In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
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Bachelorarbeit über Archetypen, Mythen und Universelle Symbole als Archiv der Menschheit
Ich bin alles, was ist, was gewesen ist und was sein wird. Kein sterblicher Mensch hat meinen Schleier aufgehoben.
Friedrich Schiller, Vom Erhabenen, 1793
Wie kann es sein, dass in so vielen Kulturen der Welt – lange vor globaler Vernetzung – ähnliche Bildmotive, Mythen und Erzählstrukturen entstanden sind?
Im Rahmen meiner Bachelorarbeit begegne ich dieser Frage aus einer kulturübergreifenden Perspektive. In zahlreichen Gesellschaften auf der ganzen Welt finden sich vergleichbare, teilweise identische Motive, Mythen und Figuren – und das bereits lange vor Kolonialisierung und Globalisierung. Im Zentrum dieser Untersuchung steht der Begriff der kulturellen Universalien: archetypische Symbole und Erzählmuster wie der Drache, der Weltenbaum oder die Trickster-Figur, die unabhängig voneinander in verschiedensten Kulturen auftauchen.
Der theoretische Teil der Arbeit nähert sich diesen Universalien interdisziplinär. Was sagen diese wiederkehrenden Motive über den Menschen aus? Welche Urängste, Hoffnungen und kollektiven Vorstellungen spiegeln sich in ihnen wider? Die Arbeit geht dabei der Frage nach, wie Menschen über Zeit und Raum hinweg ähnliche Antworten auf existentielle Fragen fanden – in einer Welt, in der es noch keine Wissenschaft, kein Internet, keine globale Kommunikation gab.
Sei es die Erzählung von einer reinigenden Sintflut, dem göttlichen Kind der Erlösung oder dem Helden, der trotz Schwächen triumphiert. All diese Motive eint ihre tief verwurzelte Bedeutung, die weit über kulturelle Grenzen hinausreicht. Doch sich wie gehen wir heute mit diesen um? Welche Bedeutung können sie heute noch entfalten? Wie können diese universellen Erzählungen und Symbole archivarisch sinnvoll aufgearbeitet, gesammelt und vergleichbar gemacht werden? Welche methodischen und gestalterischen Mittel eignen sich, um diese interkulturellen Strukturen zu erfassen, zu dokumentieren und in heutige Kontexte zu überführen?
Der gestalterische Teil der Arbeit übersetzt die theoretischen Erkenntnisse in ein visuelles und interaktives Format. Ziel ist es, kulturelle Tiefenstrukturen erfahrbar zu machen und zu zeigen, wie Gestaltung ein Mittel sein kann, um geteilte menschliche Erzählungen sichtbar und spürbar zu machen. Wie lässt sich ein Archiv gestalten, das Vergangenes nicht nur dokumentiert, sondern auch lebendig werden lässt?
How is it possible that similar visual motifs, myths, and narrative structures emerged in so many cultures around the world – long before global connectivity?
Within the framework of my Bachelor’s thesis, I approach this question from a cross-cultural perspective. Comparable and in some instances identical, motifs, myths, and figures can be found in numerous societies across the globe – predating both colonisation and globalisation. At the centre of this investigation lies the concept of cultural universals: archetypal symbols and narrative patterns such as the dragon, the hero, or the trickster figure, which appear independently of one another in the most diverse of cultures.
The theoretical component of this thesis approaches these universals in an interdisciplinary manner. What do these recurring motifs reveal about humanity? Which primal fears, hopes, and collective imaginations are reflected in them? In doing so, the work explores how human beings found similar answers to existential questions across time and space – in a world where there was as yet no science, no internet, and no global communication.
Whether it be the narrative of a cleansing flood, the divine child of redemption, or the hero who triumphs despite their weaknesses, all these motifs are united by their deeply rooted significance, which extends far beyond cultural boundaries. Yet how do we engage with them today? What significance can they still unfold? How can these universal narratives and symbols be meaningfully processed, collected, and made comparable from an archival perspective? Which methodological and design tools are suitable for grasping these intercultural structures, documenting them, and transferring them into contemporary contexts?
