In seiner Funktionalität auf die Lehre in gestalterischen Studiengängen zugeschnitten... Schnittstelle für die moderne Lehre
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Unter dem Arbeitstitel „Karte des Vergessens“ habe ich versucht Erinnerungen meiner an Demenz leidenden 96-jährigen Großmutter zu erfassen und einzuordnen.
Als ich mich mit meiner Großmutter unterhielt, wurde mir klar, dass der Zustand ihrer Demenz verschiedene Erinnerungen auf unterschiedliche Weise beeinflusst. Sie kann mir problemlos sagen, wie viele Kilos sie bei ihrer Deportation aus der Tschechischen Republik in den 1940er Jahren mitnehmen durfte, aber nicht, was sie vor ein paar Tagen zu Mittag gegessen hat. Mein Ziel ist es nun, ihre Erinnerungen zu visualisieren und zu zeigen, welche Erinnerungen detailliert sind und warum.
Ich habe verschiedene Interviews mit meiner Großmutter geführt. Dabei habe ich mich immer nur als fragende Instanz gesehen und versucht die Antworten so wenig wie möglich zu beeinflussen. Ich habe sie zu Themen aus der Vergangenheit und der „nahen Vergangenheit“ (Zeitraum: die letzten 2-3 Wochen) befragt und die Interviews mit meinem Handy aufgenommen.
Hier ein paar Beispiele für Fragen zur Vergangenheit:
Hier ein paar Beispiele für Fragen zur „nahen Vergangenheit“:
Wichtig war es für mich die Fragen möglichst ausgewogen zu stellen um den Gesamteindruck später nicht zu verzerren.
Zusätzlich hatte ich mich mit verschiedenen Methoden der Demenzforschung beschäftigt und bei unserem ersten Interview mit einem „1-Minute Naming Test“ gestartet. Dabei wird die kognitive Fähigkeit getestet indem die Proband*innen innerhalb einer Minute soviele Wörter zu einem bestimmten Themengebiet aufzählen sollen wie ihnen einfallen. Ursprünglich wollte ich diese Art von Test nutzen um einen Grundwert/Ausgangszustand vor jedem Interview zu dokumentieren. In meiner Datenverarbeitung/Visualisierung tauchen diese Ergebnisse allerdings nicht mehr auf.
Die aufgezeichneten Interviews habe ich später nach folgenden Aspekten analysiert:
Besonders die Anzahl der beschreibenden Adjektive (darunter der Anteil an positiven/negativen Adjektiven) war ein interessanter Aspekt. Bei der Durchführung der Interviews viel mir auf, dass vor allem Erinnerungen die sich in „extremen emotionalen“ Bereichen bewegten besonders präsent waren. Allerdings gab es auch detaillierte Erinnerungen die wie von einem außenstehenden Erzähler beinahe ohne den Einsatz von Adjektiven beschrieben wurden.
Obwohl ich erst überlegt habe die Auswertung zu automatisieren habe ich letztendlich mit der Hilfe meiner Freundin die Interviews bei einer Tasse Tee angehört und Strichlisten geführt. Die Ergebnisse habe ich dann in eine Excel-Tabelle Übertragen.
Die einzelnen Erinnerungen wurden in Artefakten visualisiert. Hierzu war die Ausgangsform ein perfekter Kreis.
Der Radius wird durch die Länge der Erzählung in Sek. bestimmt.
Ein Duplikat dieses Kreises wurde in Illustrator mit einem Effekt verzerrt.
Die Länge der Gedankenpausen in Sek. entspricht der Modulation des Effekts.
Positive und negative Adjektive werden als weitere Elemente im Kreis in entsprechender Relation zur Gesamtgröße der Erinnerung eingefügt.
Positive Adjektive in hellgrün mit klarer Kontur.
Negative Adjektive in rot mit verzerrter Kontur.
Am Ende des Prozesses hatte ich 14 einzelne Erinnerungsartefakte. Auf einem großen Poster habe ich diese an einem Zeitstrahl geordnet und zur besseren Vergleichbarkeit auf die selbe Größe skaliert. Dieses Plakat dient auch als Legende und soll die 14 einzelnen Artefakte z.B. in einem Ausstellungskontext begleiten.
Ich habe die Freiheit in dem Kurs sehr genossen und konnte mich somit von „klassischen Karten“ loslösen um an diesem Projekt zu arbeiten. Es war ein interessanter Einblick in das Thema Erinnerungen und Demenz verbunden mit emotionalen Gesprächen die ich unter anderen Umständen so wahrscheinlich nicht geführt hätte. Auch wenn es kein repräsentatives wissenschaftliches Projekt ist, kann es doch einen Framework bieten für diejenigen die Betroffene in ihrem Umfeld haben und eine oft stigmatisierte Krankheit kreativ erkunden wollen. Danke auch an Sebastian und den Kurs für den spannenden Austausch und das immer konstruktive Feedback!