In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
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Etiketten für Claudia Jessen – eine gestalterische Klärung
In diesem Kurs erlernten wir die Kraft der Typographie als Mittel der Gestaltung.
Claudia Jessen vertreibt als Einzelunternehmerin eine kleine, aber feine Auswahl an sortenreinen Apfelsäften sowie hausgemachten Fruchtaufstrichen und Chutneys. Ihre Produkte stehen für Handarbeit, Regionalität und Authentizität – Werte, die sich bislang auch in ihrer Etikettengestaltung niederschlugen. Das ursprüngliche Etikett, mit seiner leicht improvisierten Anmutung, hatte ohne Frage Charme, ließ jedoch zentrale Informationen wie Sorte, Inhalt oder Herkunft schwer erfassbar werden.
Ziel meiner Arbeit war es, eine neue Etikettenserie zu entwickeln, die die Persönlichkeit des Produkts bewahrt, gleichzeitig aber in Klarheit, Leserlichkeit und gestalterischer Systematik überzeugt – und dabei mit den beschränkten Mitteln eines Ein-Frau-Betriebs auskommt.
Nach einigen Umwegen entschied ich mich bewusst für eine typografische Lösung ohne illustrative Elemente. Der Verzicht fiel nicht leicht, doch gerade die Reduktion eröffnete neue Spielräume.
Der zentrale Blickfang des Etiketts ist der Produktname „DER SAFT“, gesetzt in der Schrift Gargle – einer bewusst unregelmäßigen, fast handschriftlich wirkenden Display-Schrift, die Kraft, Persönlichkeit und Unverwechselbarkeit vereint.
Die jeweilige Apfelsorte steht darunter, in Avenir, einer modernen, neutralen Schrift mit guter Lesbarkeit – auch in kleinerer Größe. Sie steht bewusst im krassen Kontrast zum Markennamen. Denn ihr Zweck besteht ausschließlich aus der Übermittlung von Informationen.
Alle Pflichtangaben ( Name, Adresse, Haltbarkeit etc. ) sind im unteren Bereich sachlich gesetzt; rechtsseitig ergänzt eine vertikale Textzeile den Inhalt und geschmackliche Beschreibung ( z.B. „100 % Apfelsaft – selbstgemacht - süßlich“ )
Das Etikett ist schwarz-weiß gehalten – sowohl aus Produktionsgründen als auch als gestalterisches Statement: Reduktion statt Dekoration.
Das Designkonzept ist rund, lässt keine Fragen offen und ist so gewählt, dass es für alle Sorten passt.
Die klare Trennung zwischen emotionaler und funktionaler Typografie ermöglicht eine intuitive Erfassung der Etiketteninhalte – auch für Menschen, die die Produkte zum ersten Mal sehen.
Das Konzept lässt sich auch auf die Gläser mit eingekochtem übertragen. Es bleibt rund, schlüssig und verliert nicht die gestalterische Konsistenz.
Die gestalterische Lösung musste sich nicht nur formal bewähren, sondern auch praktisch: Die Etiketten sollten sich auf vier unterschiedliche Verpackungstypen (zwei Flaschen- und zwei Glasformen) anwenden lassen. Ich reduzierte die Vielfalt auf zwei Etikettengrößen, die sowohl auf Flaschen als auch auf Gläsern stimmig wirken – bei gleichzeitig minimalem Verschnitt und maximaler Papiereffizienz.
Die Etiketten sind schwarz-weiß gehalten – nicht aus gestalterischer Bequemlichkeit, sondern aus Überzeugung und mit Blick auf Produktionskosten.
Variante Material Druck Papier & Druckkosten Schneidemaschine (anteilig) Gesamtkosten Stückpreis
Hochglanz Eigenproduktion Hochglanzpapier, selbstklebend Heimdruck Laser ca. 190 € 8,30 € ca. 198 € 0,198 €/Etikett
Matt Eigenproduktion Matt weiß, selbstklebend Heimdruck Laser ca. 68 € 8,30 € ca. 76 € (0,076 €/Etikett)
Online-Druckerei Haftpapier, 4c Profi-Druck ca. 70–90 € – ca. 70–90 € (0,07–0,09 €/Etikett)
Auch bei der Kampagne war mir wichtig, in der Umsetzung realistisch zu bleiben.
Das heißt, ich entwarf lediglich ein Plakat für den Marktstand und einen Aufsteller für den Markt selber.
Ich wollte ein Szenario entwerfen, welches die Möglichkeiten eines Ein-Frau-Betriebes berücksichtigt.
Um einen regionalen Bezug herzustellen, sind die Slogans und Schriftzüge in Berliner Mundart gehalten.
Das fertige Etikettensystem schafft einen Spagat: Es bleibt nahbar, freundlich, leicht unperfekt – und ist zugleich klar, wiedererkennbar und praktikabel. Es ist ein Entwurf, der die Realität eines kleinen Betriebs ernst nimmt und dennoch gestalterischen Anspruch zeigt.
Ich sehe ihn nicht als Abschluss, sondern als Anfang eines besseren Verständnisses für Gestaltung, Klarheit und Haltung.
Die Umsetzung fiel mir nicht leicht. Zwar war die Aufgabenstellung klar, doch die Arbeit daran war für mich ein wiederholtes Suchen nach Klarheit – in einem Umfeld, in dem Zwischenergebnisse oft unrund blieben. Ich musste lernen, zu reduzieren, mich zu entscheiden und nicht jedem gestalterischen Impuls nachzugeben. Dass dabei ein Etikett entstanden ist, mit dem ich mich identifizieren kann, betrachte ich als Erfolg.
Auch wenn die Kommunikation im Kurs nicht immer einfach war, habe ich inhaltlich viel mitgenommen – über Typografie, über Struktur, über gestalterische Verantwortung. Ich habe gelernt, dass weniger nicht nur mehr ist, sondern manchmal auch das einzig Richtige.