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»In der Limo schwimmen Lachse« Wie und in welchem Rahmen ist die Beteiligung von Kindern  bei der Entwicklung eines Bilderbuchs am Praxisbeispiel möglich?

»In der Limo schwimmen Lachse« Wie und in welchem Rahmen ist die Beteiligung von Kindern bei der Entwicklung eines Bilderbuchs am Praxisbeispiel möglich?

Für die vorliegende Arbeit habe ich die für mich üblichen Arbeitsprozesse als Illustratorin aufgebrochen und bereits während des Gestaltungsprozesses iterative Schleifen mit verschiedenen Beteiligten in meine Arbeitsphasen einfließen lassen. Die gemeinsame Erarbeitung und Rücksprache mit den Kindern ermöglichte eine Bezugnahme und schaffte eine lebendige Zusammenarbeit. Ziel dieser Arbeit war es, die erwachsenenzentrischtische Perspektive zu überwinden und die Blickwinkel von den beteiligten Kindern mitzuberücksichtigen. In diesem Zusammenhang wollte ich herausfinden, inwiefern eine Co-Creation mit wechselnden Kindern möglich ist und Themen wie Autorenschaft und persönliche Grenzen der Beteiligung verhandeln. Inhaltlich worden Themen wie das Zusammenleben, Grenzsetzung und Selbstbestimmung besprochen, künstlerisch bearbeitet und im Buch thematisiert.Wie werden Regeln aufgestellt und diese kommuniziert? Für die praktische Umsetzung des Buches suchte ich nach visuellen Mitteln, die dem Inhalt der Geschichte gerecht werden und eine breite Altersgruppe ansprechen.

Abstract English

For the present thesis, I broke up the usual work processes for me as an illustrator and already incorporated iterative loops with various participants into my work phases during the design process. Working together and consulting with the children allowed for reference and created a lively collaboration. The aim of this work was to overcome the adult-centric perspective and to take into account the perspectives of the children involved. In this context, I sought to find out to what extent co-creation with different children is possible. Topics such as living together, setting boundaries and self-determination are discussed, processed artistically and addressed in the book. How are rules established and communicated?For the practical realisation of the book, I am looking for visual means that do justice to the content of the story and appeal to a wide target group. Furthermore, it is important to find out to what extent co-creation with changing children is possible and topics such as authorship and personal limits of participation are negotiated. For the practical implementation of the book, I was looking for visual means that do justice to the content of the story and appeal to a broad age group.

Auszug aus Bachelorarbeit: »In der Limo schwimmen Lachse«

Persönliche Motivation: Mit Bildern gestalten

Ausschlaggebend für den Beginn meines Studiums waren Bilderbücher. Das Zusammenspiel von Text- und Bildebenen hatte solch eine unbeschreibliche Sogkraft, Stärke und Faszination in mir entfacht, dass ich wusste: Das möchte ich auch machen. Das Grundstudium zur Kommunikationsdesignerin nutzte ich, um Techniken zu erlernen und meine Augen zu schulen. Ich lernte visuell zu vermitteln und nicht nur abzubilden. Allmählich kristallisierte sich mein Studienschwerpunkt heraus - die Illustration. Bereits während meines Studiums zur Kommunikatiosdesigerin, hegte ich den Wunsch ein Bilderbuch zu realisieren, jedoch fiel es mir schwer die Zielgruppe einzuordnen und eine geeignete Geschichte zu finden. Als Illustratorin ist mir die Wirkungsmacht von Bildern bewusst und ich möchte mit der Verantwortung Bilder zu entwickeln sensibel umgehen. Weiter möchte ich vermeiden, stereotypische Darstellungen zu reproduzieren. Vor der eigentlichen gestalterischen Arbeit interessieren mich daher besonders die inhaltlichen Aspekte: Was wird wie abgebildet und wie wirkt was auf wen? Da der Arbeitsprozess einer Illustratorin selten Adressat:innen in den Prozess einbezieht, wollte ich die vorliegende Arbeit nutzen, um dies zu erproben. Neben meinem Studium habe ich Workshops für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Einmal wöchentlich arbeitete ich in einer Jugendkunstschule. Durch meine kinderbezogene Praxiserfahrung fiel mir auf, dass Kinder teilweise andere Themen interessieren als jene, die von Autor:innen aufgegriffen werden. Ziel meiner explorativen Arbeit war es, auszuloten, wo die Grenzen einer partizipativen Erarbeitung eines Bilderbuches liegen und welche ungeahnten Möglichkeiten und Einschränkungen diese Vorgehensweise hervorbringt.

