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Der Mehrwert von Animationen im Dokumentarfilm –

Der Mehrwert von Animationen im Dokumentarfilm – „Eisberg“

Mein Großvater Werner wurde 1939 geboren. So lange ich mich zurückerinnern kann, war er kein besonders offener und herzlicher Mensch. Er hat viel Zeit in seinem Keller verbracht, die Nachrichten gesehen und Zeitung gelesen. Sein Leben war sein Garten, dorthin habe ich ihn oft begleitet. Es gab eine spürbare Nähe zwischen uns. Trotz dieses offensichtlichen Gefühls der Verbundenheit ist es ihm in meiner Kindheit nicht möglich gewesen, seine Zuneigung mir und meiner Schwester gegenüber zu zeigen. Erst als er älter wurde fiel es ihm leichter. Über seine Kindheit und Jugend sprach er nie, weder mit uns noch mit unserer Mutter.

Er starb am 26. Juli 2019. Nach seinem Tod sprach meine Großmutter ganz anders über ihn. Ihre Worte waren viel liebevoller, herzlicher. Sie sprach nicht mehr nur über die schwierigen Zeiten ihres gemeinsamen Lebens, sondern über die schönen und glücklichen Tage. In ihren Geschichten war mein Großvater plötzlich ein ganz anderer – sie sprach über eine Seite von ihm, die ich nicht kennenlernen durfte.

Genau diese Seite möchte ich erforschen. Durch das Eintauchen in die Stationen seines Lebens, seiner Erfahrungen und Erlebnisse will ich besser verstehen, welcher Mensch mein Großvater vor und außerhalb meiner Erinnerung war.

Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit ist es, das Wirken und den Einsatz von Animationen, speziell im Dokumentarfilm, zu untersuchen und im Anschluss daran einen eigenen Film zu produzieren.

Der theoretische Teil umfasst einen Überblick über das Wirken von Animationen allgemein sowie deren Funktion im Genre des animierten Dokumentarfilms, im folgenden abgekürzt als „Animadok“. Die Möglichkeiten von Animationen im Dokumentarfilm und deren Vorteile gegenüber Realfilmbildern werden aufgezeigt und anhand von drei Filmen exemplarisch analysiert und belegt.

Der praktische Teil befasst sich mit der Konzeption und Gestaltung eines Animadok, der das Leben meines verstorbenen Großvaters thematisiert.

Abstract English

My grandfather Werner was born in 1939. As long as I can remember he wasn't a an open and warm-hearted person. He spent a lot of time alone. in his basement, watching TV or reading the newspaper. His garden was his life, I used to go there with him a lot when I was younger. There was an emotional link between us, but despite of this emotional bond it was very hard for him to show his affection towards us in our childhood. He never spoke about his own childhood or youth, neither with us nor with our mother or grandmother.

He died on the 26th July 2019. After his dead, the way my grandmother talked about him changed. Her words were much more loving, she remembered more of their happy days instead of the bad times. In her storys, my grandfather turned out to be another person – a person that I unfortunately couldn't meet.

I want to explore and learn more about this person. I want to know who my grandfather was before and beyond my memories.

The following bachelor thesis shows an overview about the functioning of animation in general plus their functions in animated documentaries. Therefore three movies are analyzed. 

The practical work is an animated documentary about my grandfather's life.

Auszüge aus der Bachelorarbeit

Der Einsatz und das Wirken von Animationen allgemein

Seit knapp 100 Jahren verzaubern die Werke von Walt Disney die Welt. Fast jedes Kind

in der westlichen Hemisphäre ist mit den Filmen aufgewachsen. Besonders der erste große abendfüllende Animationsfilm Schneewittchen und die sieben Zwerge (1937) führte zu einem außergewöhnlichen Erfolg. Walt Disney’s künstlerischer Stil wird als “Illusion of Life” bezeichnet. Die Gestaltung der Erscheinung, des Ausdrucks und der Bewegung aller Figuren, ob übernatürlich oder Tier, orientiert sich dabei am Menschen. Die für „Disney oft typische Tendenz zu Kitsch und Verniedlichung“, gepaart mit der Tatsache, dass der Inhalt vieler Disneyfilme an Märchen angelehnt ist, haben dazu geführt, dass noch immer hauptsächlich Kinder die Zielgruppe mit der höchsten Bedeutung für Animationsfilme sind.

