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AVES ANTHRAZIT

Der Kurzfilm AVES ANTHRAZIT ergründet auf experimentellem Weg vermeintliche Dissonanzen und Polaritäten, die sich innerhalb der Thematik Tauben als Spannungsfelder identifizieren lassen.

Einleitung

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New York, Venedig, Tel Aviv oder Berlin – Tauben sind überall, omnipräsent, ubiquitär. Über Jahrtausende hat der Mensch die Taube sehr geschätzt: nicht nur als Überbringerin von Nachrichten, sondern auch als Lieferantin von Fleisch und Dünger. Die Taube steht symbolträchtig für Frieden, Liebe und Freiheit. Doch die Bewunderung hat schwer nachgelassen, zumindest in urbanen Kontexten. Die exponentielle Vermehrung von freilebenden, verwilderten Zuchttauben führt insbesondere durch ihre Exkremente zu massiven Problemen beim Denkmalschutz und an Hausfassaden. Die überwiegende Mehrheit der Stadtbewohner*innen empfindet Tauben als lästig und meidet die Plätze, an denen sie sich tummeln. Die Ratten der Lüfte gelten als dreckige Bazillenschleudern, werden verabscheut, gehasst, angezündet oder vergiftet. Gleichzeitig existiert eine lebendige, globale Taubensportszene, die immer wieder mit horrenden Summen für Tauben Schlagzeilen macht. Zudem wurde die Stadttaube Finalistin zum Vogel des Jahres 2021. Die Taube polarisiert, so viel steht fest.

Im Rahmen unseres Projekts ergeben sich folgende Leitfragen, die wir in Form eines Kurzfilms ergründen wollen:

Wie (unterschiedlich) sieht das Leben einer Stadt- bzw. Zuchttaube aus?
Was fasziniert bzw. ekelt den Menschen an Tauben?
Welchen Einfluss haben Tauben auf das Stadtbild?
Und welchen Einfluss hat die Stadt auf Tauben?
Wäre eine Stadt ohne Tauben eine lebenswertere?

1. Recherche

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Die Urform der Stadttauben sind Felsenbrüter. Angepasst an die Felsküsten, dienen den heutigen Stadttauben die Hausfassaden als ideale Biotope, um zu brüten. Den domestizierten Wildtieren wurden vom Menschen bestimmte Eigenschaften angezüchtet, unter anderem eine erhöhte Brutaktivität, die sie bis zu neunmal im Jahr brüten lassen, mit bis zu zwanzig Jungen. Da der Drang zu brüten so hoch ist, findet man in urbanen Umgebungen Tauben häufig an ungewöhnlichen, unpassenden Orten ihr Nest errichten. Tauben haben einen ausgezeichneten Orientierungssinn, sie können Magnetfelder ersprüren und polarisiertes Licht wahrnehmen. Die Tiere sind durch eine ausgeprägte Standorttreue charakterisiert, weshalb sie nach einer gelungenen Brut nur schwer umzusiedeln sind. Heute sind die verwilderten Nachfahren der Zuchttaube auf allen Kontinenten, außer der Antarktis, beheimatet. Ein Taubenpaar bleibt in den meisten Fällen ein Leben lang zusammen.

Städte versuchen der unkontrollierten Vermehrung von Stadttauben mit der Errichtung von Taubenschlägen zu begegnen, in denen die gelegten Eier durch Attrappen ausgetauscht werden. Allerdings ist der Erfolg dieser Praktik umstritten. Der Kern der Problematik ist auch hierbei wieder der Mensch selbst: Zu viele Menschen füttern die Tiere regelmäßig, was als Haupttriebfeder für die unkontrollierte Vermehrung festzustellen ist.

Den Großteil unserer Recherche betrieben wir in Form von teilnehmender Beobachtung im Feld. Mit einem geschärften Blick suchten wir die Stadt nach Tauben ab. Die Feldforschung ließ sich leicht in den Alltag integrieren: Tauben sind allgegenwärtig, es fällt nicht schwer, sie ausfindig zu machen. Dennoch war es für uns beide eine neue Erfahrung, Orte gezielt nach Tauben und ihren Spuren abzusuchen und näher zu erforschen. Wir machten erste Video- und Fotoaufnahmen mit dem Handy, schickten sie uns gegenseitig, probierten vieles aus, um ein Gefühl für möglichen Inhalt, die Komposition, Bildsprache und Perspektiven zu bekommen. Besonders sichtbar wurden Tauben in unserem Alltag an Bahnstationen, die wir häufig nutzen: Nollendorfplatz und Hermannstraße. Aber auch durch das Fenster aus dem eigenen Zimmer ließen sich Situationen beobachten, die uns aufschlussreiche Einsichten in das Leben einer Stadttaube gewährten.