Kontext und Kooperation

Da die praktische Umsetzung des Buches auftragsgebunden als Team startete, arbeitete ich gemeinsam mit Franka Geiser, Masterstudentin in ‚Art in Context‘ (Universität der Künste Berlin). Franka Geiser agierte zudem in dem Tandem-Projekt »Klasse:Kunst« mit einer Grundschulklasse in Falkensee. Diese Kooperation ermöglichte es mir, eine Schulklasse in den Prozess mit einzubeziehen. Die Workshops, die im »Klasse:Kunst« Kontext stattgefunden haben, wurden zusätzlich durch die Mitwirkung der Klassenlehrer:innen unterstützt.

Gemeinsam planten und führten wir eine Reihe von Workshops durch, welche die Kinder mit unterschiedlichen Methoden aus dem Design Thinking und partizipativen Elementen an dem Prozess beteiligten. Wir wollten herausfinden, inwiefern eine Co-Creation mit wechselnden Kindern möglich ist und beabsichtigten, Themen wie Autorenschaft und persönliche Grenzen einer Partizipation auszuhandeln. Mein Schwerpunkt in dieser Zusammenarbeit war die illustrative Ausarbeitung der entstandenen Texte – die bildliche, paratextuelle und materielle Dimension, das Verhältnis von Text und Bild und das Zusammenspiel dieser Ebenen zu gestalten.

Die Themenfindung

Auf der Suche nach einer geeigneten Geschichte traf ich mich mit Franka Geiser. Wir brainstormten und notierten, welche Themen uns übergeordnet interessierten. Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen war, dass wir ein Buch für und gemeinsam mit Kindern entwickeln wollten. Das Thema sollte für uns relevant sowie für eine Bearbeitung mit Kindern gleichermaßen geeignet sein. Zusätzlich wollten wir einen zeitaktuellen Bezug herstellen. Zunächst sprachen wir über Streitkultur und über unsere Erfahrungen während des Corona-Lockdowns. In der Pandemielage wurden so manche Wohnverhältnisse auf die Probe gestellt. Ohne die Räume von Arbeit, Schule oder Universität konnte es schnell eng werden in den Wohngemeinschaften, Familien oder an den Orten, die die Menschen für sich als zu Hause definieren. Homeschooling, Online-Vorlesungen auch abends um 18 Uhr, wenn der/die Freund:in gerade von der Arbeit nach Hause kam und ein Bedürfnis nach Ruhe verspürte. Alles zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Franka Geiser und ich vernahmen, dass sich hinter diesen Beobachtungen noch mehr verbirgt, und zwar generelle Fragen:

  • Wann nimmt wer welchen Raum ein?
  • Wann gilt es sich abzugrenzen?
  • Wann heißt es Kompromisse einzugehen?
  • Wie Lernen wir, wie diese Prozesse ablaufen?
  • Welche Rolle spielen Hierarchien und
  • wie wird damit umgegangen?

Unser Thema war gefunden: Die Geschichte sollte vom Zusammenleben und damit verbundenen Grenzziehungen handeln.

Beteiligung der Kinder: Wie und in welchem Umfang?

Es gibt bereits diverse partizipatorische Buchprojekte wie beispielweise jene der „Buchkinder Leipzig e.V.“ In diesen Formaten werden alle Inhalte von den teilnehmenden Kindern generiert. Die Organisator:innen halten die Kinder dazu an, ihre persönliche Geschichte zu visualisieren und zu verschriftlichen. Im Anschluss sorgen die betreuenden Personen für eine ansprechende Aufbereitung der Kinderwerke. Sie scannen die Bilder ein, stellen die Zeichnungen mit Bildbearbeitungssoftware frei und entscheiden alle Fragen, die die paratextuelle und materielle Dimension betreffen. Anschießend setzen sie ihre Buchideen handwerklich um. Der Ansatz für unser Vorhaben, ein Bilderbuch zu entwickeln und Kinder in den Prozess mit einzubeziehen, war ein anderer. Zunächst ging es darum, die Sichtweise der Kinder zu berücksichtigen und einen Raum für den Austausch von Lebensweltexpertise zu schaffen. Es ging bei diesem Projekt weder um die individuelle Geschichte des einzelnen Kindes noch um die ästhetische Anmutung von Kinderzeichnungen. Wir verhandelten, wann und wie Beteiligung in diesem Projekt sinnvoll wäre. Wir entschieden, dass der Hauptteil der Geschichte von den Kindern entwickelt werden sollte. Franka Geiser schrieb zunächst nur die Einleitung, in der die Protagonist:innen vorgestellt werden. Diese endete vor dem Hauptteil und bot anschließend die Möglichkeit, die Inhalte mit den beteiligten Kindern gemeinsam zu erarbeiten, um an die Geschichte anzuknüpfen. Die Ergebnisse von den Kindern dienten mir als Impuls für meine illustrative Ausarbeitung. Die Ideen für die Geschichte zu unserem ausgewählten Thema steht im Fokus der Zusammenarbeit. Beteiligung verstand ich in diesem Zusammenhang als einen Raum, in dem Austausch möglich wird.

