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Zwischen Technik der Eco-Somatics und künstlerischer Praxis des Erscheinens: Eine Übung mit Anna Halprin und Hannah Arendt

Zwischen Technik der Eco-Somatics und künstlerischer Praxis des Erscheinens: Eine Übung mit Anna Halprin und Hannah Arendt

Ich dieser Hausarbeit untersuche ich, wie mit der Bewegungspraxis von Anna Halprin verkörperte Formen des Wahrnehmens entstehen können, die ein Verhältnis zwischen Körper, Erde und Welt ermöglichen, das einen Raum für Begegnungen schafft, in dem ein gemeinsames Handeln möglich wird das - neben aller Offenheit gegenüber dem Begriff selbst - Körper in Erscheinung treten lässt. Ich arbeite dabei auch mit der Frage, wie sich diese Formen im Schreibprozess selbst mit ausdrücken lässt. Mich interessiert, wie sich aus dieser Praxis ein Raum denken lässt der nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in Berührung mit nicht-menschlichen Denkweisen entsteht.

Beschreibung der Ausgangssituation

Ich sitze. Atme. Tippe auf Tasten. Gerade eben, jetzt und gleich wieder. Spüren den Stuhl unter mir und meine Füße auf dem Boden. Ein Raum öffnet sich. Zwischen dem Tisch, der Tastatur und mir. Ein Raum zwischen der Welt und mir. Es ist dieser Raum, der den Ausgangspunkt der Hausarbeit bilden soll. Wie lässt sich dieses Zwischen denken, fühlen, schreiben? 

Inmitten ökologischer Krisen und planetaren Umwälzungen stellt sich die Frage, wie wir verbunden in der Welt sein können. Seit den 1990er Jahren hat sich in diesem Spannungsfeld die somatische Bewegungspraxis als Form von Weltbeziehung hervorgetan. Sei es im therapeutischen Kontext, in aktivistischen Räumen und der performativen Kunst, oder an Schnittstellen zwischen diesen. Im Zentrum dieser Praxis steht, Verbindungen zur äußeren und inneren Welt zu schaffen und kreativ ein Bewusstsein für den eigenen verkörperten Zustand sowie der Welt zu schärfen.

Einen zentralen Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet hier der Essay Care for the Earth, Love of the World von Gurur Ertem. Ausgehend von der Beobachtung, dass der Körper in vielen ökologisch orientierten Kunstformen auffallend abwesend ist, fragt sie, ob ästhetische Erfahrung und Verkörperung, wie durch somatische Bewegungspraktiken, Möglichkeiten bieten könnten, ökologische Fragen neu zu verhandeln und Natur auf eine Weise wieder zu verzaubern. Dabei geht Ertem beispielsweise auf den Politikwissenschaftler Ari-Emeri Hyvönenein ein, der in seinem Text Amor Tellus? anbringt eine politische Verantwortung auf die gesamte Biosphäre ausdehnen können. Obwohl Arendt nie explizit über das Anthropozän oder den Klimawandel schrieb, zeigt Hyvönen, dass ihr Denken – insbesondere ihr Begriff der amor mundi (Liebe zur Welt) und ihre Auseinandersetzung mit colere (Pflege, Kultivierung) wichtige Impulse für eine materielle Kultur der Fürsorge geben können, die im Kontext des Anthropozäns relevant ist.

Im Anschluss an die Überlegungen von Ertem öffnen sich weiterer Denkräume, in dem Arendts Werk zunehmend interdisziplinär rezipiert wird. Dies insbesondere in Bezug auf Fragen um Care und Handlungsmacht in ökologischer Krisen. So wird Arendt etwa von Maria Puig de la Bellacasa in Matters of Care im Hinblick auf die klassische Trennung von Ethik und Politik genannt. Diese dient Puig de la Bellacasa als Ausgangspunkt für ihre Auseinandersetzung mit somatic ethics (nach Nikolas Rose), die den Körper als Ort ethischer Praxis in biopolitischen Zusammenhängen verstehen. Anknüpfend daran nennt Puig de la Belachst Donna Haraway, die zentrale Impulse zur Erweiterung dieser Ethik in Richtung more-than-human Verflechtungen liefert. 

Ein weiterer Zugang zu Arendts Denken findet sich in Jenny Odells Buch Nichts tun: die Kunst sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Odell nutzt Arendts Begriff des Erscheinungsraums, um zu argumentieren, dass politische Handlungen und kollektive Macht nur durch physische Begegnungen entstehen können. Auch in ihrem zuletzt erschienenen Buch Zeit finden bringt Odell im Vorwort zur Zwischenzeit Hannah Arendts denken in Bezug auf das (Nicht-) Handeln in der Klimakrise. Am Ende ihres Textes zitiert sie Arendt, um zu betonen, dass die Lücke (Nicht-Zeit) zwischen Vergangenheit und Zukunft, Raum für neues Denken und Handeln bieten kann. 