The practical design component of the thesis translates these theoretical findings into a visual and interactive format. The aim is to make deep cultural structures experiential and to demonstrate how design can be a means of making shared human narratives visible and tangible. How can an archive be designed that not only documents the past but also brings it to life?
Für meine Werkschau habe ich eine Website angelegt, die hier einzusehen ist (optimal auf dem Desktop)
Der Praxisteil meiner Bachelorarbeitg teilt sich in zwei Teile auf: die Eebsite und das Kartenspiel.
Als primäre Schrift habe ich mich für die Ready Active von Plain Form entschieden, die zur gestalterischen Grundlage meines Praxisprojekts geworden ist. Die Schrift wirkt auf mich sehr organisch und bewegt sich visuell zwischen etwas Rankenartigem und der Anmutung eines metallenen Käfigs. Diese Ambivalenz – zwischen etwas Verwunschenem, das sich ausbreitet und windet, und einer Struktur, die zugleich verdeckt oder einschließt – passt inhaltlich stark zu den von mir behandelten Archetypen und ihren oft widersprüchlichen Eigenschaften.
Ausgehend von der Ready Active habe ich begonnen, eigene Ornamente für das Projekt zu entwickeln. Dabei habe ich einzelne Formen und Fragmente der Schrift aufgegriffen, zerlegt und neu zusammengesetzt. Dieser Prozess ermöglichte es mir, aus der Typografie heraus ein eigenständiges visuelles System zu entwickeln, das sich durch das gesamte Projekt zieht und sowohl dekorativ als auch bedeutungstragend funktioniert.
Als ergänzende Schrift habe ich die Romie von Margarete Lévêque gewählt. Die Serifenschrift bringt eine ruhige, verträumte Qualität mit sich und bildet einen bewussten Gegenpol zur expressiven Ready Active. In der Kombination sorgt sie für Lesbarkeit und Ausgleich, ohne die atmosphärische Wirkung der Hauptschrift zu schwächen.
Aus den typografischen Ornamenten der Ready Active sind unter anderem drei Icons entstanden, die jeweils stellvertretend für die drei Archetypen meines Projekts stehen: Held, Trickster und Drache.
Das Icon des Helden erinnert in seiner Form an einen Orden oder eine heraldische Lilie und verweist damit auf klassische Vorstellungen von Ehre, Mut und Heldentum.
Das Icon des Tricksters besteht aus mehreren kleinen, sich verzweigenden Partikeln. Diese aufgelöste Struktur steht für seine Vielschichtigkeit, Ambivalenz und Zweigesichtigkeit.
Das Drachen-Icon ist formal an eine Schlange angelehnt und greift damit die reptilienartigen Eigenschaften auf, die sowohl westlichen als auch östlichen Drachenfiguren gemeinsam sind.
Im Bezug auf meine Bildsprache habe ich in Prhotoshop einen distroted Dither-Effekt entwickelt, den ich dann in Illustrator nachbearbeitet habe. So hatte ich die Möglichkeit Bilder aus den veschiedensten Quellen umzugestalten und auf einen Visuellen nenner zu bringen.
Zusätzlich lässt der Stil assoziationen zu und verwischt die Bilder. Sie sind teils durchsichtig und sollen wiederspiegelen, dass diese Bildnisse nur erahnen können, wie diese Figuren aussehen könnten.
Die Website selbst gliedert sich in zwei zentrale Bereiche.
Der erste Bereich ist das Archiv. Hier können Besuchende zunächst die drei Archetypen kennenlernen. Von dort aus gelangt man jeweils auf weiterführende Unterseiten zu konkreten Figuren: Bei Held und Trickster werden drei exemplarische Figuren vorgestellt, beim Drachen zwei besonders prägende Vertreter.
