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¿Dat es Karneval! — Ein lebendiges Archiv

¿Dat es Karneval! — Ein lebendiges Archiv

Wie lässt sich etwas archivieren, das vor allem aus flüchtigen Momenten, Emotionen und Gemeinschaft besteht?

Ein interaktives installatives Archiv des Kölner Karnevals.

Das Projekt

Einleitung

Kölner Karneval ist ein Ausnahmezustand. Er ist laut und leise, freudig und wehmütig, geordnet und chaotisch, Himmel und Hölle und niemals gleich. Und er ist schwer zu beschreiben.

Mit diesem Archivprojekt möchte ich der Frage nachgehen, wie sich ein Phänomen festhalten lässt, das vor allem im gemeinsamen Erleben, in flüchtigen Momenten und verkörperten Erfahrungen existiert. Was entsteht in diesen Situationen und wie lässt sich etwas archivieren, das aus Begegnungen, Stimmungen und Erinnerungen besteht?

Ausgehend von meiner eigenen Verbindung zum Kölner Karneval nähere ich mich diesen Fragen nicht über offizielle Beschreibungen oder historische Einordnungen, sondern über persönliche Perspektiven, Momentaufnahmen und Objekte.

Damit stellt dieses Projekt den Versuch dar, eine Archivpraxis zu finden, die den Karneval einfängt und gleichzeitig seine Lebendigkeit bewahrt. 

Kölner Karneval: Thematischer Hintergrund

Auch wenn ich mich mit meinem Projekt gerade von offiziellen und historischen Erzählungen über den Karneval fernhalten möchte, umreiße ich hier dennoch kurz die wichtigsten Fakten rund um das Phänomen.

Der Kölner Karneval ist eines der größten Volksfeste Deutschlands und blickt auf eine jahrhundertelange Geschichte zurück. Bereits die Germanen feierten die Wintersonnenwende als Huldigung der Götter und zur Vertreibung böser Winterdämonen. Später übernahmen die Christen diese heidnischen Bräuche, um die Fastenzeit einzuleiten – daher der Name Karneval (von lateinisch carne vale, „Fleisch lebe wohl„) bzw. Fastnacht. Im Mittelalter artete die Feierei häufig aus, und weder Stadtrat noch Kirche konnten mit Verboten und Verordnungen dagegen ankommen. Unter preußischer Herrschaft starb der Straßenkarneval schließlich fast vollständig aus und nur das Bürgertum hielt noch seine närrischen Maskenbälle ab. Im Jahr 1823 gründete sich dann „Die Grosse Karnevalsgesellschaft“, die es sich zur Aufgabe machte, den Straßenkarneval wiederzubeleben und zu ordnen. Zur gleichen Zeit gab es ähnliche Zusammenschlüsse, beispielsweise gründeten sich die Roten Funken, als Parodie auf sich selbst als einstige Stadtsoldaten und es entstand das „Festordnende Comitée“, welches jährlich die Organisation des Karnevals übernahm. Noch heute organisiert das Festkomitee Kölner Karneval zentrale Veranstaltungen wie den Rosenmontagszug und wählt das Kölner Dreigestirn aus. Es vertritt als Dachverband die Interessen von rund 150 Karnevalsgesellschaften und stellt die Leitende Instanz des institutionalisierten und geordneten Karnevals dar.

Heutzutage startet die sogenannte fünfte Jahreszeit offiziell am 11. November um 11:11 Uhr. Die eigentliche Hochzeit stellt jedoch der Straßenkarneval dar, der an einem Donnerstag (Weiberfastnacht) im Februar oder März beginnt. Von da an wird bis zum Veilchendienstag in Sälen, Gaststätten, Kneipen, Zuhause und auf der Straße gefeiert, gesungen und getanzt. In dieser Zeit finden auch verschiedene Karnevalsumzüge statt. Dazu zählen bekanntere Umzüge wie die Schull- un Veedelszöch am Sonntag oder der Rosenmontagszug, aber auch kleinere Veranstaltungen in den verschiedenen Vierteln. Den Abschluss des Kölner Karnevals bildet in der Nacht zum Mittwoch die Nubbelverbrennung, bei der eine Strohpuppe als symbolischer Sündenbock für alle Ausschweifungen der vergangenen Tage an verschiedenen Stellen in der Stadt verbrannt wird – bevor am Aschermittwoch alles vorbei ist.

Vorhaben

Neben diesen institutionalisierten Strukturen und historischen Entwicklungen existiert jedoch eine andere Ebene des Karnevals, die sich weniger eindeutig fassen lässt. Sie zeigt sich in den zwischenmenschlichen Momenten in Kneipen, auf der Straße, im gemeinsamen Singen und Feiern. Hier entsteht ein Karneval, der nicht organisiert oder repräsentiert wird, sondern gelebt und erfahren.