Auszug aus: »In der Limo schwimmen Lachse«

Vor so drei Wochen, da war Sil Lattenzaun verreist für den Urlaub. Keiner wusste genau wo Sil war, aber alle liebten es. Sil hingegen liebte Regeln.

Besonders diese:

- Zwischen 13:00 und 16:19 Uhr kein Pfeifen

- Jeden 8. Tag im Monat keine Brettspiele

- Brot nur getoastet und mit Pfeffer

Und die Wichtigste:

- Alle Bademäntel im Haus mussten gelb sein.

So richtig versteht keiner die meisten der Regeln, aber wer glaubt denn jemandem nicht, der viele Regeln hat und selten lacht? So jemandem glaubtman meistens schon, so ganz automatisch. Also war Sil weg, ab Dienstag und gleichzeitig all die Regeln. Kennt ihr das, wenn mal alles erlaubt ist? Also so wirklich alles? Sogar Zimt im Ketchup? Wenn alles erlaubt und nichts verboten ist, dann ist das bestimmt die große Freiheit. Und Freiheit muss genutzt werden, dachten alle Bewohnerinnen und Bewohner des Suppen-Sieben-Hauses auf der Wasserbach-Straße 14 - gleichzeitig. Also zur selben Zeit. Zu genau der, als die Tür hinter Sil Lattenzaun ins Schloss fiel.

Hier endet vorerst der Text und die Partizipation konnte beginnen.

  • Wie könnte es weitergehen?
  • Wie wird Sil reagieren?
  • Was passiert mit den Lachsen?
  • Und am wichtigsten, wie wird sich das Leben
  • der Hausbewohner:innen verändern?

Während Sil Lattenzaun für einige Zeit verreist ist, haben die Bewohner:innen des Hauses erstmals die Möglichkeit, frei von Sil´s Regeln, selbstständig zu entscheiden, wie sie ihre Zeit nutzen möchten. Diese Freiheit ist sehr neu für alle im Haus, denn sie haben nie gelernt eigene Entscheidungen zu treffen. Sie wollen ihre neu gewonnene Freiheit nutzen und erleben dabei einige verrückte Dinge. Sie lernen sich und das Haus ganz neu kennen, bringen sich in Gefahren, haben viel Spaß und machen aus Sil´s Auto ein fahrbares Partymobil.

Fragestellung und weitere Aspekte

Fragestellung
Wie und in welchem Rahmen ist die Beteiligung von Kindern bei der
Entwicklung eines Bilderbuchs am Praxisbeispiel möglich?

Workshops
Mit Kindern im Alter von sieben- bis dreizehn Jahren, über einen
Zeitraum von zwei Monaten, mit Schulklassen und freiwilligen Kindern im Rahmen von Freizeitangeboten.

Aspekte für die praktische Gestaltung

  • Wie entwickeln mitwirkende Kinder die Geschichte weiter?

  • Welche Themen werden von ihnen aufgriffen und
    wie visualisieren sie diese?

  • Wie beeinflusst ihre Darstellungsweise meine illustrative Ausarbeitung?

  • Wie sieht die Gestaltung eines Bilderbuchs für Sieben- bis Dreizehnjährige aus?

  • Wie können gender-stereotypische Rollenbilder durch Visualisierungen aufgebrochen werden?

    Der Forschungsfrage: »Wie und in welchem Rahmen ist die Beteiligung von Kindern bei der Entwicklung eines Bilderbuchs am Praxisbeispiel möglich?« wurde durch die Durchführung von Workshopformaten nachgespürt. Die Beteiligung von Kindern und weiteren Interessengruppen ergaben Unterfragen, die für die Gestaltung des Bilderbuches relevant wurden. Da diese Arbeit aus der Sicht einer Kommunikationsdesignerin verfasst wurde, wurden hauptsächlich design- und prozessdesignrelevante Themen aufgegriffen und behandelt. Da ein Großteil der Workshopformate im schulischen Kontext stattfand, ergaben sich auch pädagogische und didaktische Fragen. Diese wurden aufgegriffen, jedoch nicht weiter ausgeführt.

