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Design for Debate: Incubating Nonhumans

Design for Debate: Incubating Nonhumans

Im Kurs „Design for Debate“ der von Reto Wettach angeleitet wurde, beschäftigten wir uns mit spekulativem Design, seiner Definition und der Umsetzung eines eigenen Critical-Design-Projektes.

Design for Debate

Zu Beginn des Kurses setzten wir uns mit dem Begriff „Design for Debate“ auseinander, der von den Designer*innen Anthony Dunne und Fiona Raby geprägt wurde. Ihnen nach soll dieser Ansatz „inspirieren, Bewusstsein schaffen, Diskussionen anregen und Debatten provozieren“ (Dunne & Raby 2008). Anstatt konkrete Lösungen für aktuelle Probleme zu liefern, spekuliert Design for Debate über mögliche Zukünfte, indem fiktive oder konzeptionelle Objekte entworfen werden, die potenzielle soziale, ethische oder technologische Entwicklungen sichtbar machen. Dunne und Raby betonen dabei:

„[…] Es geht nicht nur darum, sich wünschenswerte Dinge vorzustellen, sondern auch unerwünschte Dinge – warnende Beispiele, die verdeutlichen, was passieren könnte, wenn neue Technologien unbedacht in die Gesellschaft eingeführt werden.“

Statt idealisierte Zukunftsbilder zu präsentieren, zielt Design for Debate darauf ab, zur Reflexion anzuregen und kritische Fragen aufzuwerfen, wie etwa: Ist diese spekulative Zukunft, die uns präsentiert wird, möglich – und warum? Ist dies die Zukunft, die wir wollen? Warum oder warum nicht? Auf diese Weise fordern Designer*innen das Publikum dazu heraus, die Konsequenzen neuer Technologien und die möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen aufmerksam und kritisch zu hinterfragen.

Analyse

Um uns in das Thema einzufinden, wählten wir jeweils ein bereits existierendes Critical-Design-Projekt aus. Dieses sollten wir genauer analysieren und in einem kurzen Paper beschreiben.

Ich entschied mich für das Projekt „Compression Carpet“ (2019) der australischen Künstlerin und Designerin Lucy McRae. Die interaktive Installation untersucht die sich verändernde Beziehung zwischen Mensch und Technologie sowie deren zunehmende Vernetzung. Als eine Art „Umarmungsmaschine“ konzipiert, regt Compression Carpet zur Auseinandersetzung mit Themen wie Isolation, emotionaler Abhängigkeit und Intimität (z.B. Berührung) in einer zunehmend technologisierten Welt an.

Diese Arbeit steht exemplarisch für ein Design for Debate-Projekt, da sie eine Diskussion darüber eröffnet, wie sich das Verhältnis von Mensch und Technologie entwickeln könnte und wie wir in Zukunft körperlich und emotional miteinander koexistieren. Sie fordert dazu auf, kritisch zu reflektieren, inwiefern zukünftige Technologien zwischenmenschliche Interaktionen neu gestalten, oder möglicherweise sogar ersetzen könnten.

Design for Debate - Compression Carpet-1.pngDesign for Debate - Compression Carpet-1.png
Design for Debate - Compression Carpet-2.pngDesign for Debate - Compression Carpet-2.png

Konzept

Im Laufe des Kurses sollten wir unser eigenes Design for Debate entwickeln, dessen Schwerpunkt wir individuell wählen konnten. Mein spekulatives Design sollte sich der Beziehung von Mensch und Umwelt widmen. Durch den Kurs „The Design Politics of Nature“ aus dem vergangen Semester, der für mich sehr eindrucksvoll war und ein neues Interessengebiet eröffnet hat, konnte ich einige mir schon bekannte Theorien zum Thema einbringen.

Darüber hinaus, basiert meine Projektidee unter anderem auf der Essay-Sammlung „Stranges“ von Rebecca Tamas, der mir eine neue Perspektiven auf die Verbundenheit zwischen Menschen und sog. „Nicht-Menschen“ bot.

Hintergrund

Mein Projekt geht von einer kritischen Betrachtung unserer gegenwärtigen Beziehung zu anderen Spezies aus. Der Mensch stellt sich gewöhnlich über andere Lebewesen und ordnet sie in Kategorien wie „Nutztiere“, „Ressourcen“, „Schädlinge“ oder „Unkraut“ ein, alles Begriffe die eine klare, hierarchische und oftmals destruktive Haltung wiederspiegeln. Diese Form der Beziehung ist ausbeuterisch und trägt maßgeblich zum Artensterben, Klimawandel oder sozialer Ungleichheit bei. Gleichzeitig ist unsere eigene Existenz unmittelbar abhängig vom Erhalt der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt.

