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Archiv und Narration - Suleika Aldini

Im Kurs Archiv und Narration von Prof. Susanne Stahl beschäftigten wir uns mit der redaktionellen und gestalterischen Aufarbeitung archivalischer Inhalte für eine gedruckte Publikation in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum Berlin.

„Wir wissen nicht viel über die gewöhnlichen transgeschlechtlichen Menschen, die nicht in den Schlagzeilen standen, die weder große Berühmtheiten noch Aktivisten waren, sondern einfach versuchten, ihr Leben so gut wie möglich zu leben.“ (Prof. Rainer Schulze)

Ideenfindung

Die ersten Wochen des Semesters verbrachten wir oft in der Bibliothek des Schwulen Museums, stöberten dort in Findbüchern und bestellten Material aus dem Archiv. Nach einiger Zeit fanden wir so die dutzenden Fotografien, auf denen Suleika Aldinis Leben abgelichtet war. Die große Menge an Bildmaterial begeisterte mich und ich war sehr gespannt noch mehr über Suleika zu lernen.

Die Recherche zu ihrer Person gestaltete sich allerdings recht schwierig. Umso mehr Fotos es aus ihrem Leben gab, desto weniger Erklärung fanden wir dazu. Nur ein Interview und einige Gedächtnisprotokolle, die der Archivar des Museums noch kurz vor Suleikas Tod mit ihr aufnehmen konnte, gaben uns ein wenig mehr Aufschluss. Auf YouTube stieß ich zudem auf den Vortrag von Prof. Rainer Schulze, einem emeritierten Professor für moderne europäische Geschichte an der University of Essex, Großbritannien. Als Forscher zum Holocaust sowie der Sinti und Roma hatte er sich vor einigen Jahren auch mit Suleika Aldini beschäftigt und versucht, ihre Geschichte zu rekonstruieren. Sein Vortrag wurde so zur Grundlage für meine inhaltliche Auseinandersetzung mit Suleika in meiner Publikation.

Suleika Aldini war eine Travestiekünstlerin, die vor allem in den 60er bis 90er Jahren in West-Berlin und Hamburg aktiv war. Geboren als Harry Waldow, wurde sie nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager, in das sie als Sinto-Kind deportiert wurde, bei einer Pflegefamilie aufgenommen. Die Familie betrieb einen Wanderzirkus und ging oft auf Tour, Harry übernahm einige Show-Acts und begann mit Anfang 20 die Geschlechtsumwandlung. Als Suleika trat sie später als Feuerschluckerin oder mit Schlangen auf. Aldini fiel zu Lebzeiten zwangsläufig immer wieder aus der Reihe, lebte aber dennoch frei nach ihren eigenen Regeln. Ob ihre Arbeit im Cabaret als aktivistische Arbeit für trans* Personen zu jener Zeit gesehen werden kann, das bezweifelt Prof. Schulze. Suleika liebte die Show, war jedoch als Person sehr verschlossen und wollte später nicht mehr über ihr Leben reden. Dieses endete in Armut, vergessen von den meisten Menschen, die sie zuvor begleiteten.

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Konzept

Das Buch ist in sechs verschiedene Kapitel eingeteilt, die sich am Vortrag von Prof. Schulze orientieren und Suleikas Leben in chronologischer Reihenfolge widerspiegeln. Dazu begleitend mischen sich in jedem Kapitel, das einer gebundenen Lage entspricht, kleinere Heftchen unter, die originale Interviews oder Gedächtnisprotokolle darstellen. Suleikas eigene Geschichte verdichtet sich zum Höhepunkt ihres Lebens zwischen den 60ern und 90ern. Dem folgt auch das Buch und verdichtet inhaltlich in den mittleren Kapiteln die Seiten mit Bildern, der Anfang und das Ende arbeiten mit mehr Weißraum.