Design-Thinking-Prozess

Praktische Anwendung des Design-Thinking-Prozess

Workshops

Erfahrungen aus den Workshops

Mein Augenmerk lag auf den Werken von den Kindern. Nachdem alle Workshops abgeschlossen waren, hatte ich die Möglichkeit mich mit den Ergebnissen der Kinder auseinanderzusetzen. Besonders die zeichnerischen Arbeiten schaute ich mir genau an. Ich stellte fest, dass keine räumliche Darstellung vorhanden war, sondern Objekte gleichwertig auf einer Ebene dargestellt wurden. Es gab selten einen Vor-, Mittel- oder Hintergrund. Figuren und Objekte, die sich überlagerten, kamen auch nicht vor. Die Größen der abgebildeten Figuren und Objekte variierten selten bis gar nicht. Figuren waren gerne als Strichmännchen dargestellt. Zeichnerisch dargestellte Häuser bestanden oft aus zwei Grundformen, dem Quader und dem Dreieck als Dach. Proportionen entsprachen manchmal nicht der Realität, Hände und Köpfe wurden stark vergrößert gezeichnet. Ich hatte den Eindruck, dass es nicht allen Kindern leichtfiel, sich die Charaktere aus der Geschichte mit ihren Eigenschaften vorzustellen und diese zu visualisieren. Wenn ein Kind großes Interesse an Dinosauriern hatte, dann konnte es passieren, dass Sil (Protagonist) als T-Rex dargestellt wurde. Das fehlen von Vor-, Mittel- oder Hintergrund, sowie veränderte Proportionen griff ich für die illustrative Ausarbeitung der Geschichte auf.

Rückblickend möchte ich sagen, dass ich zu hohe Erwartungen an die Kollaboration mit den Kindern hatte. Mir war nicht bewusst, wie viel Einfluss die unterschiedlichen Interessen, Kompetenzen und Fähigkeiten der Beteiligten innerhalb eines Klassenverbandes auf die Zusammenarbeit haben würden.Bei einer Gruppengröße von mehr als 25 Teilnehmenden Kindern war es für mich herausfordernd, den individuellen Bedürfnissen einzelner Kinder gerecht zu werden. Ich bin froh und dankbar für die Kooperationsform mit der »Klasse:Kunst«. Das ausgebildete Pädagog:innen vor Ort unterstützend eingegriffen haben, wenn es Klasseninterne Konflikte zu klären gab, war sehr hilfreich. Die Gruppenanzahl und die Klassendynamik hatte großen Einfluss auf die Workshopplanung. Die Aufgaben wurden bestmöglich verständlich formuliert und in kleine Teilschritte unterteilt. Durch diese Planung hatte ich bedenken, dass der Prozess durch zu viele Vorgaben und Regulierungen keinen Raum für die Ideen und Ansätze von den Kindern bietet. Eine partizipatorische Erarbeitungsform setzt eigentlich voraus, dass die Mitwirkenden die Ideen selbst generieren, Designer:innen nehmen während des Entstehungsprozesses nur eine unterstützende Rolle ein. Bei der Arbeit mit den Schulklassen konnte ich hier Schwierigkeiten feststellen, denn nicht nur die unterschiedlichen Vorkenntnisse, ein teilweise mangelndes Interesse an gestalterischen Aufgaben und die Gruppendynamik innerhalb des Klassenverbandes konnten die gemeinsame Entwicklung dieses Projektes erschweren, sondern auch die Themenwahl der Kinder. Teilweise hatten manche Kinder großes Interesse, über Gewalt zu sprechen und zu schreiben. Diese Beobachtung ist für mich nicht neu. Bei vergangenen Workshops stellte ich auch fest, dass Themen wie Gewalt, Sterben und Sexualität von manchen Kindern immer wieder aufgegriffen wurden. Gleichzeitig war es im Kontext der Schulkooperation und ohne die notwendige Zeit und Vorbereitung im Umgang auf diese Themen schwer möglich darauf zu reagieren. Die o. g. Themen benötigten eine wohlüberlegte Ausarbeitung und pädagogische Fachkenntnisse. Damit der Großteil der Geschichten nicht mit dem Tod der Hausbewohner:innen endet, legten wir nach mehreren Gesprächen mit Pädagog:innen Regeln für die Entwicklung der Geschichte fest. Keine Beleidigungen, keine Gewalt mit oder ohne Waffen, sowie keine Witze über Fickalien. Ich denke, das Kinder eigentlich Räume benötigen, wo auch über diese Themen gesprochen werden darf. Ich sehe großes Potenzial ein neues Projekt zum Thema Gewalt zu erarbeiten. Jedoch ohne ein konkretes Ergebnis damit zu verfolgen. Es war eine bereichernde Erfahrung, in den konkreten Austausch zu gehen und auf all die Themen und Problematiken zu stoßen und mich mit diesen auseinander zusetzen.

