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Slow Planet: Abgeholt! Der Dialogbus

Dokumentation des Abschlussprojektes „Abgeholt - Der Dialogbus“ von Nele Kontny, Omar Felix Faber und Carl Linz. In dem Kurs ging es um Zukunftsfragen, wie unser Leben auf einem Slow Planet aussehen könnte, welche Prozesse uns bevorstehen, um eine nachhaltige Welt zu erschaffen. Thema war auch, kritisches Denken über unser eigenes Handeln zu erlernen und wie wir dieses Wissen in Gestaltungsprozessen anwenden können. Das Projekt befasst sich mit der gesellschaftlichen Komponente: Wie können wir den Dialog fördern?

Thema und Hintergrund

Es geht um Verschwörungserzählungen, die auch in der Zeit des Corona-Lockdowns eine große Rolle spielen. Skeptiker teilen auf Youtube und Facebook Videos, die erklären, warum der Lockdown eine große Hysterie sei, die Maßnahmen übertrieben wären und das Virus generell eine Erfindung von Bill Gates sei. So entstehen Blasen und gefährliche Subkulturen.

Verschwörungserzählungen sind aber nicht neu. Wahrscheinlich sind sie so alt wie die Menschheit selbst, wenn wir an uralte Beispiele wie Verschwörungstheorien um die Herkunft der Pest denken. Meistens entstehen sie in Krisenzeiten (zum Beispiel zu Nine Eleven oder etwa der Pest), wie es die Sozialpsychologin Pia Lamberty der Johannes Gutenberg-Uni Mainz ausdrückt:

Menschen fühlen sich in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Umbrüche mitunter unsicher und machtlos. Verschwörungserzählungen sprechen genau diese Gefühle an: Die Verschwörungserzählung strukturiert die Welt. Es gibt die bösen Verschwörer und die, die scheinbar die Wahrheit sehen; die Welt wird begreifbarer.

Obwohl Verschwörungserzählungen also wahrscheinlich ein zutiefst menschliches Problem sind, denken wir, dass sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter schwächen. Diese Spaltung führt dazu, dass Fortschritte kaum noch möglich sind, die wir in einer zukünftigen, nachhaltigen Welt allerdings dringend bräuchten. Wenn wir zum Beispiel nicht einmal einen Konsens über die unumkehrbaren Folgen unseres Konsums auf die Umwelt haben, wird es uns kaum möglich sein, in nachhaltige Konzepte wie Cradle to Cradle zu investieren.

Wenn wir Spaltung verhindern wollen, geht dabei aber keinesfalls darum, Diversität zu verbieten. Meinungsvielfalt und Individualität sind ein Muss in einer Demokratie. Mit unserem Projekt möchten wir aber den Austausch zwischen verschiedenen Menschen fördern, sodass Blasen frühzeitig platzen und sich radikale Tendenzen präventiv verhindern lassen.

Der Politikwissenschaftler Peter Wildmann sagt, dass man Rechtspopulisten zuhören, ihre Erfahrungen ernst nehmen müsse. Nur so könnte man ihnen entgegentreten. Wir schaffen also einen Ort, an dem Menschen ihre Erfahrungen austauschen können, an dem jeder gehört und niemand einfach übersehen wird.

Ideenfindungsphase

Wir hatten vier grundsätzliche Ideen:

  1. Kulturzentren als kultureller Standpunkt, Treffpunkt für Menschen einer Gemeinde aus allen Altersgruppen; Kulturveranstaltungen, politische Debatten, Meinungsaustausch, Spieleabende, etc.
  2. Verschwörungserzählungen plakativ als Bahnwerbung, um auf das Problem aufmerksam zu machen
  3. Internetplattform, auf der zu verschiedenen Themen Meinungen aus allen politischen Richtungen gesammelt und gleichwertig behandelt werden
  4. Bus, der durch eine Stadt fährt und zu politischen Diskussionen zu einem bestimmten Thema einlädt

Letztendlich haben wir uns für letzteres entschieden und dafür ein Konzept entwickelt.

(Präsentation zur Ideenfindung auf OneDrive)

Das Projekt

Abgeholt! Der Dialogbus ist ein Bus, der durch Berlin fährt und Menschen verschiedener Herkunft aus unterschiedlichen Kulturen und Altersgruppen zusammenführt. Es wird über gesellschaftlich relevante Themen diskutiert. Der Bus hat das Ziel, die Blasen der Teilnehmer*Innen platzen zu lassen und ihnen die Möglichkeit zu geben, neue Menschen aus anderen Milieus kennenzulernen.

In dem Bus sitzen sich die teilnehmenden Menschen gegenüber. Es ist auch geplant, dass an jeder Tour wenige, ausgewählte Expert*Innen aus den jeweiligen Fachbereichen teilnehmen. Das Event soll aber nicht der Information dienen, sondern dem Meinungsaustausch. Es geht nicht darum, von Expert*Innen aufgeklärt zu werden, sondern in den Dialog zu treten. Darum ist jeder, wirklich jeder, der kein extremistisches Gedankengut verbreiten möchte, eingeladen.