Während unserer medialen Recherche stießen wir auf den Film „Höhenflüge“ (2022) von Lena Leonhardt. Auf dokumentarisch-cineastische Weise beleuchtet der Film die Welt des Taubensports. Anhand von drei Geschichten, verflochten zu einer Erzählung, macht Leonhardt die globale Dimension des Taubensports in unserer modernen Gesellschaft sichtbar und hält den Spielregeln der globalisierten Weltwirtschaft auf skurrile Weise den Spiegel vor. Einer der Hauptprotagonisten des Films wurde Millionär durch den Taubensport und ist heute der wohlhabendste Taubenzüchter Deutschlands. Einzelne seiner Tauben verkauft er für sechsstellige Beträge und steht in Kontakt zu den reichsten Geschäftsmännern in China und Dubai, um mit Tauben zu handeln. Dieser Einblick in den Kosmos von Taubenzüchter*innen machte uns neugierig und wir beschlossen, auch diesen Aspekt des Topos Tauben in unseren Film mit einfließen zu lassen. Nach einiger Internetrecherche zu Taubenzuchtverbänden in Berlin und Umgebung, konnten wir einen Kontakt zur Vorsitzenden des Brieftaubenliebhabervereins Blitz Bernau e. V. herstellen – Uschi Fiedler.

2. Konzept

Nach intensiver Recherche standen wir vor einem Haufen von Informationen und Erkenntnissen, vor allem aber vor oppositären, widersprüchlichen Meinungen und Standpunkten, die die Taubenthematik beherrschen. Aus diesen vermeintlichen Polaritäten leiteten wir sechs Spannungsfelder ab, die als thematisches Grundgerüst unseres Kurzfilms dienen:

Stadt vs. Natur
Stadttaube vs. Brief- bzw. Zuchttaube
Gesundheit vs. Krankheit („Ratten der Lüfte“)
Monotonie (grau) vs. Diversität (bunt)
Freiheit (Symbol, Freiluft, Stadt) vs. Gefangenheit (Käfig)
Faszination vs. Ekel (Beziehung zum Menschen)

Kernidee unseres Konzepts ist dabei nicht der Versuch, diese Spannungsfelder aufzulösen, sondern sie viel eher durch das Medium Film zu verdeutlichen und herauszustellen: Die Gegensätze, Widersprüche und Kontraste sollen als klar identifizierbares dramaturgisches Leitkonzept fungieren. Ziel ist es, die Spannung der Spannungsfelder zu nutzen und sie auf den Film zu übertragen.

2.1. Grundausrichtung Arthouse

Schnell fiel bei der Erarbeitung des Konzepts der Begriff „Arthouse“. Obwohl wir beide nicht im Detail beschreiben konnten, was wir damit meinen, teilten wir doch die gleiche Vorstellung, in welche Richtung der Film ausgerichtet werden sollte.

Doch was ist „Arthouse“?

Der Begriff „Arthouse“ stammt aus den 1920er Jahren und stellt das gegenläufige Genre zum kommerziellen Blockbuster dar. Der künstlerische Anspruch steht im Vordergrund, klassische Erzählstrukturen und bewährte Spannungsbogen rücken in den Hintergrund. Arthouse-Filme zeichnen sich durch eine unkonventionelle Bildkomposition aus, sind eher experimentell-assoziativ verordnet und verfolgen nicht primär das Ziel zu unterhalten, sondern zielen vielmehr auf eine ästhetische, atmosphärische Erfahrung ab . Dieser Grundausrichtung folgen wir auch bei AVES ANTHRAZIT. Nichtsdestotrotz ist ein dokumentarischer, informativer Charakter ebenso Teil des Films. Wir haben uns dezidiert für den Einsatz von Musik entschieden, um den verschiedenen Sequenzen ein rahmendes Ambiente zu verleihen und eine den Film tragende Atmosphäre zu kreieren.

2.2. Gewichtung visueller und auditiver Inhalte

Bei der Gewichtung visueller und auditiver Inhalte verfolgen wir den Anspruch einer ausgewogenen, abwechslungsreichen Mischung. Zwar stehen Tauben und deren explizite, visuelle Darstellung im Mittelpunkt des Films, allerdings soll auch durch implizite Aufnahmen wie beispielsweise von Spuren (Federn, Spikes, Kot, Kadaver), die Wahrnehmung auf Details gelenkt werden, die auf den ersten Blick keine Beachtung fänden. Zudem werden auch andere Stadtvögel thematisiert, wie Krähen, Spatzen und Reiher, um Vorurteile, Wertigkeiten und Hierarchien im Ansehen unter Stadtvögeln zu adressieren. Auch auditiv soll eine angenehme Balance zwischen natürlichen Geräuschen, wie Gurren, Flügelschlägen oder Stadtgeräuschen, Sprachaufnahmen und musikalischer Untermalung gefunden werden.

