Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam

In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre

Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam mehr erfahren

Mit Borschtsch gegen die Ohnmacht. Eine Graphic Novel

Mit Borschtsch gegen die Ohnmacht. Eine Graphic Novel

„Mit Borschtsch gegen die Ohnmacht“ ist eine Graphic Novel in Plakatform über die Kosmoskantine im Rechenzentrum Potsdam.

Vorüberlegungen zur Graphic Novel

Erste Überlegungen: Was berührt uns an Graphic Novels?

  • Detailreiche und liebevolle Einführung von Figuren mit Eigenarten und Charme
  • Show Don´t Tell: Figuren handeln in alltäglichen Situationen, daraus liest man den Charakter mehr als durch lange Beschreibungen
  • Zusammenführen von Erzählsträngen
  • tragische oder emotionale Geschichte

Slocum.jpgSlocum.jpg

Unser Designmanifest

Was erwarten ich von dem Kurs und meinem Projekt? Wie will ich an dem Projekt arbeiten? Was habe ich mir vorgenommen?

Designmanifest.jpgDesignmanifest.jpg

Eine Geschichte finden

Seit Oktober 2025 habe ich einen Arbeitsplatz im Rechenzentrum und wenn ich freitags mit meinen Atelierkolleginnen Mittagspause gemacht habe, waren wir oft in der Kosmoskantine im Erdgeschoss essen.

Ich kannte Angela und Yunia, die Köchinnen, daher schon vom Sehen und wusste um den Ursprung der Kantine: 

2022 waren die beiden Frauen mit ihren Familien aus der Ukraine nach Deutschland geflohen, kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges. Als sie schließlich in Potsdam landeten, kamen sie wie viele Geflüchtete in Notunterkünften oder Hotels unter. Die wenigsten hatten dort die Möglichkeit, sich selbst zu verpflegen und für die Familie zu kochen.

Weil Angela früher als Köchin gearbeitet hatte, kam die Idee auf, ein Restaurant zu eröffnen – daraus wurde erstmal nichts, dafür tat sich im Rechenzentrum die Möglichkeit auf, die dortige Teeküche zu benutzen. Angela und Vira, eine Freundin ebenfalls aus Odessa, schlugen daraufhin vor, einen regelmäßigen Mittagstisch für die Potsdamer*innen auszurichten. Im März sind es nun 4 Jahre, in denen der Krieg in der Ukraine andauert und in denen die Frauen jeden Freitag ukrainische Hausmannskost kochen. Einen Teller gibt es ab 6€, gerne mehr, denn alle Einnahmen werden an die Ukrainehilfe gespendet. Das Essen war unglaublich lecker und ich war vom Hintergrund der Kantine sehr berührt.

Dass sich Yunias und Angelas Geschichte gut als Graphic Novel machen würde, lag auf der Hand: zwei starke und inspirierende Protagonistinnen, ein bewegendes und politisch aktuelles Oberthema, das Kochen (das eng mit dem Heimatgefühl verbunden ist) als begleitende Handlung. Ich konnte mir die Story gut gezeichnet vorstellen und hatte sofort erste Bilder im Kopf.

Recherchieren

Meine Recherche begann mit dem gemeinsamen Kochen am Freitag. Ich hatte im Vorfeld eine Handvoll Fragen an Angela formuliert und per Telegram ein paar recht kurze Antworten erhalten; ich wollte mehr über sie und ihre Geschichte erfahren und wollte das lieber persönlich tun, statt über Text.
 Das ging aus mehreren Gründen nicht ganz auf:

  1. In der Kosmoskantine wird für rund 50 Leute gekocht, es gibt also allerhand vorzubereiten und es blieb eigentlich keine Zeit für Pausen und Gespräche.

  2. Angela spricht wenig Deutsch oder Englisch, ich gar kein Russisch oder Ukrainisch. Wir konnten uns mit Händen und Füßen zwar gut verständigen, aber wirklich in ein Thema abtauchen konnten wir nicht.

  3. Ich hatte den Eindruck, Angela wollte nicht gern über die Flucht aus der Ukraine sprechen (absolut verständlich, das war schließlich eine traumatisierende Zeit und ich eine völlig fremde Person).

Wirklich viel neues habe ich beim Kochen also nicht erfahren. Trotzdem war dieser Tag wichtig, um mehr mit dem Projekt zu connecten, mitzukochen und Angela und Yunia in echt kennenzulernen. Ich hatte eine gute Zeit und wurde von den beiden sehr willkommen geheißen.

Kochen.jpgKochen.jpg

Die Einbahnstraße in der Recherche stellte mich jedoch vor das Problem, dass mir die zweite Ebene zu meiner Graphic Novel fehlen würde, wenn ich nicht mehr Informationen zur Flucht kriegen konnte.

Einen guten Umgang mit der Tragik der Geschichte zu finden, war schwierig für mich. Ich fühlte mich nicht ausgerüstet genug, eine Fluchtgeschichte zu illustrieren, und wollte natürlich nicht das Leid der Frauen ausnutzen, damit mein Projekt möglichst tragisch ist. Dennoch musste die Flucht irgendwo ihren Platz in der Erzählung finden, damit sie die Betrachter*innen erreichen und berühren kann.

In der Zwischenpräsentation kam von Anja Engel, der Leiterin des Rechenzentrums, der Impuls, mich auf die Informationen zu beziehen, die es generell über die Ankunft von Ukrainer*innen in Deutschland und konkret über die Köchinnen der Kosmoskantine gab. 
Ich durchforstete also das Internet erneut auf der Suche nach allen möglichen Beiträgen und Artikeln. Den Text der Geschichte schrieb ich dann auf Grundlage von diesem Zeitungsartikel, diesem Videobeitrag vom RBB und den Antworten von Angela auf meine Fragen.