Aus den vorhergehenden Überlegungen soll deutlich werden, dass der Begriff des _Zwischen_raums in Arendts Denken eine zentrale Rolle einnimmt. Wird dieser _Zwischen_raum mit somatischen Praktiken verknüpft, eröffnen sich vielschichtige Perspektiven eines Handelns, dass

Forschungsstand

Die Auseinandersetzung mit Arendts Zwischen_raum zeigt sich in verschiedenen theoretischen und praktischen Kontexten. Unter anderem beschreibt Hans-Jörg Sigwart in dem neuesten Nachwort zu Vita activa das Zusammenspiel aus Erscheinungsraum, dem räumliche Zwischen und der weltlichen Wirklichkeit als ein _Zwischen, dessen Wirklichkeit sich aus der Gegenwart einer Mitwelt speist, das nur so lange besteht, wie Menschen handelnd und sprechend aufeinander bezogen in Erscheinung treten und ein Miteinander in Verschiedenheit ermöglichen. Auch in weiterführenden Forschungen wird das Zwischen als Raum verstanden in den wichtigen Begegnungen stattfinden, weshalb eine Aufgabe dieser Arbeit darin besteht, dieses Verhältnis weiter zu untersuchen. 

In verschiednenen Disziplinen, etwa in der Tanzwissenschaft, Performancetheorie, Körper- und Bewegungspädagogik, finden sich zahlreiche Forschungen zu somatischen Praktiken. Eine neuere Entwicklung innerhalb dieses Feldes stellt die Erweiterung durch Eco-Somatics oder auch Environmental Somatics dar. Hier rückt das Verhältnis zwischen Körper und Natur in den Fokus, wobei Wahrnehmung, Bewegung und Welt dabei als miteinander verflochtene Prozesse begriffen werden. 

Eine bisher einzigartige Verknüpfung zwischen Arendts Denken und somatischen Praktiken findet sich bei Gurur Ertems bereits erwähnten Text Care for the Earth, Love for the World. Eine gezielte Auseinandersetzung mit Eco-Somatics verknüpft mit Arendts Denken steht bislang jedoch aus.

Gegenstand

Den Gegenstand dieser Arbeit bildet der _Zwischen_raum in der Theorie von Hannah Arendt bilden, der im Kontext der Eco-Somatics betrachtet werden soll. Dies erfolgt durch die Analyse von Primär- und Sekundärliteratur sowie durch die Anwendung theoretischer Konzepte auf die somatische Praxis.

Formulierung der Forschungsfrage und Detailfragen

Wie lässt sich Hannah Arendts Begriff des Zwischen im Kontext der Eco-Somatics so verstehen, dass er zu einem Raum wird, in dem der Körper und die Welt in wechselseitige Beziehung treten? 

- Wie wird das Zwischen bei Arendt beschrieben, und welche Rolle spielt dabei der Körper? 

- Was sind zentrale Merkmale der Praxis der Eco-Somatics? 

- Welche Verbindungslinien lassen sich zwischen Arendts Begriff des Zwischen und dem somatischen Erleben in Eco-Somatics ziehen? 

- Inwiefern kann das Schreiben der Hausarbeit selbst zum Experimentierraum für dieses Zwischen werden?

Zielformulierung

Das Ziel der Hausarbeit ist es, den Begriff des Zwischen in der Theorie von Hannah Arendt zu untersuchen und seine Relevanz im Kontext der Eco-Somatics zu beleuchten. Dabei soll das Verhältnis von Körper, Welt und politischer Handlungsmacht im Hinblick auf ökologische Krisen betrachtet werden.

Methodisches Vorgehen

In dieser Hausarbeit möchte ich einen experimentellen Schreibansatz erproben. Der Text wird dabei als ein sich Körper verstanden, der sich anhand einer somatischen Übung von Anna Halprin bewegt. Die einzelnen Kapitel folgen dieser Bewegung und sind in Teile der somatischen Übung gedacht: nicht klar abgegrenzt durch klassische Strukturen wie Einleitung, Hauptteil und Schluss, sondern als Annäherung an das Thema. Bestimmte Gedanken tauchen wiederholt auf, verändern sich, verlagern ihren Schwerpunkt. Dabei kann der Text auch fragmentarische Züge annehmen.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Europäische Medienwissenschaften

Art des Projekts

Keine Angabe

Zugehöriger Workspace

Laboratorium MA Kolloquium

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2025