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Dahemm.

Ein Gemeinschaftstagebuch der ersten drei Monate im Lockdown 2020. Portraits meiner Eltern und Fotografien ihres Alltags zusammen mit handschriftlich verfassten Erinnerungen an die Veränderungen am Anfang der Covid-19 Pandemie.

1. EINLEITUNG

Die Hashtags #stayhome, #bleibzuhause und #bleibdahemm (im Saarland) riefen im Frühling 2020 dazu auf, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, soweit es möglich war, um sich und andere vor der Ansteckung und Verbreitung des Covid-19 Virus zu schützen. Der Anfang der Pandemie war geprägt durch Unsicherheit, Angst und täglicher Veränderung. Am 11. März stufte die WHO die Ausbreitung des Virus als Pandemie ein und plötzlich befand sich ganz Deutschland, nahezu die ganze Welt in Ausnahmesituation. Ich befand mich zu der Zeit im Auslandssemester in Istanbul und kehrte nach einigem Hin und Her und kurzfristigen Planänderungen am 13. März zu meinem Elternhaus zurück, wo ich erst einmal für eine Weile bleiben wollte. Auf unbestimmte Zeit. 3 Tage später begann der Lockdown light.

Ich blieb 85 Tage, vom 13. März bis zum 3. Juni. In dieser Zeit entstanden mehr als 300 Bilder, die meine Erfahrung zurück im Elternhaus unter diesen extremen und unbekannten Bedingungen dokumentieren. Doch auch, wenn wir ein Haus, Essen und unseren Alltag teilten, so sorgten wir uns unterschiedlich, ängstigten uns mehr oder weniger, fühlten uns auf andere Weise eingeschränkt, bzw. betroffen. Mein Vater gewöhnte sich schnell an die Arbeit im Home Office, während meine Mutter als Krankenpflegerin mit einer ganz anderen Arbeitswelt und Belastung konfrontiert war. Mein Bruder, der seit zwei Jahren in Österreich studiert, konnte überhaupt nicht mehr nach Hause kommen. Diese Familiensituation und Heimkehrerfahrung teilen viele Menschen in Deutschland und weltweit. Die (oft abrupte) Rückkehr zum Familiären, Kleinen auf der Suche nach Sicherheit, Stabilität zeigt die Verlust- und Existenzangst, die besonders in der Anfangsphase der Pandemie omnipräsent war. Das Vertraute wurde zum Anker in der Ausnahmesituation, die täglich eingreifende Veränderungen mit sich brachte.

2. DAS PROJEKT (Hauptteil)

Besonders drei Texte haben meine Arbeit am Projekt begleitet.

Im Hinblick auf Blick- und Machtpositionen in der Beziehung zwischen Fotograf*in und Subjekt(en) ist Hirschs Definition des 'familial look' bzw. 'familial gaze' grundlegend:

„The familial look, then, is not the look of a subject looking at an object, but a mutual look of a subject looking at an object who is a subject looking (back) at an object. Within the family, as I look I am always also looked at, seen, scrutinized, surveyed, monitored. Familial subjectivity is constructed relationally, and in these relations I am always both self and other(ed), both speaking and looking subject and spoken and looked at object: I am subjected and objectified.“ (Hirsch, 9)

Was die Bedeutung und Aussagekraft von privaten Fotos (ohne Kontext) anbelangt, so ist Selkes Untersuchung interessant, die zeigt, dass die Bedeutung (privater) Fotos stets abhängig ist von Zeit, Ort und Betrachter*in: „Private Fotos haben keine Bedeutung – ihnen wird unter wechselnden Relevanzsetzungen Sinnhaftigkeit attribuiert. Jede Analyse privater Fotos auf der Ebene der fotografischen Referenz fokussiert lediglich den Ausgangspunkt eines transformativen Prozesses, an dessen Ende das mit Erinnerungen umwebte, durch gegenwärtiges Wissen immer wieder neu betrachtete und aufgrund aktueller Intentionen auf eine bestimmte Weise benutzte, autobiografische Foto steht.“ (Selke, 74)

Ebenso zeigt er auf, dass sich die Bedeutungen von (privaten) Fotos öndern können und sie somit immer gegenwartsbezogen interpretiert werden. Dies trifft auf die Fotografien in „Dahemm“ insofern zu, als dass sie ohne die handschriftlichen Notizen meiner Eltern (fast) keinen direkten Zusammenhang mit der Pandemie aufweisen und zu diesem Zeitpunkt anders eingeordnet werden in die Geschichte und Situation bzgl. Covid-19, als in ein paar Jahren. Mit der Veränderung der Wahrnehmung eines Ereignisses (hier der Alltag im ersten Lockdown) spielt auch das Fotobuch selbst, indem die Motive der Bilder oft auch im Gegensatz zu dem stehen, was durch die Notizen ausgesagt wird. Die Sorgen und negativen Gedanken würden ohne Kontext durch die Fotos alleine nicht herausgelesen werden können. 