2.3. Dramaturgie

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Der Kurzfilm AVES ANTHRAZIT ist nach dem klassischen 3-Akte-Modell aufgebaut und untergliedert in Exposition, Konfrontation und Auflösung. Jeder Akt umfasst ca. 5 Minuten und ist durch einen kurzen Black voneinander getrennt.

2.3.1. Exposition

Im ersten Akt wird in die Thematik eingeführt und die Lebensrealitäten von Stadttauben dargestellt. Von einem intimen, atmosphärischen Einblick in das Miteinander von Tauben, der sich dem konventionellen Blick des menschlichen Auges entzieht, wird zu alltäglichen, urbanen Szenerien übergeleitet, die eine neue Perspektive auf das vermeintlich bekannte, durch Tauben geprägte Stadtbild eröffnen. Die markanten Wesensmerkmale und Charakteristika von Tauben werden vorgestellt, welche durch die musikalische Untermalung von Pianomusik hervorgehoben werden. Durch die abwechslungsreichen Einstellungen von Totalen bis hin zu Close Ups wird die immersive Wirkung des Mediums Film entfacht.

2.3.2. Konfrontation

Im zweiten Akt wird der Hauptkonflikt herausgearbeitet. Die gegensätzlichen Lebensrealitäten von Stadttauben und Brief- bzw. Zuchttauben werden konträr zueinander zur Geltung gebracht und nebeneinander gestellt. Die Widersprüchlichkeiten und Spannungsfelder, die sich anhand der Thematik der Tauben entfalten, werden sowohl durch Brüche im visuellen Schnitt als auch in Form von Bild-Ton-Scheren verdeutlicht und experimentell neu zusammengefügt, um andersartige Assoziations- und Resonanzräume zu eröffnen. Auf ironische, gar sarkastische Weise wird durch den gezielten Einsatz von Musik („Tauben vergiften im Park“) die Konfliktlinie innerhalb der Mensch-Taube-Beziehung verdeutlicht. Gleichzeitig dient Pianomusik zur Vertonung der Bewegungen von Tauben, welche in Form von Closeups von blickenden Augen und laufenden Füßen demonstriert werden.

2.3.3. Auflösung

Der dritte Akt beginnt aus einer nicht wertenden, sondern rein ästhetisierenden Perspektive auf die Spuren, die Tauben im Stadtbild verursachen bzw. hinterlassen. Federn, Spikes, Kot und Kadaver werden aus neuen, unkonventionellen Winkeln betrachtet, wodurch die vermeintlich Ekel erregende Kontextualisierung dieser Spuren infrage gestellt wird. Folgend wird anhand einer historischen Einordnung der Taubenzucht durch Einblicke in einschlägige Literatur die lange Verflochtenheit zwischen Mensch und Taube dokumentiert und darauf verwiesen, dass die Problematik von Stadttauben eine durch Züchtung vom Menschen selbst geschaffene ist. Abschließend wirft der Blick auf das fliegende Taubenkollektiv die Thematik der Freiheits- und Friedenssymbolik auf, die den Tieren innewohnt und lässt den Film offen, aber hoffnungsvoll enden.

3. Praktische Umsetzung

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3.1 Organisation

Zur Vorbereitung auf die Drehtage leihen wir eine Sony Alpha 6500 (Objektiv SEL 18- 105 mm 4.0 G OSS) inklusive dazugehörigem Equipment wie Mikrofon, Stativ genügend Speicherkarten und Akkus bei einem Freund aus und legen die drei Hauptdrehorte am Nollendorfplatz, im Innenhof der Schwedter Straße (Mitte/Prenzlauer Berg) und an der Hermannstraße fest, die uns in den vergangenen Wochen im Alltag als besondere „Taubenhotspots“ in das Auge fielen. Zudem nehmen wir Kontakt zu Uschi Fiedler, der Vorsitzenden des Brieftaubenliebhaberverein Blitz Bernau e. V. auf und erbitten eine Drehgenehmigung. Wir installieren das Schnittprogramm Premiere Pro und haben eine externe Festplatte zur Sicherung des Videomaterials zur Verfügung.