Visuelle Recherche

→ Storyboard

Ein Storyboard wird oft im Film oder eben in der Illustration erstellt, um recht früh im Erarbeitungsprozess die Handlung zu strukturieren und visualisieren. Wann wird welche Person eingeführt, wo liegt der Höhepunkt der Geschichte, gibt es eine Pointe oder ein Grand Finale? Diese grundlegenden Entscheidungen im visuellen Erzählen können durch ein Storyboard einfacher getroffen werden.

Ausgehend von Emilias Post-It-Übung im Seminar, in der wir Schlüsselszenen unserer Geschichte auf Klebezettel skizzierten und im Anschluss neu anordnen oder ergänzen konnten, zeichnete ich ein grobes Storyboard in neun Frames für die Kosmoskantine. 

Ich wollte, dass sich die Geschichte an einem Freitag während dem Einkaufen, Kochen, Essen abspielt; die erzählte Zeit sind also nur ein paar Stunden. Ergänzen wollte ich die Kochszenen im RZ mit Erinnerungen und Hintergrundinformationen zur Entstehung der Kantine auf textlicher und bildlicher Ebene (Schnitt – Gegenschnitt bei ähnlichen Situationen).

IMG_3373.jpegIMG_3373.jpeg

→ Skizzen

CharakterBeide.pngCharakterBeide.png

Illustrationsprozess

Bevor es ans finale Illustrieren ging, musste ich mein Storyboard anpassen und konkretisieren. Die Panels zu den Rückblenden an Angelas Kindheit und Ankunft in Deutschland flogen raus und ich ergänze mehr Szenen vom Einkaufen und Kochen. Weil Angela und Yunia die Geschichte tragen sollten, entschied ich mich , die zwei Porträts außerhalb der Panelstruktur in groß zu platzieren.

Plakatstand.jpgPlakatstand.jpg

Es folgten: lange Tage (und manchmal Nächte) des Zeichnens.

Skizzen.jpegSkizzen.jpeg

Nach dem Einscannen wurden die Panels freigestellt, in Photoshop verbessert und (weil das Plakat in Schatz-Weiß sehr düster wirkte und die Wärme des Kochens verloren ging) nachträglich koloriert. Damit die Typografie mit dem analogen Zeichenstil Hand in Hand geht, entschied ich mich beim Setzen des Textes für meine Handschrift.

Fertig!

An der Stelle einmal Danke an Eric Wenk, der den Artikel in der PNN geschrieben und mir erlaubt hat, den Titel zu übernehmen.

→ Plakat

Kantine_A1_Kopie.pdf PDF Kantine_A1_Kopie.pdf

→ Risoprints

Für die Ausstellung im Café Laika wollte ich die Porträts der Frauen und eine Handvoll ausgewählter Panels noch im Risographen drucken. Die Riso-Optik gibt dem Ganzen – finde ich – noch diesen typischen Comic-Look und das Rot und Grün sitzen viel besser als im CMYK.

Leider gibt es keinen Ort, wo man A1 im Riso drucken kann, sonst hätte ich gern das ganze Plakat so umgesetzt.

Risoprints.jpgRisoprints.jpg

Risoprints2.jpgRisoprints2.jpg

→ Abschlusspräsentation

Abschlusspräsentation_MerleKauf Kopie.pdf PDF Abschlusspräsentation_MerleKauf Kopie.pdf

Ausstellung im Café Laika

Verni.jpgVerni.jpg

Fazit

Im Kurs habe ich das erste Mal mit Panels und einer Comicstruktur gearbeitet, was mir sehr gut gefallen hat. Das Plakat in Reihenfolge und Lesbarkeit gut zu strukturieren war doch anspruchsvoller als gedacht und ich konnte viel Wissen über Eye Tracking mitnehmen.

Die Herausforderung an dem Projekt war für mich das Finden einer stimmigen Narration: also ein gutes Gleichgewicht zwischen der Tragik im Hinblick auf Krieg und Flucht und der Herzlichkeit von Angela und Yunia.
Am Ende ist der Erzählton dokumentarischer geworden, als ich anfangs dachte.

Normalerweise zeichne ich mich an irgendeinem Punkt im Semester in eine Sackgasse, aber das war dieses Mal erstaunlicherweise nicht so. Sobald ich nach ein paar Ausprobierblättern wusste, in welchem Stil ich die Graphic Novel umsetzen will, ging mir das Illustrieren selbst recht leicht von der Hand. Ein ausführliches Storyboard hat dabei sehr geholfen. (Merke: Nächstes Mal früher damit arbeiten.) Dem Zeitdruck gegen Ende geschuldet mag ich nicht alle Panels zu 100%, aber im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden.
Ich mag die Zweifarbigkeit, besonders weil man sie in kleineren Formaten gut im Riso umsetzen kann. Das nächste Mal möchte ich mir aber früher Gedanken über die Farbigkeit machen — das Rot und Grün sind etwas improvisiert in den letzten Tagen noch hinzugekommen.

Ich hatte große Freude in dem Seminar und möchte gern mehr in Richtung Graphic Novel und Comic arbeiten. :)

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Studienarbeit im zweiten Studienabschnitt

Betreuer_in

foto: Prof. Lisa Bucher

Zugehöriger Workspace

1234 - Graphic Novels aus dem Rechenzentrum

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2025 / 2026