Der zweite Bereich ist eine interaktive Weltkarte, auf der die Figuren geografisch verortet sind. Die Karte kann erkundet werden und verfügt über eine Filterfunktion, mit der gezielt nach Helden-, Trickster- oder Drachenfiguren gesucht werden kann. Dadurch entsteht eine spielerische, explorative Ebene, die den kulturübergreifenden Charakter der Archetypen visuell erfahrbar macht.
Ausgehend von den Archetypen, Figuren und Infocards, die auf der Website zu finden sind, habe ich im zweiten Teil meines Praxisprojekts ein Kartenspiel entwickelt. Ziel war es, die inhaltlichen Konzepte der Archetypen in eine spielerische, interaktive Form zu übersetzen und dadurch eine neue Zugangsweise zu den Themen Macht, Trick und Geist zu schaffen.
Das Kartenspiel besteht aus insgesamt 16 Figurenkarten, drei Szenarienkarten sowie einer Erklärkarte. Die 16 Figurenkarten repräsentieren 16 Archetypen beziehungsweise konkrete Figuren aus meinem Projekt, darunter zwei Drachen, die im Spiel eine besondere Rolle einnehmen. Jede Figurenkarte ist mit drei Werten versehen: Macht, Trick und Geist. Diese Werte spiegeln zentrale Eigenschaften der jeweiligen Figur wider und basieren auf ihrer archetypischen Bedeutung.
Der Spielablauf wird auf der Erklärkarte erläutert. Zu Beginn des Spiels wird eine der Szenarienkarten gezogen. Diese legt fest, welches Ziel das Spiel verfolgt – je nach Szenario gewinnt am Ende das Team, das insgesamt den höchsten Wert in Macht, Trick oder Kraft erreicht. Dadurch verändern sich Spielstrategie und Gewichtung der Figuren von Runde zu Runde.
Im Verlauf des Spiels stellen die Spielenden durch eine Abfolge von Ziehen, Tauschen und Kombinieren nach und nach ein eigenes Team zusammen. Die beiden Drachen fungieren dabei als Sonderkarten und unterliegen speziellen Regeln, die sie besonders mächtig, aber auch strategisch anspruchsvoll machen. Das Spiel ist aktuell für bis zu drei Personen konzipiert.
Das Kartenspiel versteht sich als Erweiterung der Website: Inhalte, die dort informativ und archiviert präsentiert werden, werden hier in eine dynamische, spielerische Logik überführt. Gleichzeitig bietet das Spiel die Möglichkeit, archetypische Eigenschaften miteinander zu vergleichen, zu kombinieren und neu zu bewerten.
more to be seen soon ✨
Für mich ist das Projekt A Thousand Times Told nicht abgeschlossen, sondern vielmehr als offenes System angelegt, das sich weiterentwickeln lässt. Als nächsten Schritt kann ich mir gut vorstellen, der Website eine mobile Version zu geben, um die Inhalte noch zugänglicher und zeitgemäßer zu machen. Auch das Kartenspiel existiert bereits in gedruckter Form, soll jedoch perspektivisch weitergedacht werden. Denkbar wären eine höhere Auflage, die Erweiterung um zusätzliche Spielkarten sowie neue Figuren oder Szenarien. Langfristig kann ich mir zudem vorstellen, das Spiel offiziell zu publizieren, sei es als eigenständiges Produkt oder in Verbindung mit der Website.
Über die konkrete Weiterentwicklung des Projekts hinaus hat die intensive Auseinandersetzung mit Archetypen und Mythen für mich persönlich eine nachhaltige Bedeutung. Das Thema begleitet mich weiterhin und weckt ein großes Interesse, es in einem zukünftigen Masterprojekt erneut aufzugreifen und zu vertiefen. Besonders reizvoll erscheint mir dabei eine feministische Perspektive auf Mythen und archetypische Figuren: Welche Rolle nehmen weibliche Figuren ein? Wie werden sie wahrgenommen, überliefert und interpretiert? Welche Narrative sind verzerrt, verkürzt oder falsch tradiert – und welche lassen sich neu lesen oder zurückerobern? Diese Fragen bilden für mich einen inhaltlichen Ausgangspunkt, den ich gerne weiterverfolgen möchte.