„Ein privates Foto ist dabei niemals nur ein und dasselbe Foto, da Leben kein Treiben in einer Kapsel ist. Sinn ist nicht an ein Foto fixiert, sondern vielmehr individuellen (Aus-)Handlungsprozessen unterworfen, die selbst wieder in soziale Prozesse eingebettet sind. Zu verschiedenen Zeiten werden Fotos stets gegenwartsbezogen interpretiert. Somit werden im Zeitverlauf sowohl Bedeutungsdefinition als auch Bedeutungstransformation vorgenommen.“ (Selke, 74)

Was die Relevanz des doch recht privaten Projekts „Dahemm“ angeht, so beziehe ich mich auf das folgende Zitat aus Family Snaps: The Meanings of Domestic Photography:

“Family photography can operate at this junction between personal memory and social history, between public myth and personal unconscious. Our memory is never fully ‘ours,’ nor are the pictures ever unmediated representations of our past. Looking at them we both construct a fantastic past and set out on a detective trail to find other versions of a ‘real’ one.” (Spence; Holland, 13)

Das Fotobuch zeigt den Alltag und die Gedankenwelt zweier Menschen aus der deutschen Mittelschicht im Frühling 2020. Was zunächst privat und persönlich erscheint, repräsentiert dennoch die Situation vieler Menschen zu dieser Zeit. Die Rückkehr einer/s Studierenden ins Elternhaus, der Rückzug in die eigenen vier Wände, der Urlaub auf dem Balkon und Sport sowie Arbeit zuhause im improvisierten Studio. Geschichte wird demnach nicht nur mit Zahlen und Statistiken geschrieben, sondern auch mit der Einbeziehung von persönlichen Geschichten und Perspketiven.

DAHEMM

2.1 RELATED WORKS / RECHERCHE

„Ein Blick auf den Alltag im Ausnahmezustand“, so nennt es die Zeit, die im Corona-Fototagebuch Bilder bekannter deutscher Fotograf*innen veröffentlichte. Auch andere Zeitungen und Webportale haben während des ersten Lockdowns dazu aufgerufen, die Zeit zuhause und/oder mit der Familie zu dokumentieren. Die Schnappschüsse, alltäglichen Momente, Stillleben und Portraits aus Händen von sowohl professionellen Fotograf*innen als auch Anfänger*innen bilden zusammen ein umfangreiches Archiv an anekdotischen, privaten, intimen Einblicken in das Leben zu Beginn der Pandemie.

Zeit Online - Corona-Fototagebuch
https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-03/coronavirus-deutschland-pandemie-alltag-fotos-projekt?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Larry Sultan - Pictures From Home
http://larrysultan.com/gallery/pictures-from-home/
https://mackbooks.co.uk/products/pictures-from-home-br-larry-sultan

Teju Cole - Fernweh
https://www.youtube.com/watch?v=OupS5BS-a2I&t=1194s

Doug Dubois: All the days and nights / My Last Day at Seventeen http://dougdubois.com/atdan/
http://dougdubois.com/mldas/

2.2 METHODEN

In einem beispielhaften, privaten Foto-Tagebuch zu Anfang der Pandemie sollten mehrere Sichtweisen miteinander vereint werden und meinen Eltern die Möglichkeit gegeben werden, ihre Gedanken nachträglich und mit Distanz zum Erlebten (und gleichzeitiger Nähe durch den angekündigten zweiten Lockdown) zu äußern. Damit kreierte ich ein Erinnerungsbuch, ein Stück Zeit- und Familiengeschichte in der beschaulichen Gemeinde Quierschied im Saarland. Meinen Bildern wurden die Gedanken der Abgebildeten hinzugefügt und so entstand sich ein Tagebuch der gemeinsam erlebten Zeit.

Meine Eltern haben jeweils das Konvolut an Bildern bekommen mit dem Auftrag, unabhängig voneinander

a) aus der Sammlung die 85 Bilder auszusuchen (entsprechend der Anzahl an Tagen, die wir zusammen verbracht haben), die für sie bedeutsam sind, bzw. ein Gefühl/einen Aspekt dieser Zeit zusammen fassen

b) diese handschriftlich zu kommentieren – in Form von Erinnerungen, Anmerkungen, Gedanken

Diese handschriftlichen Notizen wurden (nach einer Digitalisierung mit Adobe Illustrator) im fertigen Buch den Fotografien, bzw. Foto-Kombinationen zugeordnet. Dabei wird durch die Bild-Text Ebene ein Sinnzusammenhang hergestellt, der durch die persönlichen Bilder alleine für Betrachter*innen vielleicht nicht erkennbar wäre, Beziehungsweise werden die fotografischen Eindrücke durch die Notizen eindeutig in ihren geschichtlichen Kontext der Covid-19 Pandemie eingebettet.