Gerade weil sich diese Form des Karnevals nicht eindeutig greifen oder festschreiben lässt, stellt sich die Frage, wie mit ihr im Kontext eines Archivs umgegangen werden kann.

Der Kölner Karneval kann dabei selbst als eine Form von Archiv verstanden werden; nicht im Sinne eines geordneten Aufbewahrungsortes, sondern als lebendiges, verkörpertes Archiv immateriellen Kulturguts. Traditionen, Lieder, Rituale und Verhaltensweisen werden nicht in Akten oder Archivboxen gespeichert, sondern durch das wiederholte Praktizieren weitergegeben und aktualisiert. Wissen über den Karneval entsteht im Tun: im gemeinsamen Singen, im Verkleiden, im Feiern. Es ist ein Wissen, das in Körpern, Stimmen und sozialen Praktiken eingeschrieben ist und sich von Jahr zu Jahr verändert.

Ausgehend von diesem Verständnis entwickelt das Projekt ein eigenes Archiv, das versucht, genau diese Form der Lebendigkeit aufzugreifen. Anstelle einer linearen oder rein dokumentarischen Ordnung entsteht ein offenes, vielschichtiges Gefüge aus Stimmen, Klängen und Objekten. Es geht dabei nicht darum, den Karneval vollständig abzubilden oder festzuschreiben, sondern darum, einzelne Spuren sichtbar und erfahrbar zu machen, die sich zwischen persönlichen Erinnerungen und kollektiver Praxis bewegen.

Methode & Umsetzung

Um in meiner archivarischen Praxis die Lebendigkeit des Karnevals mit aufzunehmen, habe ich mich der Frage, was Karneval eigentlich ist, auf drei verschiedenen Wegen genähert:

  1. Interviews: Ein zentraler Bestandteil dabei waren Gespräche mit verschiedenen Personen, die eine eigene Beziehung zum Karneval haben. Manche meiner Interviewpartner*innen kannte ich bereits persönlich und andere wurden mir vermittelt. Im Fokus der Gespräche standen Fragen danach, wie Karneval erlebt wird, welche Erinnerungen damit verbunden sind und welche Bedeutung er im eigenen Leben einnimmt. Meistens habe ich die Personen bei ihnen Zuhause getroffen.

    Jede befragte Person habe ich außerdem darum gebeten, ein Objekt mitzubringen, das für sie eine Verbindung zum Karneval herstellt. Dadurch wurde die persönliche Ebene der Erzählungen um eine materielle Dimension ergänzt.

  2. Klangaufnahmen: Ergänzend zu den Gesprächen entstanden während des Karnevals eigene Audioaufnahmen. Diese halten keine einzelnen Stimmen fest, sondern Situationen: Musikgruppen auf der Straße, Stimmengewirr, gemeinsames Singen in Kneipen, Trommeln oder vorbeiziehende Umzüge.

    Ziel war es, die Atmosphäre und Dynamik des Karnevals einzufangen – also genau jene flüchtigen Momente, die sich einer klassischen Dokumentation entziehen. Die Aufnahmen bilden damit eine klangliche Ebene des Archivs, die möglicherweise die Erzählungen der “Protagonist*innen” erfahrbar macht.

  3. Objekte: Neben den persönlichen Objekten der Protagonist*innen habe ich außerdem Gegenstände gesammelt, die mir während der Karnevalszeit begegnet sind, wie beispielsweise Kronkorken, Konfetti, Kamelle oder Kostümteile.

    Diese Fundstücke fungieren als materielle Spuren des Geschehens und erweitern das Archiv um eine haptische Dimension. Sie verweisen auf konkrete Situationen, ohne diese vollständig abzubilden, und bleiben dadurch offen für eigene Assoziationen.

Diese Archivpraxis stellt kein abgeschlossenen Prozess dar, sondern beschreibt eher eine Methode, die beliebig weitergeführt werden kann. Die Bisherigen “Fundstücke” beschreiben also nur einen kleinen Ausschnitt und erheben keinen Ansprch auf Vollständigkeit.

Vom Material zur Struktur

Die im Prozess entstandenen Interviews, Klangaufnahmen und Objekte bildeten zunächst eine umfangreiche und heterogene Sammlung. Um daraus ein zugängliches Archiv zu entwickeln, war es notwendig, das Material zu sichten, auszuwählen und in eine eigene Ordnung zu überführen.

