Incom ist die Kommunikations-Plattform der Fachhochschule Potsdam

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#endFGM

Durch unterschiedliche Darstellungsformen schaffen es die Medien gezielt Informationen zu übermitteln und Emotion zu wecken. Somit glauben wir das, was die Welt uns denken lässt und deswegen reagieren wir daher oftmals stärker auf schlechte Nachrichten als auf gute. Im Verlauf der Zeit nehmen wir jedoch viele alltägliche Probleme und Herausforderungen, die uns persönlich nicht direkt betreffen, als selbstverständlich an, wodurch sie in Vergessenheit geraten. Doch ohne diese aus den Augen zu verlieren, hat sich einiges in den letzten Jahrzehnten auch zum Positiven entwickelt. Demzufolge startete der Infografiken-Kurs von Lisa Rienermann mit dem Motto »It is not as bad as we think«.

Themenfindung

Jedes Thema hat sowohl „gute“ als auch „schlechte“ Seiten. Im gesamten Arbeitsprozess lag unser Fokus stets auf der Entwicklung einer informierenden Aufklärungskampagne in Form einer Rauminstallation. Die Auseinandersetzung mit der komplexen Problematik soll in unserer Umsetzung sowohl inhaltlich als auch gestalterisch keinesfalls verharmlost oder beschönigt werden.

Nach einiger Recherchearbeit sind wir thematisch auf die Genitalverstümmelung/-beschneidung bei Mädchen und Frauen (FGM/C) aufmerksam geworden. Zu Beginn hatten wir das Thema fast verworfen, da wir kaum konkrete Statistiken mit genauen Zahlen finden konnten. Es wurde also deutlich, dass die Dunkelziffern viel höher sind, wodurch es schwieriger war die Behauptungen zu analysieren und aus den unterschiedlichsten Quellen die richtigen Zusammenhänge zu filtern. Trotz mangelnden Informationen bezüglich der Verbreitung von Beschneidungen bei Mädchen und Frauen in bestimmten Regionen, lässt sich insgesamt ein langsamer Rückgang in den letzten drei Jahrzehnten feststellen, aber nicht alle Länder haben Fortschritte erzielt und das Tempo des Rückgangs ist uneben. Deswegen war es uns umso wichtiger sich mit dieser Thematik näher zu beschäftigen, da diese Praxis und ihre Auswirkungen Menschen auf der gesamten Welt beeinflussen.

Recherche & Inhalt

Mit der Idee eine Kampagne zu gestalten, schauten wir uns vorab an was die verschiedenen Organisationen und betroffenen Personen gegen die Beschneidung von Mädchen und Frauen gemacht haben. Zudem sammelten wir aus Statistiken, empirischen Studien und Stellungnahmen unterschiedliche Informationen über die Gründe, Risiken, Verbreitung und Prävention von FGM/C.

Die Praxis wird laut UNICEF primär in einigen Regionen von Afrika, im Nahen Osten, in einigen asiatischen Ländern und Latein Amerika durchgeführt. Allerdings leben auch in 13 europäischen Ländern über 600.000 Frauen mit den schädlichen Folgen von Female genitale mutilation/cutting. Es wird geschätzt, dass mindestens 200 Millionen Mädchen und Frauen in 30 Ländern dieser Praxis bereits unterzogen wurden, doch der genaue Wert bleibt unbekannt. Die Zahl der Frauen und Mädchen, die von Genitalverstümmelung und Schnittwunden betroffen sind, steigt mit dem Bevölkerungswachstum in diesen Herkunftsländern immer weiter an. Wenn die Maßnahmen gegen FGM/C nicht beschleunigt werden, könnten bis zu 30 Millionen weitere Mädchen im nächsten Jahrzehnt beschnitten werden (UNICEF, 2013).

Hierfür spielen kulturelle und soziale Faktoren innerhalb der Familien und Gemeinschaft eine große Rolle. Der Eingriff wird oftmals bei Minderjährigen ohne Wissen und Einwilligung gemacht, um somit die voreheliche Jungfräulichkeit zu gewährleisten und wird daher als notwendiger Bestandteil der Erziehung eines Mädchen auf das Erwachsenenalter angesehen. Diesbezüglich muss gesagt werden, dass nicht jedes Mädchen oder jede Frau, die in den praktizierenden Ländern leben auch einer Beschneidung unterzogen wurden. Doch der soziale Druck, die Angst von der Gemeinschaft abgelehnt zu werden und/oder auch die finanzielle Gedrungenheit sind einige der wenigen Gründe warum Menschengruppen in bestimmten Regionen an dieser „patriarchalen Tradition“ festhalten (WHO, 2020).

Die gesundheitlichen Folgen können jedoch das Leben der betroffenen Personen komplett zerstören. Neben den übermäßigen Blutungen, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, psychische und psychosomatische Konsequenzen, können auch Wundheilungsprobleme und Infektionen zum Tod der Mädchen führen und verletzt somit ihr Recht auf Leben (WHO, 2020).

