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KOSMOOS | Komm rein, komm runter

Im Kurs “WHITE CUBE” von Professorin Alexandra Martini und Jörg Misch arbeiteten wir, Fabian Stetzler und Jannik Zernke, uns gemeinsam durch die 5D-Methode und entwickelten über verschiedene Experimente eine eigene Idee für ein Semesterprojekt. Was das genaue Ergebnis dabei sein sollte war uns freigelassen, wichtig war vor allem der Prozess und die Entwicklung des Ganzen.

01 Analyse

Im Rahmen der Analyse wurde uns die niederländische Modedesignerin Iris van Herpen an die Hand gegeben. Bei der Recherche um ihre Arbeit sind uns sofort die organischen und biomorphen Formen aufgefallen, welche bspw. an Blumen oder Insekten erinnern. Van Herpen spricht selbst davon, dass die Natur ihre größte Inspirationsquelle sei.

Ausgehend von der Gestaltung ihrer Mode haben wir eine Matrix mit Strukturen zu Begriffen, welche wir mit ihrem Werk assoziieren, erstellt.

02 Experimente

Ausgehend aus der Analysephase gingen wir im nächsten Schritt zu den Experimenten über. Inspiriert von den biomorphen und natürlichen Formen von Van Herpen wollten wir uns von Anfang an mit Bepflanzung beschäftigen.

Masken-Experimente

Unsere erste Idee bezog sich auf einen - für uns alle mittlerweile gewordenen - Alltagsgegenstand, die medizinische Maske. Schwer abbau- und recyclebar wollten wir Masken ein zweites Leben schenken. Wieso also nicht Masken bepflanzen?

Wir sind beide aktiv im Campusgarten und wollten unser Beet dafür als Experimintierstätte nutzen. Kurzerhand wurde ein gefundenes Gitter von uns mit der Flex bearbeitet und an unserem Beet eingebaut. Daran hängten wir gebrauchte FFP2-Masken auf und bepflanzten sie. Dieses Experiment kam zwar optisch gut bei allen an, hielt sich jedoch leider nicht sehr lang, da die Masken die Feuchtigkeit nicht gut hielten und die Pflanzen schnell vertrockneten. Also weiter zum nächsten Experiment…

Moos-Experimente

Nach den Maskenexperimenten gingen wir weiter in Richtung der Bepflanzung und überlegten, welche positiven Effekte man durch bestimmte Pflanzen haben könnte. Durch eine Wissenschaftliche Arbeit, die Fabian  in einem früheren Semester geschrieben hatte, kamen wir auf Moos und waren schnell davon begeistert. Moos hat sehr viele gute Eigenschaften. es kann Filtern, sowohl Luft als auch Wasser, wirkt kühlend und ist ein nährstoffreicher Boden für andere Pflanzen. Außerdem kann Moos sogar Strom produzieren, dazu später mehr. Wir beschäftigten uns sehr intensiv damit wie Moos wächst und ob man es kultivieren kann. Zunächst wollten wir aber testen, wie sich Moos mit Gips verträgt, da wir für unser Projekt im weitesten Sinne eine Abformtechnik mit Gips verwenden sollten.

Also gingen wir in den Wald und sammelten etwas Moos.

Mit dem Moos hatten wir 2 Dinge vor. Wir wollten etwas Moos eingipsen und in etwas Wasser stellen, um zu prüfen, ob sich Gips als Pflanzmedium für Moos eignet und wollten auch versuchen Moos zu kultivieren.

Ersteres war leicht getan. Das Moos drückten wir in die Oberfläche von noch zähflüssigen Gips ein und stellten es nach dem Abbinden in ein Gefäß mit Wasser. Durch die hydrophilen Eigenschaften von Gips versprachen wir uns, das der Gips das Wasser zum Moos transportiert und so das Moos feucht hält und mit Nährstoffen versorgen kann.