Das Bilderbuch

Es gibt zahlreiche Definitionen auf die Frage, was ein Bilderbuch ist. “Ein für Kinder von etwa 2-8 Jahren entworfenes Buch mit zahlreichen Illustrationen und wenig oder gar keinem Text”, so lautet eine der Begriffsbestimmungen im Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur.11 Dies ist jedoch heute nicht mehr zeitgemäß und Bilderbücher können auch weitere Kriterien aufweisen. Solche Kriterien sind nach Tobias Kurwinkel: die Klassifizierung des Alters der Adressat:innengruppen, das Text-Bild-Verhältnis und der Umfang.12 Die Altersklassifizierung richtet sich oft nach den Bildungseinrichtungen, die die Kinder besuchen: z.B. das Kindergarten-, Vorschul- oder Grundschulalter. Weiter findet eine Einstufung in Zwei-Jahres-Stufen statt: 2-4 Jahre, 4-6 Jahre, und 8-10 Jahren.13 Diese Einordnung möchte ich gerne kritisch hinterfragen und diese Parameter aufbrechen. Gleiches gilt für die Gestaltung nach geschlechtsspezifischen Darstellungsweisen für Mädchen und Jungen und über vorgefertigte Farbschemata und Thematiken. Mich interessiert bei der Gestaltung eine All-Age- oder Crossover-Literatur, die Kinder konsumieren können, aber auch Jugendliche und Erwachsene. Denn komplexe Gegenstände aller Gestaltungsparameter und Kombinationen stehen für mich als Kommunikationsdesignerin im Vordergrund.

Bei Besuchen in verschiedenen Fachbuchhandlungen für Bilderbücher, Kinderbücher oder Buchhandlungen mit extra ausgezeichnetem Kinderbereich suchte ich das Gespräch zu den Buchhändler:innen. Mich interessierte, ob die vom Verlag vorgeschlagenen Altersklassifizierungen deckungsgleich mit den Erfahrungen sind die ihnen ihre Kund:innen spiegeln. Hier wurde meine Annahme bestätigt, dass eine Einordnung sehr individuell ist und nur als Richtlinie dienen kann. Die Buchhändlerin betonte: Es kommt auch auf die Lesesituation an. Wird gemeinsam gelesen und nur vorgelesen? Oder lesen die Leser:innen bereits eigenständig Fließtexte?14 Über den Austausch von zweieinhalb Monaten mit Kindern im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren stellte ich verschiedene Reaktionen auf den Anfang unserer Geschichte fest. Innerhalb eines Klassenverbandes stellte ich immer wieder verschiedene Bedürfnisse und Kenntnisse der Kinder fest. Manchen Kindern wurde noch niemals vorgelesen, andere Kinder lasen bereits eigenständig, einige konnten noch nicht lesen oder schreiben. Diese Beobachtung führte zu der Frage, ob eine Altersklassifizierung im Prozess überhaupt möglich und notwendig ist.

  • 11. Vlg. Künnemann, Horst/ Müller, Helmut, Bilderbuch, in: Doderer, Klaus (Hrsg.), Lexikon der Kinder- und. Jugendliteratur in 3 Bd. (1984) S.159

    12. Vlg. Tobias Kurwinkel, Bilderbuchanalyse Narrativik-Asthetik-Didaktik, 2. Auflage, Utb 2020, S. 15-17__

    13. Vlg. Tobias Kurwinkel,Bilderbuchanalyse Narrativik-Asthetik-Didaktik, 2. Auflage, Utb 2020, S. 15__

    14. Vlg. Gespräch mit Buchhändlerin aus Gedankenprotokoll vom 23.11.2021_

Gestaltungsentscheidungen

Das Skizzenbuch
Für meinen Gestaltungsprozess war die Arbeit mit dem Skizzenbuch hilfreich. Zusammengefasst sammelte ich Ideen, skizzierte erste Vorüberlegungen. Hier finden sich Material- und Farbstudien, typografische Experimente, Aufrisse und Layoutübungen. Alles in einem Buch.