Ganz anders ist das Empfinden dagegen in Japan. Die dort produzierten Zeichentrickfilme, genannt Animes, richten sich inhaltlich meist an ein erwachsenes Publikum. Gewalt und Sexualität werden unzensiert dargestellt. Andere wie z. B. vom Studio Gibhli produzierte Filme wie Chihiros Reise ins Zauberland (2001), Prinzessin Mononoke (2001) und Das wandelnde Schloss (2005) entführen den Zuschauer dagegen in surreale Welten und inspirieren zu einer „Rückkehr zu Spiritualität und Umweltbewusstsein“ . Die letzten Glühwürmchen (1988) erzählt die leidvolle Geschichte zweier Geschwister und deren Kampf ums Überleben nach einem Bombenangriff auf ihre Heimatstadt. Das Drama verarbeitet ein nationales Trauma: die Angst vor einem erneuten nuklearen Angriff auf Japan wie im zweiten Weltkrieg auf Hiroshima und Nagasaki.

Animationen bieten eine andere Ausdrucksmöglichkeit als Realfilm und größere kreative Freiheit. Sie können die Realität transformieren und so magische Welten erschaffen, die nur ihren eigenen Grundsätzen und Geboten unterliegen.

Diese “Kunst des Unmöglichen”  bietet somit auch die Chance aufzuzeigen, was sonst „unter keinen anderen Bedingungen verstanden werden könnte.“  Besonders Emotionen,

Gefühle und innere Ängste einer Figur können durch den Einsatz von Animationen sichtbar gemacht werden. Vor allem die Gefühle spielen dabei eine tragende Rolle. Sie schaffen eine Verbindung zum Zuschauer. Wenn die Figur der Animation in eine Situation gerät, die Rückschlüsse auf die emotionale Verfassung einer anderen Person schließen lässt, werden eigene Gefühlserfahrungen wachgerufen.

Nach Matthias C. Hänselmann “nutzt der Zeichentrickfilm die Empathiefähigkeit des Rezipienten, indem er bestimmte emotionsaktive Figuren und Situationen erzeugt. Diese Situationen weisen emotionale Korrespondenzaspekte auf, auf die das Publikum im Idealfall reagiert wie gewünscht.” Sie fordern also die intellektuelle und emotionale Auseinandersetzung des Zuschauers mit der gezeigten Handlung. Die Handlung und die Darstellungsform müssen dabei nicht sonderlich komplex sein. Einfachste Formen und Bewegungen werden für den Zuschauer zur Basis einer weitergehenden emotionalen Interpretation. Die Filmelemente können dabei sehr abstrakt sein und die Gestalt von einfachen geometrischen Formen haben (Lichtspiel Opus, 1921) haben oder einfach nur eine waagerechte Linie zeigen, die zum Leben erweckt wird und sich so transformiert, bis die Umrisse eines Männchens zu erkennen sind (La Linea, 1972).

Animationen im Dokumentarfilm

Der Stil und die Art der Animationen bieten nahezu endlose Möglichkeiten, das Thema eines Films zu verarbeiten und zu vermitteln. Dabei werden Animationen jedoch nicht in jedem Animadok gleich eingesetzt. Nach Annabelle Honess Roe lassen sich animierte Dokumentationen anhand der Funktion, die Animationen in ihnen erfüllen, in drei Arten einteilen:

Mimetische Substitution

Die erste Form die Honess Roe beschreibt, ist die der mimetischen Substitution, in anderen Worten des nachahmenden Ersetzens. Bei dieser Form werden Animationen dazu genutzt etwas darzustellen, das mit Realfilmbildern nur schwer, wenn nicht sogar unmöglich abzubilden wäre. Sie ersetzen nicht vorhandenes Filmmaterial, um so zum Beispiel historische Momente, in denen es noch keine Kameras gab oder die einfach nicht filmisch dokumentiert werden konnten, darzustellen.