Ein erster Schritt bestand darin, die geführten Interviews thematisch auszuwerten. Auf der Grundlage wiederkehrender Motive und Erzählstränge habe ich einzelne O-Töne ausgewählt und zu kurzen, in sich geschlossene Audiofragmente geschnitten. Diese Fragmente stehen jeweils für bestimmte Aspekte des Karnevals, wie beispielsweise Gemeinschaft, Verkleidung, Erinnerung, Musik oder Veränderung.

Parallel habe ich auch die während des Karnevals entstandenen Klangaufnahmen gesichtet und thematisch zugeordnet. Anders als die Interviews bilden sie keine reflektierten Aussagen ab, sondern zeigen Situationen und Atmosphären. Beide Ebenen – persönliche Erzählung und kollektive Klanglichkeit – stehen im Archiv gleichberechtigt nebeneinander.

Übersetzung in ein installatives Archiv

Die räumliche und gestalterische Archivierung des Materials folgt keiner klassischen archivischen Logik von Distanz ( → nicht öffentlich zugängliche Archivakten und Boxen in Kellern), sondern einer offenen, visuellen und körperlich erfahrbaren Ordnung.

Ausgangspunkt hierfür war die Figur des Lappenclowns, die in einem der Interviews als Sinnbild des Karnevals beschrieben wurde: eine Figur, die sich festen Zuschreibungen entzieht und soziale Grenzen temporär auflöst. Dieses Bild wurde zur gestalterischen Grundlage des Archivs.

Das Kostüm des Lappenclowns besteht aus vielen einzelnen Stofffragmenten („Lappen“), die zusammengenäht ein Ganzes ergeben. Diese Struktur habe ich als Ordnungssystem übernommen und auf einer Kostümjacke angewendet. Die Lappen fungieren dabei als Träger von Inhalten. Sie sind durch ihre Position auf der Jacke bereits thematisch sortiert und ihre Farbe sowie eine Markierung auf der Rückseite verweisen auf eine Datei aus dem digitalen Archiv der Audiofragmente. In einer Ausstellungssituation könnte dieses Archiv über einen QR- Code oder ein beiliegendes Wiedergabegerät zugänglich gemacht werden. Auch die verschiedenen Objekte finden ihren Platz auf dem Kostüm und werden durch visuelle und teils digitale Elemente mit den Erzählungen oder Klängen in Verbindung gebracht.

Insgesamt entsteht eine visuelle und räumliche Gliederung, die sich nicht linear lesen lässt, sondern individuell erschlossen werden kann: visuell über das Kostüm, haptisch über die Materialien und Objekte und auditiv über die Stimmen und Klänge.

Die entwickelte Ordnung ist nicht als abgeschlossen zu verstehen, sondern als momentane Anordnung innerhalb eines fortlaufenden Prozesses. Neue Materialien könnten jederzeit ergänzt und bestehende Strukturen verändert werden. Das Archiv bleibt damit bewusst fragmentarisch und unabgeschlossen – als Versuch, eine Praxis zu entwickeln, die der Flüchtigkeit und Lebendigkeit des Karnevals gerecht wird.

Perspektivisch kann ich mir für einen weiteren Ausbau des Archivs vorstellen, noch Ortsangaben mit aufzunehmen und visuell auf einer interaktiven Karte so darzustellen, dass sich eine Verbindung zwischen den Klangaufnahmen und ihrem Entstehungsort herstellen lässt. Außerdem wäre es spannend, Aufnahmen anderer Menschen mit in das Archiv aufzunehmen, da es bisher ja nur Momentaufnahmen aus meiner persönlichen Karnevalszeit enthält, die natürlich nur eine mögliche Version des Feierns darstellt.

Link zu den Interview Fragmenten*: https://on.soundcloud.com/H7TTTWsKp0tM9c4Lep 

Link zu allen digitalen Inhalten*: https://drive.google.com/drive/folders/1_0mpw_KACzSyqH80_vSTWJglvDCcJvYl?usp=sharing

*Das Projekt ist in seiner vollständigen Form nur im physischen Raum erfahrbar und das Zusammenspiel seiner Archivlogik mit den den Objekten und Klängen lässt sich in der Dokumentation nur ausschnitthaft wiedergeben.

Installation.pngInstallation.png
Installation_hinten.pngInstallation_hinten.png
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Bilder:

1-2 Ansicht Installation vorne/hinten

3. Deatailansicht Objekte

4. Detailansicht Nummerierung

5. Detailansicht Objekt

6. Prozess – thematische Sortierung

7. Objekte

Reflexion & Fazit

Archiv und Widerstand

Die Entwicklung eines eigenen Archivs, das sich bewusst von klassischen Ordnungs- und Darstellungsformen entfernt, wirft unweigerlich die Frage auf, inwiefern ein solches Projekt auch als eine Form von Widerstand verstanden werden kann. Dabei geht es weniger darum, den Karneval selbst eindeutig als widerständige Praxis zu definieren, als vielmehr darum, die Spannungsfelder sichtbar zu machen, in denen er sich bewegt.