Das Herz einer Geschichte: Die Charaktere
Nachdem das Thema für das Bilderbuch gefunden war, begann meine illustrative Arbeit. Angefangen habe ich mit der Entwicklung der Charaktere. Ich zeichnete zunächst nur Formen und ergänzte diese mit Köpfen, Armen und Beinen. Dabei beeinflussten mich stets die Arbeiten der Kinder. Formen, Farben, Größenverhältnisse waren impulsgebend. In dieser Phase ließ ich mich zusätzlich von Pflanzen, Gegenständen und Tieren inspirieren. Dabei war es mir wichtig, keine Menschen, keine Anatomie, Tiere oder vermenschlichte Tiere zu zeichnen. Hierbei stellten sich mir die Fragen:

  • Wie schaffe ich es, dass die Leser:innen sich ohne Vermenschlichung dennoch mit den Charakteren identifizieren können?
  • Wie kann ich über die Form und Pose anstatt der gewohnten Körpersprache kommunizieren?

Ausgehend von den Silhouetten entwickelte ich ein Spannungsverhältnis zwischen den Figuren. Verschieden Formen, die sich in der Summe ergänzen und somit zu einer Unterscheidbarkeit der Charaktere führen. Weiter berücksichtigte ich die Farbpalette:

Welche Farben unterstützen welche Charaktereigenschaften und bilden mit allen Charakteren zusammen einen ausgewogenen Farbklang.

Entwicklung von non-binären Charakteren
Für die Entwicklung der Charaktere war es uns wichtig, dass wir keine stereotypischen Geschlechterrollen reproduzieren. In der gesamten Geschichte wurden daher geschlechtsneutrale Namen verwendet und es wurde auf Personalpronomen (er, sie, ihr, ihm, usw.) verzichtet. Nicht-binäre Geschlechtsidentitäten ergeben sich allgemein nicht aus bestimmten Körpermerkmalen, sondern aus dem eigenen Geschlechtsempfinden einer Person. Damit sich dieses Empfinden bei den Kindern individuell entwickeln darf und kann, war uns die geschlechtsneutrale Darstellung der Charaktere wichtig. Am konkreten Praxisbeispiel, der Geschichte »In der Limo schwimmen Lachse«, waren die vier Geschwister zunächst vier Brüder. „Usi“, war zu Beginn der Geschichte „Usia“, und hätten wir es so gelassen, dann würden die Gefühlsebenen, das Dekorative, Liebevolle, wieder einer Frau zugesprochen. Mit den vier Brüdern wären es wieder die männlichen Wesen gewesen, die einem Handwerk nachgehen. Diese Annahmen zu Geschlechterrollen wollten wir aufbrechen und vielmehr versuchen, eine Geschichte mit Charakteren zu entwickeln, in der nicht die Geschlechtsidentität über den Ausbau von Fähigkeiten bestimmt oder diese maßgeblich beeinflusst. Welchem Geschlecht welche Fertigkeiten zu- oder abgesprochen werden, kann vernehmbare Einschränkungen in der Ausübung und Entfaltung von Begabungen und Interessensfeldern bedeuten. So kann die Wahl von Freizeitaktivitäten beeinflusst werden und dies kann auch Auswirkungen auf die spätere Berufswahl haben. In jedem Bereich, in dem stereotypische Geschlechterrollen reproduziert werden, kann es zu Einschränkungen in Denkweisen und auf Gefühlsebenen kommen. Spannend zu beobachten war, dass während der Erarbeitung „Sil“ zunächst als „Silvius“ von uns konzipiert wurde. Der Vermieter, der alles besitzt, dies zeigt einmal mehr, wie stark Rollenbilder uns bereits vorgeprägt haben, und wir konnten eine Notwendigkeit ableiten, dieses Thema in die Bearbeitung unseres Buches zu integrieren.

Typografische Auszeichnung
Für die typografische Auszeichnung im Bilderbuch gibt es mehrere Ebenen. Einmal den Fließtext, der gut lesbar sein sollte und dennoch mit der gewohnten Konvention brechen darf. Weiter nutzte ich Typografie als Gestaltungsmittel wie Bilder, sog. Schriftbilder. Es gab neben dem Haupttext auch noch weitere Textarten im Bilderbuch. Dazu gehört der Paratext, auch Nebentext genannt. Am Praxisbeispiel wurde ein Text zur Erklärung, wie dieses Buch entstanden ist, verfasst und weiter eine Danksagung an die mitwirkenden Kinder formuliert. Hierfür wurden andere gestalterische Entscheidungen getroffen. Das Impressum sowie der Paratext sollten sich von der Schriftgestaltung von der Geschichte klar abgrenzen. Als Lesetypografie für die Geschichte wählte ich eine klare serifenlose Antiqua: die »Russo One«. Diese Schrift konnte durch ihre starke Strichstärke überzeugen. Es war mir wichtig, dass der Schriftschnitt einen guten Kontrast zu den Visualisierungen bildete. Die Schriftgröße für den Fließtext beträgt zwischen 10,5 Punkt und 14 Punkt. Typografie, die ins Schriftbild integriert wurde, ist von Hand ausgeschnitten und anschließend digital bearbeitet wurden.