Die BBC Dokumentationsreihe Walking With Dinosaurs (1999) zeigt das Leben der Dinosaurier in einer prähistorischen Zeit lange vor dem Zeitalter des Menschen. Filmmaterial aus dieser Zeit ist also unmöglich. Die Dinosaurier wurden mit Hilfe von Computeranimationen nachgestellt. Ein älteres Beispiel ist Winsor McCay’s The Sinking of the Lusitania (1918). Das britische Kreuzfahrtschiff sank 1915 während des ersten Weltkriegs nach einem deutschen U-Boot-Angriff. Auch von diesem historischen Moment existiert kein Foto- oder Filmmaterial. McCay fertigte 25.000 Zeichnungen an, um den Untergang der Lusitania nachzustellen. Auch wenn kein Filmmaterial für diese zwei historischen Ereignisse vorhanden sind, so wissen wir jedoch trotzdem, wie die Welt zu diesem Zeitpunkt ausgesehen hat und wie sich die Ereignisse zugetragen haben. Animationen, die als mimetische Substitution fungieren, haben den Anspruch, diese Welt zu rekonstruieren. Sie orientieren sich nah an der Realität und versuchen diese zu imitieren. Sie vermitteln uns Wissen von etwas, das wir hätten sehen können, wären wir dabei gewesen.

Nicht-mimetische Substitution

Im Gegensatz zur nachahmenden hat die nicht-nachahmende Form der Animation nicht den Anspruch, die Illusion von Realität zu imitieren und zu rekonstruieren. Vielmehr wird die Animation als »allumfassendes und anerkennendes Medium nach eigenen Regeln eingesetzt, ein Medium, das das Potenzial hat, Bedeutung und Sinngehalt über ästhetische Visualisierungen zu vermitteln.«

Dem Menschen fällt es leichter, sich eher mit Comics als mit realistischen Zeichnungen oder Fotografien zu identifizieren. Bei detaillierten, realistischen Bildern neigen wir dazu, jemand anderen darin zu erkennen. Wird das Bild aber auf die wesentliche Bedeutung heruntergebrochen, besteht ein Gesicht z. B. nur aus einem Kreis mit zwei Punkten und einem Strich, fällt es uns leichter uns selbst darin zu erkennen. Diese Art der Darstellung ermöglicht eine universelle Identifikation, die bei nicht-nachahmenden Animationen von Bedeutung ist.

Ein Beispiel ist der Film It’s Like That (2004). Er erzählt die Geschichte junger Asylsuchender. Dargestellt werden sie als gehäkelte Puppen in der Gestalt von Vögeln. Der Film basiert auf einem Radiointerview, die Animation ersetzt wieder nicht vorhandenes Filmmaterial und fügt durch den Stil der Animation eine weitere Erzählebene hinzu. Die Darstellung als kleine Vögel dient dabei als Metapher für die Unschuld der Akteure.

Der Einsatz von nicht-nachahmenden Animationen kann auch dazu genutzt werden, die Geheimhaltung der Identität des Interviewten bzw. des Darstellers zu gewährleisten. Ein Beispiel für die Wahrung der Anonymität ist der Film Hidden (2008), der ab S.29 noch näher betrachtet wird.

Evokation

Die dritte Funktion, die Animationen in Dokumentationen einnehmen können, bezeichnet Honess als Evokation – also das Hervorrufen von Emotionen, Gefühlen und Bewusstseinszuständen, die durch Realfilmbilder nur schwer darstellbar wären. In diesem Fall ermöglicht die Animation unsichtbare Aspekte des Lebens zu zeigen und die Welt aus der Perspektive eines anderen zu sehen.

