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Why the Road Rage?

Im Kurs haben wir uns mit frei wählbaren, gesellschaftspolitischen Themen auseinander- und sie in Form eines animierten Plakates umgesetzt. Ich habe mich mit der Wahl des Verkehrsmittels beschäftigt. Weniger aus der statistischen Perspektive, als vielmehr aus der emotionalen. Genauer mit dem Gefühl der Wut.

Technisches: After Effects und Print

Ich habe zum ersten Mal ausführlich mit After Effects gearbeitet. Entsprechend habe ich nach und nach die Funktionalität von Unterkompositionen, Masken, Loops etc. verstanden. Die Animation des Plakats funktioniert hauptsächlich über die Manipulation der Konturpunkt-Positionen und Flächenskalierung einzelner Illustrationselemente. Und über Masken. Dennoch hat mir der Kurs geholfen, die anfänglichen Berührungsängste abzulegen und ein Gefühl zu bekommen, was ich tun oder fragen muss. Außerdem werde ich prinzipell sicherer, mir schnell die Shortcuts und Grundfunktionen solcher Programme anzueignen.

Als Fingerübung hatte ich ein Barschild animiert, welches ich im letzten Jahr für ein Festival gemalt hatte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich gerade so einzelne Keyframes am gewünschten Zeitpunkt erstellen. Es ist unfertig, aber hat meine Neugier geweckt, was noch möglich ist.

Im Druck des Plakats habe ich vor allem gelernt, wie viel Zeit ich in Copyshops und mit dem Verstehen der Farbdifferenz zwischen Bildschirm und Druck verbringen kann.

Themenfindung: Die Wahl des Verkehrsmittels

Ich wollte mich mit einem Thema auseinandersetzen, was mich als Radfahrende Berlinerin mit Fokus auf Psychologie und Stadtplanung seit einer Weile beschäftigt. Die Wahl des Verkehrsmittels ist politisch. Sowohl auf individueller- als auch systemischer Ebene geht sie Hand in Hand mit gerechter Verteilung von Raum, Lebensqualität und Mobilität. Aktuell dominiert der individuelle motorisierte Individualverkehr die Stadt und macht sie laut und grau. Obwohl der Platz- und Ressourcenverbrauch pro Kopf im Vergleich zu öffentlichen oder unmotorisierten Fortbewegungsarten unverhältnismäßig hoch ist. Mit dem Plakat wollte ich aber nicht auf Statistiken oder das für und wieder der Verkehrsmittelwahl eingehen. Auch wollte ich nicht versöhnlich sein. Vielmehr wollte ich einem Gefühl Raum geben, das mich täglich begleitet: die Beklemmung im Angesicht der Autowut. Im Normalfall heißt Radfahren für mich Freiheit. Trotzdem, im Notfall bin ich die, die draufgeht. Herzklopfen und Atemrhythmus spannen sich auf zwischen Angst und Extase.

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Fokus: die emotionale Seite der Diskussion

Zu Anfang entstanden einige Entwürfe mit Bezug auf Flächennutzung und Stress. Der Entwurf des Wutgesichts löste im Kurs die größte emotionale Resonanz aus. Es sollte Hauptfokus des gedruckten Plakates und der Animation werden. Ich hatte Lust auf eine Illustratorische Umsetzung, die neben Layout und Typografie auch stark mit Bewegung, Farbe und Form(veränderung) arbeitet. Entsprechend entstand eine Animation mit bewegten Flächen und statischer Schrift. Ein feiner Rahmen hält beides zusammen.

Visuelle Hauptinspiration war die Kampagne des Kinderschutzbunds, die auf psychische Gewalt aufmerksam macht und mit großen, rotorangenen und zackigen Farbflächen arbeitet.

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Semifinaler Entwurf: die Animation des Wutgesichts

Das Hauptaugenmerk des Plakats und der Animation lag also auf dem Wutgesicht. Ich habe mich für ein weiß- und männlich gelesenes Gesicht entschieden, um meiner persönlichen Erfahrung Raum geben. Ausgehend von der ersten Illustration des Wutgesichts habe ich die Animation relativ direkt weitergesponnen. Der Übergang von der Straße, auf der Rad und Auto näher kommen, das Raumfüllende Gesicht, dessen zähnefletschender Mund sich öffnet und dessen Zunge wieder zur Straße wird. Das gedruckte Plakat zeigt das flächenfüllende Wutgesicht. Es zeigt kein Frame mit Straßenszenerie, weil Gesicht die größere emotionale Wirkung hat.