Farbe und Form
Zur Vorbereitung der Workshops bemalte auch ich Pappen und überlegte, welche Farben ich verwenden wollte. Mir war ein Dreiklang der Primärfarben wichtig: ein starkes Kobaltblau, ein kräftiges Karminrot und ein Zinnobergelb. Dazu wählte ich weiter Ergänzungsfarben, da der farbliche Kontrast auf Dauer zu intensiv ist. Ich wählte ein helles und ein dunkles Violett, sowie ein Moosgrün und ein sehr helles gelbgrün. Zudem bedachte ich Negativ-Formen von den Hintergründen. Schwarz fungiert als Auszeichnungsfarbe. Randlose Hintergründe in starken Farben sorgen für eine starke Farbwirkung. Durch das Ausschneiden ergaben sich beinahe zufällig neue Formen.

Fazit

Das Bilderbuch ist ein spannendes Medium, dies hat sich durch meine Recherche und bei der Erarbeitung eines solchen mehr als bestätigt. Diese Buchgattung bietet unzählige Möglichkeiten, nicht nur auf bildnerischer Ebene, sondern auch auf narrativer – und durch das Zusammenspiel von beiden. Bei der Erarbeitung eines neuen Bilderbuchs, das bestimmte Kriterien erfüllen sollte – wie eine erweiterte Altersklasse, non-binäre Charaktere, einen Bildaufbau, der von den Arbeiten der mitwirkenden Kinder inspiriert wurde, sowie eine lebendige typografische Auszeichnung – war es von Vorteil, die Perspektiven der Zielgruppen im Prozess berücksichtigen zu können. Herauszufinden, was gut ankommt, welche Themen aktuell sind, welche Art von Büchern gerne oder ungern gelesen werden, war hilfreich für die Ausarbeitung. Die gemeinsame Erarbeitung der Geschichte lieferte wertvolle Hinweise für die finale Ausarbeitung. Ich bin sehr froh, mir am Ende meines Studiums die Zeit genommen zu haben, mich mit diesem Medium sowohl theoretisch als auch praktisch auseinanderzusetzen. Eine grundlegende Frage, die ich während meiner Bearbeitung aufgeworfen hatte, war, wie und in welchem Rahmen die Beteiligung von Kindern bei der Entwicklung eines Bilderbuchs möglich sei. Ziel unseres gemeinsamen Vorhabens war es, die Möglichkeiten und Grenzen einer Partizipation auszuloten und zu erproben. Während dieser Zeit durfte ich lernen, dass Kooperationen mit partizpativen Erarbeitungsformen nach Rahmenbedingungen wie: Transparenz in der Kommunikation, eine intrinsische Motivation der Teilnehmenden, Ressourcen wie Geld und Räumlichkeiten, verlangen. Sind diese Rahmenbedingungen nicht oder nicht vollständig gegeben, kann die Zusammenarbeit erschwert werden. Da einige der Workshop im Schulkontext stattfanden und andere an Freizeitorten wie der Jugendkunstschule oder dem Literaturhaus, konnte ich beobachten, wie die Räumlichkeiten die Arbeitsatmosphäre beeinflussten. Eine Lesung des gleichen Textes in einem Theatersaal ist eine andere als eine Lesung im Klassenraum. Für kommende Projekte möchte ich die gewonnenen Erkenntnisse für gemeinsame Erarbeitungsformen weiter ausbauen und die bereits gesamten Erfahrungen einfließen lassen. Auch wenn die Workshopformate im Klassenzimmer unter schwierigeren Bedingungen stattgefunden haben, so waren dies die Workshops, in denen ich am meisten über die Zielgruppe erfahren und feststellen konnte, welche Bedingungen für Co-Creation benötigt werden. Dennoch möchte ich auch betonen, dass Störfaktoren wichtige Impulse für eine Ausarbeitung liefern können. Lief etwas nicht oder anders als geplant, waren wir gezwungen schnell zu reagieren und umzuplanen. Diese Veränderungen im Prozess können von Vorteil für die Zusammenarbeit sein. Die Störfaktoren, wie beispielsweise Themen, die keinen Raum bekommen konnten und dadurch zu platzen drohten, wie die Rivalitäten untereinander und die Lautstärke zu Beginn einer jeden neuen Stunde, trugen zu einem erweiterten Verständnis für die Zielgruppe und ihrer Lebenswelt bei.