Das Moos stand so fast 2,5 Monate in der Werkstatt. Wasser füllten wir gelegentlich nach, da es durch Verdunstung zu einem Schwund kam. Das Moos hielt sich hervorragend und es blühte sogar noch richtig auf. Eine gute Grundlage, auf der wir später weiterarbeiten würden.

Unser anderes Experiment das Moos selber zu kultivieren, gestaltete sich etwas schwieriger. Durch Recherche fanden wir heraus, dass man Moos wohl mit Buttermilch oder Jogurt , Zucker und/oder Bier pürieren und so anschließend kultivieren könne. Verschiedene Quellen gaben unterschiedliche Zutaten und Zusammensetzungen der Mixtur vor, also starteten wir unsere eigene kleine Versuchsreihe.

Nachdem wir das Moos ausgiebig ausgewaschen haben, um sonstige Spezies wie Insekten oder Pilze auszusortieren, mixten wir es in verschiedenen Zusammensetzungen mit den empfohlenen Zutaten. Übrigens ein Geruch, den wir beide wahrscheinlich so schnell nicht mehr vergessen werden. Die unterschiedlichen Mixturen strichen wir auf eine präparierte Platte auf und beschrifteten akribisch unsere Moosproben.

Die Platte wurde dann in einen Kühlen und leicht feuchten Kellerraum gelagert und täglich mit einer Sprühflasche ein wenig gewässert.

Ein aufwändiges Projekt, das für viele Wochen im Keller auf Erfolg warten lies. Doch leider hat die Kultivierung von Moos mit keiner der neun Mixturen funktioniert.

Die wichtigere Frage nun, wie kommen wir an Moos, ohne es immer aus dem Wald klauen zu müssen? 

Ganz einfach - Moos Onlineshop!

So leicht hatten wir uns das auch nicht vorgestellt, aber tatsächlich kann man Moos einfach in großen Mengen im Internet bestellen.

Wir stießen auf  Sphagnum-Moos, welches als besondere Eigenschaften eine antibakterielle und antifungale Wirkung hat. Davon ließen wir uns 10kg (!) liefern. Mehr Moos, als wir uns jemals erträumen konnten.

Wir wollten uns nun die positiven Eigenschaften von Moos zu eigen machen und unsere Erkenntnis aus dem Moos-Gips-Experiment weiter verfolgen. Gips zieht das Wasser, auch in die Höhe, und verteilt es gleichmäßig, sodass eingepflanztes Moos gut mit Wasser versorgt werden kann. Moos kann seine Umwelt evaporativ kühlen, dämmt Schall und ist zudem Sauerstoffproduzent und Kohlenstoffdioxidspeicher. Wir haben uns während der Reihe von Experimenten am wohlsten gefühlt, als wir im Wald Moos sammeln waren und die Ausgeglichenheit der Natur genießen konnten.

So kamen wir auf die Idee für unser finales Semesterprojekt.

KOSMOOS!

Ein mit Moos bepflanzter Pavillon auf dem Campus (oder wo auch immer). Ein Ort der Ruhe und der Begegnung, an dem man sich von urbanem Trubel isolieren kann und fühlt wie mitten im Wald. Ein kühler Ort in der Hitze des Sommers.

03 Die 5 D's

Ästhetische Dimension

Die bepflanzte Gitterstruktur ist flexibel und kann in diversen Linien im Boden verankert werden. Die für uns interessanteste Form ist einer Schnecke nachempfunden, so dass ein Eingang und ein Innenraum entstehen. Der unscheinbare Eingang erlaubt den Eintritt in einen flächenmäßig begrenzten Raum, welcher nach oben jedoch offen ist und Lichteinfall und Ventilation erlaubt. Durch die übermannshohe Moos-Wand soll eine visuelle Trennung von Innen- und Außenraum geschehen.

