fragestellung für sie anfühlte. Es ging also weniger um die Qualität der entstandenen Ideen, sondern darum, ob die Methode einen leichteren Zugang zu komplexen Fragen und kreativen Denkprozessen ermöglichen konnte. Die Verbindung von Falttheorie und More-than-Human Design sollte dabei helfen, gewohnte Denkmuster aufzubrechen, neue Perspektiven einzunehmen und den Einstieg in eine zunächst sehr offene und komplexe Zukunftsfrage zu erleichtern.