Die Einflussnahme der beteiligten Kinder auf die Geschichte und ihre Entwicklung der Bildwelten beeinflusste mein Denken und meine eigene Prozesslogik. Die Einfachheit im Strich und die andersartigen Ansätze etwas darzustellen, führten dazu, bereits Erlerntes, wie zum Beispiel ein Bild aufgebaut wird, mit Vorder-, Mittel und Hintergrund oder harmonische Farbkombinationen, wieder zu vergessen und für mich neue gestalterische Ansätze zu finden. Gemeinsam mit den Klassen über Bücher zu sprechen und Bilderbücher anzusehen, lieferte mir wertvolle Einblicke zu den Berührungspunkten der Kinder mit Büchern und verdeutlichte mir auch, dass dieses Medium in Zeiten von Smartphones und Tablets immer noch beliebt ist. Mich überraschte es, wie groß das Interesse an meiner Tätigkeit als Illustratorin war. An einem Buch mitzuwirken und sich die Geschichte auszudenken, die von einer Illustratorin gezeichnet wird, war für einige Kinder ein Anreiz, ins Schreiben zu kommen. Ich denke, dass die Beteiligung von Kindern an Medien, die für sie konzipiert werden, für alle Mitwirkenden ein Zuwachs und eine Bereicherung sein kann. Die teilhabenden Kinder bekommen vermittelt, dass ihre Gedanken und Ideen wertvoll sind und ihre Arbeiten werden durch den Praxisbezug wertgeschätzt. Durch die realistische Umsetzung des Projektes lernen sie zusätzlich neue Berufsfelder kennen und können zum Teil Einblicke sammeln, die über den Schulalltag hinaus gehen. Abschließend kann ich sagen, dass ein Vorhaben dieser Art mit diversen Beteiligten, die Einfluss auf das Produkt nahmen, mehrere Vorteile geboten hat. Die Expertisen der einzelnen Beteiligten haben sich ergänzt, dies ermöglichte eine lebendige Auseinandersetzung, bei der mehrere Perspektiven Berücksichtigung gefunden haben. Da meine Projektpartnerin „Art in Context“ studiert, verfolgte sie primär einen künstlerisch-vermittelnden Ansatz, während ich unser gemeinsames Vorhaben unter Prozessdesign- Aspekten und gestalterischen Fragen beleuchtet habe. Sicherlich wäre es zusätzlich aufschlussreich gewesen, wenn bereits während des Erarbeitungsprozesses eine:r Vertreter:in eines Kinderbuch-Verlages in den Prozess involviert gewesen wäre und diese Perspektive noch zusätzlich Berücksichtigung gefunden hätte. Eine gemeinsame Verarbeitungsform ist sinnvoll, jedoch benötigt diese im Vorfeld viele Entscheidungen, welche Akteure wie, wann und in welchem Umfang beteiligt werden. Es ist auch ratsam, für diese Position eine externe, nicht direkt involvierte Prozessleitung zu engagieren. In diesem Projekt waren Franka Geiser und ich die Initiatorinnen, Prozessgestalterinnen, Workshopplanerinnen, Workshop-Durchführerinnen und Beobachterinnen. Es war von Vorteil, gemeinsam die Workshops zu planen und diese auszuwerten. Wir konnten unsere Beobachtungen gemeinsam analysieren und evaluieren. Die Kooperation ermöglichte es auch Phasen der reinen Beobachtung einzuplanen. Fragen zum Umgang mit der Autorinnenschaft konnten in dieser Arbeit nicht abschließend geklärt werden. Die beteiligten Kinder werden im Buch erwähnt und ihrer Mitwirkung wird gedankt. Da unser gemeinsames Vorhaben, ein Bilderbuch zu entwickeln, direkt im Vorfeld durch die klare Aufgabenteilung von Illustration und Typografie einerseits und Autorin und Textproduktion andererseits definiert war, gab es klar abzugrenzende Ergebnisbereiche, welche auch benannt werden können. Da ich für die Illustrationen kein Fremdmaterial der Kinder verwende, sondern nur die Rücksprache mit ihnen in meine Arbeit eingeflossen ist, kann ich deutlich sagen, dass ich die illustrative Arbeit geleistet habe. Zweifelsohne bietet dieses Thema noch weitere und spannende Ansätze, die ich innerhalb der vorliegen Arbeit nicht weiter ausführen kann.

Werkschau

1 Kommentare

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Was für eine tolle Arbeit! :)