2.3 ENTWURF / PROTOTYP / DESIGNVORSCHLAG

Das Format 30x30cm wurde gewählt, weil es am ehesten dem der klassischen Fotoalben entspricht. Das Gleiche gilt für das Leinencover, dessen Haptik und Oberfläche dem Einband alter Familienalben am Nächsten kommt.

Auch die Fotografien selbst haben das Seitenverhältnis 3:2, was dem der frühen analogen Fotografien entspricht. Die Größen der Fotografien im Buch variieren, das Verhältnis bleibt jedoch immer bestehen.

Die Anordnung variiert, jedoch sind es insgesamt nur fünf verschiedene „Templates“, die erstellt wurden. Insgesamt unterliegt die Komposition der Bilder einer gewissen Strenge, die als nachträgliche Ordnung der unübersichtlichen und unstrukturierten Zeit interpretiert werden kann.

Gleiches gilt auch für die Reihenfolge der Bilder. Sie folgt einer gewissen Strenge und Kontinuität, die in Retroperspektive die Veränderungen im ersten Lockdown zu organisieren versucht. Die Motive, Farben und Situationen zeugen dabei von einer Harmonie und Gemütlichkeit, die den harten Fakten und Zahlen der Pandemie gegenüber stehen und Leichtigkeit vermitteln.

Das viele Weiß zwischen den Bildern gibt Raum für eigene Interpretationen und Erinnerungen an den Lockdown. Nur bruchstückhaft ist das Leben in den drei Monaten durch die Fotografien und Zitate dargestellt; das Unausgesprochene, die Gedankenwelt, die schwer zu definierenden Gefühle und Stimmungen sind in diesem weißen Raum.

Die handschriftlichen Notizen wurden bei Durchschau des Konvoluts an Bildern von meinen Eltern, unabhängig von einander, verfasst und von mir den Bildkombinationen zugeordnet. Der zeitliche Bezug zur Pandemie, der in den Bildern alleine oft nicht direkt erkennbar ist, wird durch die Notizen deutlich gemacht. Sie kontextualisieren die im Bild abgebildete Situation. Gleichzeitig entsteht durch die Text-Bild Kombinationen eine Spannung zwischen dem einzelnen familiären Moment und der gesamtgesellschaftlichen Situation.

3. FAZIT

Eine Weiterführung, bzw. Sequel von „Dahemm“ ist durchaus denkbar. So könnte der Alltag meiner Eltern ein Jahr später (immer noch von der Covid-19 Pandemie beeinflusst) dokumentiert werden, bzw. im Winter darauf. So könnten Unterschiede gezeigt werden bzgl. ihrer Gedanken- und Gefühlswelt. Ebenso würde es sich anbieten, den Alltag im Lockdown in meiner Generation abzubilden, bspw. in einer Wohngemeinschaft.

Generell ist „Dahemm“ ein Puzzleteil im wachsenden Archiv von Erfahrungen und Geschichten einer gesamt-gesellschaflichen Situation. Bedeutsam daran ist nicht nur die Relevanz persönlicher Standpunkte in einer Kollektivgeschichte, sondern auch die Veränderlichkeit der Bedeutungen von Fotografien in ihrem jeweiligen Betrachtungskontext.

4. DANKSAGUNG

Danke an:

Winfried Gerling

Jeannette Mohrbacher-Konrad

Michael Konrad

Nina Tschirner

Anne Quirynen

Sebastian Möring

die Teilnehmer*innen des Laboratorium-Seminars 20/21

5. REFERENZEN/QUELLEN

Barthes, R. (1981). Camera lucida: Reflections on photography. Macmillan.

Hall, S., Spence, J., & Holland, P. (1991). Family Snaps: The Meanings of Domestic Photography.

Hirsch, M. (1997). Family frames: Photography, narrative, and postmemory. Harvard University Press.

Selke, S. (2004). Private Fotos als Bilderrätsel–Eine soziologische Typologie der Sinnhaftigkeit visueller Dokumente im Alltag. na.

Persönliche Reflexion

Ein Projekt von

Fachgruppe

Europäische Medienwissenschaften

Art des Projekts

Studienarbeit im Masterstudium

Betreuung

Prof. Winfried Gerling

Entstehungszeitraum

Wintersemester 2020 / 2021