Haptische Dimension

Das Gitter ist aus verzinktem Draht gefertigt, was dieses Widerstandsfähig gegen Korrosion macht. Der auf dem Gitter aufgebrachte Gips hat hydrophile Eigenschaften und dient als Wasserspeicher und -transportmedium. Der oben in das Gitter eingelassene transparente Kunststoffschlauch ist für die Bewässerung zuständig und wird durch eine handelsübliche Wasserpumpe mit Wasser versorgt. Die Stützbalken sind aus wetterfester Douglasie, welche ein heimisches Nadelholz darstellt. Das Sphagnum-Moos, welches sich im Zwischenraum der Wand befindet hat antibakterielle und antifungale Eigenschaften und funktioniert konstruktiv als Wasserfilter und Füllstoff. 

Produktive Dimension

KOSMOOS kann aus handelsüblichen Halbzeugen hergestellt werden. Dies war für den Entwurf wichtig, da das Produkt für Laien rekonstruierbar sein sollte.

Auf das mit Gips beschichtete Gitter wird Moos aufgetragen und die Stützbalken in regelmäßigen Abständen angebracht. Auf der anderen Seite der Balken wird dann ein weiteres Gitter befestigt welches das Moos an Ort und Stelle hält. An der Oberen Seite des Gitters ist ein Kunststoffschlauch mit vielen kleinen Löchern eingelassen, welcher durch die Pumpe eine Tröpfchenbewässerung des Gitters erlaubt. Die Pumpe steht in einem Wasserreservoir, in welches das überschüssige Gießwasser wieder zurückgeführt wird. 

Kulturelle Dimension

In einer Zeit von Kontaktbeschränkungen und Lockdowns haben wir es sehr zu schätzen gelernt Begegnungen mit anderen Studierenden auf dem Campus an Freiluft-Orten wie dem Campusgarten zu haben. Uns war es wichtig einen Ort für Begegnung zu schaffen, da für uns diese im vergangenem Jahr zu kurz kam bzw. nicht möglich war. Diese Begegnungen in einem privaten, abgeschirmten Raum, isoliert von urbanem Stress, Hektik  und Lärm in einer ruhigen und natürlichen Atmosphäre zu ermöglichen war unser Ziel. 

Interaktive Dimension
Das Moos ist Kernbestandteil der Konstruktion und verfolgt seinen Konstruktiven Aufgaben (Wasserfilter, Visuelle Trennschicht) auch Funktionen die erst beim Betreten des Pavillions ersichtlich werden. Das Moos kühlt durch die Verdunstung des aufgenommenen Wassers seine Umwelt, kann  Geräusche von außen abschirmen, bietet einen grünen 360-Grad-Blick und versetzt einem beim Schließen der Augen durch seinen markanten Geruch mitten in dem Wald. Diese Funktionen sollen dem Nutzer des Pavillions eine möglichst angenehme, beruhigende Erfahrung bescheren und ihn somit für Interaktion und gemeinsames Wohlbefinden öffnen.

04 Umsetzung

05 Ausblick

Mit verbesserten Kenntnissen in der Wissenschaft und dem Weiterforschen im Bereich der mikrobiellen Brennstoffzellen wäre es in der Zukunft denkbar die Pumpe ohne extern zugeführte Elektrizität, sondern durch den, durch das Moos produzierten, Strom als autarken Kreislauf zu betreiben. Es gibt bereits erste Forschungsprojekte bei welchen gering verbrauchende Geräte durch den Strom, welcher von Bakterien, die sich im Moos ansiedeln, produziert wird, betrieben werden. Bei der Menge an Moos im Entwurf und einer Steigerung der Ausbeute der Reaktoren wäre es denkbar über den Verbrauch der Pumpe hinaus Strom zu produzieren und KOSMOOS zukünftig zudem als Energiequelle zu betrachten.

Fachgruppe

Gestaltungsgrundlagen

Art des Projekts

Studienarbeit im Grundstudium

Betreuung

jörg misch Prof. Alexandra Martini

Zugehöriger Workspace

WHITE CUBE

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2021