3.2 Filmen, Sichten und Sortieren

Schlussendlich filmen wir drei Tage an 7 verschiedenen Drehorten:

Tag 1:

  • Hinterhof Schwedter Straße 248 (Freiluft)
  • Weinbergspark (Freiluft)
  • Bürgersteige sowie kleine Hinterhöfe in Mitte

Tag 2:

  • Nollendorfplatz(überdacht)
  • Hermannstraße (eingezäunt, exposed, Blickfang)
  • Kottbusser Tor(Überdacht)

Tag 3:

  • Brieftaubenliebhaberverein Blitz Bernau e. V. (Käfig)

Die Dreherfahrungen lassen sich zusammenfassend als positiv beurteilen. Während wir zu Beginn noch offener bezüglich der Motivwahl sind und auf eine quantitative Materialsammlung abzielen, um genügend Auswahl zu haben, spielt die Qualität der Aufnahmen schnell eine immer größere Rolle. Nachdem uns die Kamera vertraut ist, suchen wir zum Teil länger nach dezidierten Motiven, welche uns fehlen (z.B. Kadaver) und lichten diese aus verschiedensten Perspektiven ab. Es stellt sich als Vorteil heraus, zu zweit zu arbeiten, sodass abwechselnd eine Person durch die Linse blicken und filmen kann, während die andere Person die Umgebung im Auge behält. Dadurch kann sowohl auf Hindernisse im Laufweg des/der Kameramanns/Kamerafrau aufmerksam gemacht werden, die Kamerafahrt durch den größeren Überblick dirigiert werden oder auch auf spontanes, spannendes Taubenverhalten verwiesen werden. Ohne das zweite Augenpaar wären uns sicherlich einige Aufnahmen, die sich nur in diesem flüchtigen Moment boten, durch die Linse gegangen. Obwohl wir uns vorab dramaturgisch vorgenommen haben auch andere Stadtvögel wie Spatzen oder Raben im Film zu kontextualisieren, bedarf es auch einem Quäntchen Glück und der notwendigen filmischen Spontanität, um den Reier als Nebenfigur oder potenziellen Antagonisten einzubinden. Der Rabe, welcher wie erdrosselt in dem Netz hängt, was aufgespannt wurde, um die Vögel daran zu hindern, sich zu setzen, überrascht uns bei der detaillierten Erkundung des Drehorts und bleibt als symbolisches Motiv in unseren Köpfen. Am Nollendorfplatz warten wir länger, um Flugszenen aufzunehmen und reflektieren somit zwangsläufig über den Unterschied zu menschlichen Protagonisten, denen Anweisungen erteilt werden können. Die Bewegung der Tauben ließen sich nur bedingt steuern, indem ein Schwarm in eine bestimmte Richtung getrieben wird, Tauben aufgescheucht werden, damit sie fliegen oder mit Futter (Stichwort Entlohnung der Protagonisten) gelockt werden, um sie beim Essen zu filmen. Während wir einen Taubenschwarm im Park aufscheuchen, fühlt sich eine Passantin und offensichtliche Taubenliebhaberin alarmiert, uns zu ermahnen, die Tiere in Frieden zu lassen. Als wir versuchen, mit ihr ins Gespräch zu kommen, blockt sie jedoch ab.

Bei der anschließenden Materialsichtung schaffen wir eine Ordnerstruktur die nach den jeweiligen Drehorten (Nolli, Hermannstraße, Uschi&Werner, Park, Innenhof) sowie in die Kategorien „Federn“, „Tod“, „Kot“ und „Zwischenspieler“ aufgegliedert ist. Wir benennen jeden Clip so gut wie möglich nach seinem spezifischen Inhalt und etablieren eine weitere Hierarchisierung, indem wir wenige Clips als Favoriten oder starke Favoriten betiteln. Obwohl wir uns darauf eingestellt hatten, dass die Postproduktion den überwiegenden Arbeitsumfang benötigt, ahnten wir bei der Materialsichtung, die uns ebenfalls viel Zeit kostete, wie sehr wir dessen Ausmaß dennoch unterschätzten. Da wir beide zuvor kaum über praktische Erfahrungen im filmischen Bereich verfügten, filmten wir öfter sehr lange Sequenzen, ohne dabei genügend mitzubedenken, dass wir alles später wieder anschauen müssen. Zudem reflektierten wir, dass es sich gelohnt hätte, öfter ein Stativ aufzubauen.