Die animierte Dokumentationsreihe Animated Minds (2003) kombiniert Animationen mit Interviews von Menschen, die unter psychischen Krankheiten leiden. Die Animationen sollen dabei die Erfahrungen der Betroffenen widerspiegeln und dem Zuschauer die Realität des Erzählenden erfahrbar machen. Der Film Mike‘s Story (2003) aus dieser Reihe wird ab S.23 ausführlicher behandelt.

Ein weiteres Beispiel ist Sarah Moore’s Film An Eyeful of Sound (2009), in dem Menschen von ihrem Leben mit Synesthäsie, einem seltenen neuronalen Zustand, bei dem Nervenfasern zwei Sinne gleichzeitig aktivieren, berichten. So erscheinen Buchstaben und Zahlen den Betroffenen zum Beispiel in bunten Farben, sie verknüpfen den Charakter einer Person mit bestimmten Farben oder können Töne schmecken oder sehen. Auf letzteres fokussiert sich Moore in ihrem Film. Mit Animationen, Musik und den geführten Interviews schafft sie ein audiovisuelles synästhetisches Erlebnis für den Zuschauer.

Einblicke

Der Film – "Eisberg"

Bachelorarbeit

Persönliche Reflexion

Das Arbeiten an einem persönlichen, emotionalen Thema, das mir am Herzen liegt, hat mir großen Spaß gemacht. Ich habe mich teilweise ganz schön in den Recherchen verloren und Stunden damit verbracht, die Briefe meines Urgroßvaters zu lesen und abzutippen und an dem Stammbaum unserer Familie zu forschen. Dabei habe ich mich manchmal über mich selbst geärgert, da dies nicht unbedingt relevant für die Bachelorarbeit an sich war und ich die Zeit besser anders hätte nutzen sollen – vergeudet war die Zeit dennoch nicht, ich habe tolle Dinge erfahren und mir so ein Bild von meinem Urgroßvater, obwohl ich ihn nie kennengelernt habe, machen können.

Ich habe schon in den vergangenen Semestern festgestellt, dass ich am besten arbeiten kann, wenn die Zeit langsam knapp wird. Dann kann ich mich gut konzentrieren und intensiv arbeiten und auch innerhalb

kurzer Zeit viel schaffen. Das war auch während meiner Arbeit an dem Film der Fall, im Gegensatz zu Semesterprojekten allerdings verbunden mit einem kleinen nervlichen Zusammenbruch. Ich wusste, ich muss nur den Anfang finden, eine Szene zeichnen und der Rest würde mir dann locker von der Hand gehen. Diesen Anfang zu finden hat dieses Mal jedoch ein bisschen gedauert, so dass ich kurz an mir gezweifelt und mir gewünscht habe, ich hätte bei diesem Projekt früher angefangen zu arbeiten.

Das Zeichnen und Animieren mit dem iPad war für mich neu, hat mir aber großen Spaß gemacht. Ich habe festgestellt, dass mir das Animieren auf diese Art viel leichter fällt und ich so wesentlich schneller arbeiten kann als mit After Effects.

Zudem habe ich mir auch Gedanken gemacht, wie meine Familie auf den Film reagiert. Ich hatte Angst, ob ich die richtigen Worte finde, ob sie sich vielleicht in irgendeiner Weise angegriffen fühlt oder glaubt, dass die Geschichte, die ich erzähle falsch und meinem Großvater nicht würdig ist. Diese Angst war aber verflogen, als ich meiner Mutter die erste Hälfte des Films zeigte und sie sehr emotional reagierte. Da wusste ich, ich bin auf dem richtigen Weg.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Betreuung

Prof. Klaus Dufke Daniel Pfeifer

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2020

Keywords

1 Kommentare

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Gänsehaut! Sehr, sehr schön und einfühlsam