Ein auffälliges Gestaltungsmerkmal dieser Publikation sind die schiefen Bilder und Bildunterschriften. Fotografien schwirren im Raum wie Erinnerungen und Andenken aus einer vergangenen Zeit. Sie dominieren hier klar das Wort. So wie Suleika selbst, will sich kein Bild so recht in ein Raster eingliedern. Vor ihrer Geschlechtsumwandlung sind die Bilder gerade gesetzt, sobald Suleika zum Vorschein kommt, kippen die Bilder leicht und werden immer „ver-rückter“. Sie fallen aus dem Raster des Buches so wie aus den Normen des Lebens.

Gleich gestaltet es sich mit der Farbigkeit der Bilder. Während der Anfang ihres Lebens und das triste Ende in Armut schwarz-weiß sind, erstrahlt ein Großteil der Fotografien zum Höhepunkt ihrer Karriere in Farbe. Einzelne Farbelemente in der Publikation sind lila getönt. Diese Farbe hat ihren eigenen politischen Kontext, der auch als solcher wahrgenommen werden soll. Lila steht in der queeren Community für die Menschen, deren Geschlecht eine Mischung aus weiblich und männlich ist und steht gleichzeitig für die Fluidität von Geschlecht sowie Androgynität.

Suleikas Leben war ein Leben voller Gegensätze und Dualitäten. Männlich gegen weiblich, extrovertiert gegen introvertiert, nackt gegen kostümiert, unsicher gegen kontrolliert, Ruhm gegen Armut, der Schatten gegen das Rampenlicht. Der Fließtext im Flattersatz ist demnach bewusst schlicht gehalten, um diesen Kontrast zu verstärken. Er zeigt nüchtern alles, was wir über Suleikas Leben wissen. So wird in der Textebene eine gewisse Leere deutlich, die auch spürbar ist, wenn man sich mit Aldinis Geschichte befasst.

Die Auszüge aus dem Interview sowie den Gedächtnisprotokollen, die auf den silber Innenheften zu finden sind, treten als Formsatz auf. Diese Formen sind sehr organisch und ähneln Flammen und Schlangen, die immer ein Teil von Suleikas Performances waren. Der Flattersatz legt nicht unbedingt Wert auf gute Lesbarkeit, er soll vielmehr als zusätzliches Gestaltungselement wirken und die Absurdität sowie Unvollständigkeit der Interviews betonen.

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Gestaltung und Umsetzung

Den Fließtext habe ich in der Bastardo Grotesk von Giulia Boggio gesetzt. Auf Anfrage stellte Giulia mir die Bastardo Grotesk für dieses Projekt zur Verfügung. Auf den ersten Blick wirken die Glyphen dieser Schrift wie eine gewöhnliche Grotesk. Einzelne Variationen wie das geschlossene Minuskel-a oder scharfe Akzente am Versal-G bzw. -R lassen die Bastardo jedoch immer wieder dezent aus der Reihe tanzen. Zuletzt zeichnet sich diese Schrift für mich auch durch ihren queeren Hintergrund aus, den Giulia Boggio als Gestalter*in mitbringt.

Die Kapitelüberschriften sind von der Displayschrift ORKYD von Anna Sing inspiriert und mit digitalen Filtern verfremdet. ORKYD basiert als Typeface auf einer sehr weiblichen und organischen Formsprache, die hinzugefügten Zacken, wirken dem bewusst entgegen und erzeugen einen Kontrast, ganz im Stil von Suleika.

Den größten Teil des Buchblocks habe ich auf 120 g/m² Munken Pure Papier drucken lassen. Das Papier hat einen leichten off-white Ton, der gut zum archivalischen Charakter des Kursthemas passt. Die leicht gestrichene Oberfläche lässt die dominanten Fotos sehr gut wirken.

Für den Einband habe ich einen silber schimmernden Effektkarton in 270 g/m² starker Grammatur gewählt. Farblich dazu passend habe ich das Papier für die Innenhefte in einem silbernen Tonzeichenpapier gehalten, das 130 g/m² hat.