Informationen über FGM/C sind weltweit von sehr unterschiedlicher Qualität. Länder haben viele verschiedene Diasporas, wo Gemeinschaften andere Praktiken haben. In einigen Teilen der Welt sind ihre Tradition bekannt, aber an anderen Orten gibt es keine Gewissheit darüber. Wenn wir also diese Details nicht kennen, können wir sie nicht aufhalten. In diesem Kontext haben viele Persönlichkeiten und Organisationen es sich zur Aufgabe gemacht mehr Bildung, Aufklärung und Hilfsmittel für die Menschen in den praktizierenden Regionen, aber auch weltweit zur Verfügung zu stellen. Das heißt: Lese- und Schreibfähigkeit trainieren, Analysefähigkeit schärfen, Problemlösung und Aufklärungsarbeit zu Menschenrechten, Religion, Gesundheit und Sexual- sowie Geburtskunde, aber auch die Bereitstellung technischer und finanzieller Unterstützung. Die Praxis ist präventierbar, wenn mehrere aus einer Gruppe sich dagegen entscheiden und die Änderung des Meinungsbild muss deshalb stark gefördert werden (UNICEF, 2005).

Umsetzung

Konzeptentwicklung

> Inhaltliche Umsetzung: Um einen Einblick in dieses große Thema zu erhalten und gezielt Informationen zu vermitteln, unterteilten wir unsere recherchierte Arbeit in vier Kategorien mit jeweils neun Fakten.

1. Begriffserklärung & Gründe 
2. Arten & Folgen
3. Entwicklung & Verbreitung
4. Hilfe & Prävention

> Farbschema: Die Farben für die Kennzeichnung der verschiedenen Unterthemen nimmt Bezug auf das weibliche Geschlechtsorgan und verändert sich in der Intensität des Farbtons. Je weiter man durch die Problematik geführt wird, desto dunkler wird es. Somit soll der große und schwere Umfang dieser praktizierenden Anwendung verdeutlich werden.

> Plakatreihe: Je Unterthema leitet ein Plakat mit einem Zitat in die jeweilige Kategorie ein. Das Spielen mit der Überlagerung der Formen, die bis zur vierten Kategorie immer größer und über das Medium hinaus geht, stehen für einen offenen Dialog über diese Thematik. Die gerissenen organischen Formen ermöglichen ein Hindurchschauen der unterschiedlichen Ebenen und zeigen die Brutalität von FGM/C.

> Infokarten: Der Inhalt wird in Form von kleinen Fakten auf Karten zusammengefasst. Auch hier zeigt das Reißen der Außenränder die Grausamkeit und das gewaltsame Vorgehen bei dieser Praxis.

Installation

> Hängung: Inhaltlich hat dieses Thema kein Anfang und kein Ende. Dementsprechend übersetzten wir das auf die Anordnung der Plakate und Karten innerhalb der Installation. Als Verbindungselement steht der Faden sowohl inhaltlich als auch gestalterisch im Vordergrund. Die Fakten untermauern die jeweilige Kategorie und hängen daher auf unterschiedlich hohen Ebenen.

Resultat & Fazit

Wir haben uns diesmal dafür entschieden, ein Thema zu behandeln, welches wir inhaltlich total relevant finden und worüber mehr gesprochen werden sollte. Die Brutalität dieser Praxis und die fehlenden stichhaltigen Statistiken waren für uns am Anfang eine echte Herausforderung. Uns war es wichtig, aus den groben Zahlen keine vagen Vermutungen oder Behauptungen bezüglich der Verbreitung und des Rückgangs von FGM/C aufzustellen, sondern zu einem neuen Denken zu verhelfen und ein Bewusstsein für die Situation zu schaffen. Daher ist uns deutlich geworden, dass unser Endergebnis keine klassischen Infografik darstellt, sondern eher eine Art Aufklärungskampagne ist. Doch genau durch die Installation im Raum soll das Thema die Größe und Schwere bekommen, die es braucht.

Die intensive Recherchearbeit ermöglichte uns eine tiefere Auseinandersetzung mit der Problematik und schaffte eine andere Herangehensweise, Informationen zu verarbeiten und visuell umzusetzen. Im Hinblick auf die pandemiebedingten Einschränkungen, lernten wir am eigenen Beispiel, dass wir uns in der Ideenfindung frühzeitig Prioritäten setzen und Entscheidungen treffen müssen, um so schnellstmöglich in den Gestaltungsprozess zu kommen. Danke an Lisa, die uns bis zum Ende bei der Umsetzung betreut und unterstützt hat!

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Studienarbeit im Hauptstudium

Betreuung

Lisa Rienermann

Zugehöriger Workspace

Jenseits von Tabellen - Experimentelle Infografik

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2020 / 2021

Keywords