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3.3 Postproduktion

Im Grobschnitt wählen wir Ausschnitte einzelner Clips und reihen diese so aneinander, dass sie grob dem Dramaturgieplan entsprechen. Nachdem wir uns langsam mit dem Programm und dem Schneiden vertraut gemacht haben, grenzen wir viele Sequenzen immer weiter ein und verdichten damit die Handlung. Taten wir uns zu Beginn mit dem Aussortieren schwer, so wurden wir im Verlauf der Arbeit immer mutiger, Clips gänzlich zu löschen. Wir waren stets darauf bedacht, den Dramaturgieplan als festgelegten Anhaltspunkt beizubehalten. Dennoch haben wir vor allem im Feinschnitt einige Sequenzen nachjustiert, indem sie verkürzt, dramaturgisch verschoben oder aufgeteilt wurden. So kürzen wir den 30-minütigen Rohschnitt auf etwa 15 Minuten und legen die Musik sowie die generelle Reihenfolge der Audiospuren fest. Die beiden Stücke mit Gesang fanden wir bereits relativ zu Beginn unserer Arbeit und wollten diese verwenden. Nachdem wir uns geeinigt hatten, ansonsten Pianomusik zu verwenden, recherchierte jede/r eine Liedauswahl und wir experimentierten, welche am besten zur visuellen Sequenz passt. Über einen Zeitraum von sechs Wochen trafen wir uns zwei bis dreimal wöchentlich für jeweils fünf Stunden, um eine harmonische Verflechtung von visuellem und auditivem Material sowie einen abgerundeten Spannungsbogen zu erzielen. Wir schauten uns das Endprodukt wiederholt an, achteten abwechselnd auf die Bild- und Tonspur, nahmen weitere Verbesserungen vor und achteten darauf, dass die Lautstärke der Audiospur einen kontinuierlichen Pegel beibehält. Zuletzt nahmen wir das Color Grading vor, um die digitale Blässe auszumerzen und ein satteres Farbbild zu erhalten.

3.4 Titelfindung

Im Film verfremden wir, durch das stilistische Mittel der Close ups und die Musikauswahl, vermeintlich Alltägliches, indem es durch klassische Musik untermalt und ungewöhnliche Bildausschnitte und Perspektiven in einen nicht alltäglichen Kontext gerückt wird, da die Bewegungen der Tiere auditiv mit vollzogen werden. Neben dem eingefügten Gurren und Flügelschlagen soll so eine zusätzliche Vertonung des Taubenhabitus gelingen. Der Titel soll diese stilvolle Erhebung widerspiegeln, wodurch wir auf den Begriff Anthrazit als gehobenes Vokabular für grau bzw. eine Abstufung der zahlreicher Grautöne steht. Von der Form fanden wir beide eine Alliteration oder einen Dreiklang ansprechend, der weder zu kurz noch zu lang ist und eine Idee davon abbildet, worum der Film gehen könnte, ohne dabei zu offensichtlich zu wirken und Inhaltliches vorweg zu nehmen, aber nicht zu Offensichtliches preisgibt. In der engeren Auswahl standen “Freies Federvieh” sowie die signifikanten Begriffe, “Assvogel” und “rot gescheckt und blau gehämmert”, die Musterungen im Gefieder der Tauben betiteln. AVES (lat.= Vogel) Anthrazit passte durch den Rückbezug auf die Farblichkeit, welche für viele Menschen wohl die erste Assoziation zu Tauben bilden mag: Grau. Zu Beginn unserer Arbeit waren wir ebenfalls von dem Vorurteil, Tauben seien grau, eingenommen. Während unserer Arbeit sahen wir jedoch immer mehr, dass Tauben feurig rote Augen, lila und grüne Hälse, rosa oder rote Füße und weißes, braunes oder graues, unterschiedlich gemustertes Gefieder haben. Der graue Vogel ist bei genauerer Betrachtung unglaublich divers.

4. Fazit

Das Medium Film ist für uns eine neue Erfahrung. Mit einer Kamera kann man so gut wie alles einfangen und dies bietet eine große (künstlerische) Freiheit im Prozess. Die praktische Umsetzung eines Films stellte sich jedoch schwerer heraus als zunächst gedacht. Das fertige Produkt zeigt nur einen Bruchteil der Szenen, die ursprünglich aufgenommen wurden. Schätzungsweise verwendeten wir im Endprodukt nur etwa ein Viertel des gesamten Materials. Es war nicht einfach sich in Premiere Pro inklusive color grading etc. einzuarbeiten, aber wir lernten viel Neues im Bezug auf das Drehen und Schneiden. Außerdem veränderte sich unsere Sicht auf Tauben, da die beschriebenen Vorurteile sich nach und nach abbauten, sodass wir eine Faszination für die bunten Tiere hinter der grauen Fassade entwickelten.

Fachgruppe

Europäische Medienwissenschaften

Art des Projekts

Keine Angabe

Zugehöriger Workspace

nicht/menschliche tiere

Entstehungszeitraum

SoSe 22 – WiSe 22 / 23