Die im Projekt gesammelten Stimmen und Situationen zeigen vor allem eine zwischenmenschliche Ebene des Karnevals: Momente von gemeinschaftlichem Erleben, geteilter Freude und Offenheit. In diesen Momenten können temporär soziale Grenzen verschwimmen, Rollenbilder verschoben und alltägliche Distanzen aufgehoben werden.

Ariella Aïsha Azoulay beschreibt in Potential History: Unlearning Imperialism (2019) „Unlearning„ als den Prozess, tief verinnerlichte Normen und Routinen abzulegen, durch die Gesellschaften in kontrollierte, voneinander getrennte Individuen organisiert werden (S. 29). Im Karneval werden genau diese Normen – zumindest temporär – außer Kraft gesetzt: Hierarchien werden spielerisch unterlaufen, soziale Rollen aufgebrochen, feste Identitäten gelockert. Die Menschen erscheinen nicht primär als Bürger*innen eines regulierten Gemeinwesens, sondern als Teil eines vorübergehenden, gelebten Miteinanders, das nicht durch administrative Kategorien strukturiert wird.

In diesem Sinne lassen sich im Karneval durchaus Situationen erkennen, die als Formen eines „Unlearning“ bestehender sozialer Ordnungen gelesen werden können – jedoch ohne den Anspruch, diese dauerhaft zu verändern oder aufzulösen.

Dabei ist dieses „Unlearning“ nicht als politische Aussage zu verstehen, sondern als gelebte Erfahrung. Karneval funktioniert als Ort des Auftankens, als kollektives Innehalten, das Gemeinschaft erfahrbar macht, wo sie im Alltag oft nicht selbstverständlich ist. Er kann daran erinnern, dass Gemeinschaft möglich ist, auch zwischen Menschen, die sonst wenig verbindet. Einer der Interviewten brachte das sehr direkt auf den Punkt: An Karneval lagen wir uns doch auch in den Armen. In diesem Sinne stellt der Karneval als Pool gemeinschaftlichen Erlebens ein emotionales und soziales Kapital dar, das über die Karnevalstage hinaus nachwirken kann und schafft damit in gewisser Weise eine Voraussetzung für Widerstand.

Gleichzeitig wäre es verkürzt, den Karneval als grundsätzlich emanzipatorischen oder gar widerständigen Raum zu beschreiben, der Veränderungen antreibt. Vielmehr ist er selbst von gesellschaftlichen Machtverhältnissen und verkrusteten Strukturen durchzogen. Fragen nach Sichtbarkeit und Teilhabe stellen sich auch hier: Wer wird gehört, wer wird repräsentiert, und wessen Perspektiven bleiben unsichtbar? Strukturen von Sexismus, Rassismus und Diskriminierung sind ebenso Teil des Karnevals wie exzessiver Alkoholkonsum oder Grenzüberschreitungen im zwischenmenschlichen Umgang. Auch die zunehmende Kommerzialisierung sowie historisch gewachsene, häufig männlich dominierte Organisationsformen prägen das Bild des Karnevals – von Musikgruppen über Büttenredner bis zum Dreigestirn.

Diese Missstände sind real und relevant. Dennoch war es nicht mein Ziel, sie von vornherein aufzugreifen oder in den Vordergrund zu stellen, da mich interessiert hat, was verschiedene Personen von sich aus erzählen und welche Aspekte des Karnevals sie selbst in den Mittelpunkt stellen.

Diese Haltung des Zuhörens spiegelt sich auch in der Archivpraxis selbst wider. Indem das Projekt Stimmen sammelt, die nicht Teil offizieller Narrative sind, indem es auf Körper, Klang und Materialität setzt und eine offene, nicht-hierarchische Struktur entwickelt, entsteht eine Archivpraxis, die sich gegen vereinheitlichende und ordnende Logiken stellt. Das Archiv wird damit zu einem Raum, in dem Widersprüche bestehen bleiben dürfen. Es versucht nicht, den Karneval zu erklären oder zu bewerten, sondern ihn in seiner Vielschichtigkeit erfahrbar zu machen – als etwas, das gleichzeitig verbindend und ausschließend, befreiend und begrenzend sein kann.

Quellen

Ein Projekt von

Fachgruppe

Europäische Medienwissenschaften

Art des Projekts

Freies Projekt

Zugehöriger Workspace

Widerständige Archive als Praxis

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2025 / 2026