Ausgehend vom Wutgesicht entstand die Farbpalette des Plakats (rot/orange/braun/beigeweiß). Die leichten Farbverläufe geben den Flächen Plastizität sowie Abgrenzung voneinander (bspw. die Zähne) bei gleichzeitiger ästhetischer Einheitlichkeit. Außerdem unterstreichen Veränderungen der Farben (bspw. rot anlaufende Augen) die emotionale Dynamik der Animation. Die überzeichneten, verlaufenden Formen und Farbverläufe, insbesondere der Augen, legen den Fokus auf das Wutgesicht und unterstreichen die Intensität des Wutgefühls und der haltlosen Machtlosigkeit. Die konkreten Formveränderungen entstanden durch Ausprobieren.

Durch den Schriftzug „Why the Road Rage“ ist das Thema auch auf dem gedruckten Plakat das Thema nachvollziehbar. Ohne wäre nur das Wutgesicht zu sehen, es brauchte zusätzliche Information. Die Schrift sollte sich an die Animation anschmiegen. Dafür habe ich die Schrift „Gilrock“ in Pfade umgewandelt und im Stil der verlaufenden Formen an den Rändern in die Höhe gezogen und die Buchstaben umgestaltet. Schrift und Rahmen bieten der Animation und dem gedruckten Plakat visuellen Halt. Ihre filigrane und verspielte Art stehen im Kontrast zur Brutalität der Wut.

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Finales Plakat: Why the Road Rage?

Zum Ende des Kurses habe ich die Schrift, danach den finalen Sound und zuletzt und die Radfahrerin hinzugefügt.

Die Radfahrerin entstand als fast letzter Teil. Ich habe lange überlegt, ob ich sie komplett streiche, oder sie anonymer (bspw. so, dass nur der Kopf von oben zu sehen ist, ohne Gesicht) und kürzer darstelle. Ich wollte aber explizit auf den Konflikt zwischen Rad und Auto hinweisen und die Beklemmung der Radfahrenden darstellen. Entsprechend ist sie mit gehetztem Blick zu sehen. Vielleicht hätte dennoch auch der Sound der schneller werdenden Pedale und der Fahrradklingel gereicht, um die Assoziation ausreichend zu bedienen.

Es hat lange gedauert, das Audio an das Plakat anzupassen. Die richtigen Samples zu finden, den Wutschrei in die Länge zu ziehen und mit den Autosounds zu verbinden, das Fahrradfahrgeräusch zu beschleunigen, kleine Sounds wie das Klingeln und das Atmen richtig zu platzieren. Damit ein Rhythmus von Bild und Ton entsteht. Das Plakat brauchte Aufbrausen und Stille im Kontrast. Entsprechend geht das Wutgebrüll in Autoknurren über und endet, gemeinsam mit dem schnellerwerdenden Radgeräusch, in der Ruhe von Fahrradklingel und Vogelgezwitscher.

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Was bleibt

Ich merke, dass ich noch limitiert durch meine rudimentärem technischen Kenntnisse und visuellen Inspirationen bin. Außerdem würde ich gerne weniger explizit und mehr reduziert arbeiten - die Animation ist doch recht wörtlich und eben illustratorisch geworden. Entsprechend beispielsweise meine Gedanken zur Radfahrerin. Ode die Farbgebung einiger Elemente außerhalb des Gesichts, die mir noch recht beliebig vorkommt. Dies ist auch dem geschuldet, dass ich Entwürfe viel erst in meinem Kopf durchspiele, mich für eine semifinale Idee entscheide und diese relativ direkt umsetze. Ich möchte noch lernen, mehr mit gröberen, aber variableren Entwürfen zu arbeiten, die mehr Reflexionszeit für diese Ideen lassen. Außerdem bleibt dann mehr raum für Feedback und Kritik, für Feingefühl und klare Sprache. Für recherche und Reduzierung. Ich hätte gerne mehr Platz für all das gehabt.

Dennoch. Und der Kurs hatte genau das richtige Level. Ich habe gelernt, dass ein diskutabler Erstentwurf besser ist als ein perfektionistischer Anspruch. Dass ich gerne und mit anderen lerne und schaue, wie sie denken und umsetzen.  Ich mag mein Plakat. Im Print löst es genau die Beklemmung aus, der ich im Angesicht der Wut gegenüberstehe. Ich mag, dass ich eine visuelle Handschrift entwickle. Und das Zusammenspiel von Bewegung, Farben, Formen, Schrift und Sound. Ich möchte mich weiter darin vertiefen und mehr die Augen aufhalten, was möglich ist.

Es bleibt Neugier, Stolz und der inspirierte Blick auf das, was alle Teilnehmenden im Kurs geschaffen haben. Danke euch!

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Fachgruppe

Sonstiges

Art des Projekts

Studienarbeit im ersten Studienabschnitt

Zugehöriger Workspace

Empört euch! Das bewegte politische Plakat

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2024

Keywords