Die Arbeit an meiner Bachelorarbeit hat mir gezeigt, dass mir insbesondere die Verbindung von wissenschaftlichem Arbeiten und gestalterischer Praxis große Freude bereitet. Das Erarbeiten eines theoretisch fundierten Konzepts und dessen anschließende Übersetzung in eine visuelle und interaktive Gestaltung war zwar anspruchsvoll, hat mir aber zugleich viel Halt gegeben. Ich habe gemerkt, dass mir diese strukturierte, akademische Herangehensweise liegt und mir Sicherheit im kreativen Prozess verschafft.
Besonders bestätigt hat sich für mich zudem mein Interesse daran, digitales Design mit Print zu verknüpfen und Inhalte aus dem digitalen Raum in den physischen Raum zu überführen. Die Website und das Kartenspiel stehen exemplarisch für diesen Ansatz und spiegeln meine gestalterische Haltung wider.
Gleichzeitig hat mich das Projekt auch an meine persönlichen und technischen Grenzen gebracht. Die Arbeit mit Ready Mag hat mir deutlich gemacht, wie stark man in diesem System eingeschränkt ist und wie viel Frustrationstoleranz das Arbeiten damit erfordert. Trotz meiner Vorerfahrung im Bereich Coding wäre die Umsetzung ohne Unterstützung nicht möglich gewesen. Rückblickend bin ich dennoch zufrieden damit, wie ich das Programm genutzt und für meine Zwecke gemeistert habe, auch wenn mir klar geworden ist, wo dessen Grenzen liegen und dass komplexere, individuellere Lösungen andere Werkzeuge erfordern.
Auf gestalterischer Ebene habe ich gelernt, meine eigene Arbeit stärker zu hinterfragen und bewusster out of the box zu denken. Gerade im digitalen Gestalten neige ich dazu, Nutzende stark „abholen“ und führen zu wollen, was schnell in konventionelle oder zu sichere Gestaltung münden kann. Mein Anspruch liegt jedoch in einem immersiven Design, das sich von reinen Template-Strukturen löst – ein Anspruch, den ich zukünftig noch konsequenter verfolgen möchte.
Darüber hinaus hat mich die Arbeit an der Bachelorarbeit auch auf struktureller Ebene nachdenklich gestimmt. Mir ist bewusst geworden, dass ich mich in diesem Semester in einer vergleichsweise privilegierten Situation befand: ohne weitere Kurse, mit einem 20-Stunden-Werkstudentinnenjob und daudrch einer gewissen finanziellen Absicherung. Dennoch bin ich häufig an zeitliche und finanzielle Grenzen gestoßen. Vor diesem Hintergrund erscheint mir die Bachelorarbeit für viele Studierende eine sehr große Hürde zu sein – insbesondere für diejenigen ohne akademischen Background, ohne finanzielle Sicherheit oder ohne ein unterstützendes Umfeld. Ich sehe hier eine Verantwortung seitens der Hochschule, stärker über Chancengleichheit nachzudenken und strukturelle Unterstützung auszubauen, um allen Studierenden vergleichbare Voraussetzungen zu ermöglichen.
Trotz aller Herausforderungen blicke ich sehr positiv auf das Projekt zurück. Die Arbeit an A Thousand Times Told hat mir nicht nur fachlich und gestalterisch viel gegeben, sondern auch meine Motivation bestärkt, mich weiterhin intensiv mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Ich freue mich darauf, das Projekt weiterzuführen und darauf aufzubauen.