Auf dieser Grundlage gestaltete ich ein Zukunftsszenario, in dem sich die Menschheit, aus dem Bewusstsein ihrer Verantwortung heraus, aktiv von anderen Spezies abgrenzt, um weitere Umweltzerstörungen zu verhindern. Eine wichtige Inspirationsquelle für diesen Gedankengang war der Kurzfilm „Our Body is a Planet“ (2022), eine Zusammenarbeit zwischen Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen, der die gegenseitige Abhängigkeit von Mensch und Nicht-Mensch thematisiert, und zusätzlich die physische Veranlagung der Menschen beschreibt, andere Lebensformen im eigenen Körper zu beherbergen.

In meinem Konzept führt diese radikale Trennung zu einem neuen moralischen Verständnis: Menschen dürfen natürliche Ressourcen nur noch dann nutzen, wenn sie diese mithilfe ihres eigenen Körpers produzieren, sie werden zu einer Art Inkubatoren, wodurch der Name des Projekts „Incubating Nonhumans“ entstanden ist. Dieser Ansatz wirkt auf den ersten Blick drastisch, erscheint aber durchaus plausibel, wenn man bedenkt, dass der menschliche Körper bereits heute von zahlreichen Lebensformen bewohnt wird.

Incubating Nonhumans

Ich konzentriere mich auf vier Gruppen von Lebensformen, die in unserem anthropozentrischen System traditionell untergeordnet sind: Tiere, Pflanzen, Insekten und Pilze. Durch ihre Integration in den menschlichen Körper möchte ich Fragen zur Verantwortung, zur Herkunft unserer Ressourcen und zu den ethischen Implikationen ihres Verbrauchs in den Vordergrund rücken.

Inhaltlich schließt mein Projekt an das der japanischen Künstlerin Ai Hasegawas Arbeit „I Wanna Deliver a Shark“ (2012) an. Dabei handelt es sich um ein spekulativen Designprojekt, in dem Menschen bedrohte Tierarten austragen sollen, um so auf Umweltkrisen wie Überbevölkerung und Ressourcenknappheit zu reagieren. Während Hasegawa sich auf einzelne Tierarten konzentriert, erweitere ich den Ansatz auf eine Vielzahl nichtmenschlicher Lebensformen, wodurch die Frage aufkommt:

Wenn die Ressourcen, die wir heute so bedenkenlos konsumieren, direkt aus unseren eigenen Körpern stammen würden, wodurch die persönliche Erfahrung von körperlicher und psychischer Belastung impliziert werden soll, würden wir sie dann noch immer so selbstverständlich nutzen wie derzeit, wenn wir sie anderen Lebewesen entziehen? Warum oder warum nicht?

Um diese Überlegungen in einem Design-Artefakt darzustellen, gestaltete ich einer fiktiven Produktlinie der imaginären Pharmamarke Inter-SB™ (Interspecies Breeding). Die Marke umfasst medizinische Hilfsmittel wie Hautcremes, Hormontabletten oder Inhalationssprays, die den menschlichen Körper bei der Kultivierung nichtmenschlicher Lebensformen unterstützen sollen. Durch die bewusst kommerzielle und alltagsnahe Inszenierung (z. B. in Form einer Werbekampagne) soll Irritation erzeugt und eine kritische Reflexion angeregt werden.

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Auch wenn das spekulative Design derzeit noch unrealistisch oder absurd wirken mag, da es weit von der bisherigen technologischen bzw. medizinischen Entwicklungslage entfernt ist, liegt die Relevant dennoch in heutigen, drängenden gesellschaftlichen Fragen und soll einen Beitrag zu aktuellen Debatten und Bemühungen zum Schutz und Erhalt der Umwelt leisten. Das Design soll unsere moralischen Denkmuster und unsere Beziehung zur Natur hinterfragen. Zumal wird oft außer Acht gelassen, dass die Trennung und Ausbeutung zwischen Mensch und Natur, durch ökologische und politische Machtstrukturen denselben Ursprung hat wie soziale Ungleichheit und die Unterdrückung marginalisierter Gruppen, weshalb das Thema zunehmend und in vielen gesellschaftlichen Bereichen auf Relevanz trifft.

Paper

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Ein Projekt von

Fachgruppe

Interfacedesign

Art des Projekts

Studienarbeit im ersten Studienabschnitt

Betreuer_in

foto: Prof. Reto Wettach foto: Prof. Reto Wettach

Zugehöriger Workspace

Design for Debate

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2025