Alle lila Elemente in diesem Buch sind mit dem Risodrucker im Grafiklabor entstanden. Für ein besseres Handling des Einbands tüftelte ich zusammen mit Tilmann eine Methode aus, um den Risodruck auf dem Karton zu fixieren. Wir testeten Fixativ-Sprays für Pastellkreide und transparente Siebdruckfarbe. Letztendlich ergab der Siebdruck das beste Ergebnis und befestigte den Druck so gut, dass auf dem Einband nichts mehr verwischen kann. Der Trick ist es, den bedruckten Karton kurz trocknen zu lassen und im Anschluss die transparente Farbe durch ein sehr feines, unbelichtetes Sieb, das auf das Format abgeklebt ist, zu drucken. Bei Papier mit Glanz, wie in meinem Fall, eignete sich die transparente glossy Farbe am besten, da sie den Schein des Silberpapiers bewahren konnte.

Die Bindung des Buches ist eine Schweizer Broschur. Die einzelnen Lagen habe ich mit einem lila Akzentfaden gebunden und den Buchblock mit einem passenden Fälzelstreifen eingeschlossen. Das finale Format beläuft sich nach dem Endbeschnitt auf ca. 195 x 267 mm, einem DIN A4 ähnlichen Format, das sich problemlos auf einem DIN A3 Druckbogen drucken ließ. Die gesamte Publikation beinhaltet final 104 Seiten.

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Instagram

Eine zusätzliche Aufgabe war die Übersetzung unserer Gestaltung vom Buch in digitale Instagram Postings, die unsere Publikation ankündigen. Ich habe dafür ein GIF erstellt, das im Schnelldurchlauf einige Seiten durchflipt und mit einer kleinen Animation des Buchtitels endet. Begleitend dazu könnten auch noch klassische Bilder im quadratischen Format gepostet werden, die bestimmte Seiten oder auch das Cover nochmal statisch darstellen.

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Publikation

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Fazit

Es ist ein unglaubliches Gefühl, nun eine gebundene Publikation in den Händen zu halten, an der man ein ganzes Semester lang gearbeitet hat. Jeder Arbeitsschritt in diesem Kurs war auf seine eigene weise sehr intensiv und hat mich immer wieder an meine Grenzen gebracht. Ich habe es sehr genossen, im Rechercheprozess das Archivmaterial des Schwulen Museums durchzuarbeiten, war aber auch anfangs öfter davon enttäuscht, dass einige Themen, die wir uns bestellt hatten, einfach nicht genug Inhalt für eine vollständige Publikation lieferten. Ich hätte dort wahrscheinlich noch viel länger verbringen können.

Im Entwurfsprozess fand ich so langsam die Gestaltungsmittel, die Suleikas Geschichte adäquat darstellen konnten. Doch diese dann konsequent auf jede Seite anzuwenden und trotzdem weiterhin unerwartete und neue Gestaltung zu entwickeln – das habe ich anfangs unterschätzt. Die Feedback Sessions mit Susanne waren hier eine große Hilfe und verhalfen zu immer wieder neuen Denkanstößen.

Letztendlich wünschte ich mir, noch etwas mehr Seiten gestaltet zu haben. Eventuell hätte ich auch noch etwas dickeres Papier wählen können, damit die gebundene Publikation schwerer in der Hand liegt. Nichtsdestotrotz bin ich sehr stolz auf meine Verarbeitung in der Buchbindewerkstatt. Dass dieser Schritt nochmal so viele Hürden und kleinere Fallen stellen kann (die man manchmal auch einfach nicht beeinflussen kann), war ein sehr wertvoller Lernschritt für mich, den ich nun umso mehr schätzen kann.

Dieses Projekt hat mein Interesse für redaktionelle Gestaltung und die gebundener Publikationen definitiv geweckt!

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Studienarbeit im ersten Studienabschnitt

Betreuung

foto: Prof. Susanne Stahl

Zugehöriger Workspace

Archiv und Narration

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2023 / 2024