Konzept

Der Bus fährt in einem Monat (August) als zunächst einmaliges Event durch Berlin. An den vier Sonntagen des Monats fährt er jeweils vier Mal eine bestimmte Route. Eine Runde dauert dabei in etwa zwei Stunden.

An jedem Sonntag hat der Bus ein anderes Leitthema. Die Themen sind aktuell und der derzeitigen Situation angepasst. Es sind Themen, die in der Gesellschaft besonders polarisieren und zu denen es unterschiedliche Meinungen gibt. (Die genannten sind nur beispielhaft.)

Die Routen sind so gewählt, dass sie besonders viele Menschen abholen und möglichst gut zu den gewählten Themen passen. Zum Beispiel soll der Bus bei der Frage, ob die Polizei reformiert werden muss, durch den Problembezirk Neukölln fahren.

Berührungspunkte mit dem Bus sind nicht nur die plakative Werbung auf dem Bus selbst. Monate vor dem Event sollen Plakate aufgehängt und Werbung in Zeitungen sowie in sozialen Medien geschalten werden. Es gibt dementsprechend auch eine Landingpage. Ziel ist es, möglichst viele verschiedene Menschen zu erreichen und die Teilnahmebarriere so gering wie es geht zu halten.

Die Plakate sind so gestaltet, dass Menschen aus jeder Lebenslage mit kurzgefassten Meinungen dargestellt werden. Damit soll einerseits Intersse geweckt werden, weil die Meinungen beim Betrachter einen Eindruck hinterlassen könnten. Zudem soll klar kommuniziert werden, dass das Event nicht nur für Politiker*Innen zugänglich ist, sondern auch Menschen, die nicht fest im Stoff stehen.

Eine weitere Werbeaktion wird ein Video sein, das sowohl in sozialen Netzen wie auch im Fernsehen oder dem Radio abgespielt wird. Dazu später unter dem Punkt Standbus im Szenario mehr.

Persönliche Hausbesuche, um Menschen zum Projekt zu mobilisieren, wären auch möglich.

Finanzierung

Um das Projekt für wirklich jeden zugänglich zu machen, müsste es vollkommen durch gemeinnützige Projekte und staatlich finanziert werden. Wir könnten uns es auch vorstellen, mit anderen gemeinnützigen Projekten zusammenzuarbeiten.

Szenario

Als Beispiel ein Szenario: Am Sonntag, dem 9. August, hat der Bus das Leitthema Muss die Polizei reformiert werden?

Die Personas Helmut und Omar werden auf das Projekt aufmerksam. Helmut entdeckt die Plakate auf einem Busbahnhof, ist sofort interessiert. Er fühlt sich von seiner Zeit abgehängt und unverstanden. Omar ist Student, er kommt aus Marokko und wurde aufgrund seines Aussehens schon oft diskriminiert. Er wird auch übermäßig oft kontrolliert und möchte seine Erfahrungen austauschen.

Anmeldung

Omar meldet sich wenige Wochen vor dem Event auf der Internetseite an. Helmut, der keinen Computer hat, ruft die Telefonnummer an, die er auf dem Plakat gelesen hat und bekommt einen Brief zur Anmeldung zugesandt.

Beide müssen zur Anmeldung ihren Namen, ihre Adresse und weitere persönliche Daten hinterlassen. Das Event ist nämlich, anders als das Internet, kein anonymer Raum. Die Teilnehmer*Innen tragen für ihre ausgesprochenen Meinungen Verantwortung.

Natürlich sollen alle Teilnehmer*Innen auch angeben, welche Sprachen sie sprechen. So wird am Ende niemand einer Person gegenübersitzen, mit der er nicht kommunizieren kann.

Zusätzlich können beide, wenn sie möchten, einige politische Fragen zum Thema beantworten. Das ist freiwillig und soll dazu dienen, die Sitzplätze möglichst divers zu verteilen. Eine Frage könnte sein, ob man denkt, dass die Polizei Racial Profiling anwendet.

Ticket und Infomaterial

Nach der Anmeldung erhalten Helmut und Omar (per Mail oder Brief, wie gewünscht) ein Ticket mit ihrer Tischnummer. Außerdem wird ein kleines Heft mit kurzgefassten Informationen, verschiedenen Meinungen und Auszügen aus Magazinen zum Thema mitgeliefert. Dieses Infomaterial ist mitunter zentrales Element des Events. Dadurch soll sichergestellt werden, dass alle Teilnehmer*Innen auf einem ähnlichen Wissensstand sind, weshalb das Heft zugänglich gestaltet ist und sich in kurzer Zeit durchlesen lässt.

Der Bus hat einen festen Startpunkt an einem Ort in Berlin. Darüber werden alle Teilnehmer*Innen zuvor informiert. Dort hält der Bus eine halbe Stunde.

Aufgebaut sind ein kostenfreies Buffet und mehrere Zelte, sodass sich auch Menschen ohne Ticket darüber informieren können und angeleitet werden.

Platzzuweisung

Mit dem zugesandtem Ticket bekommt Helmut von einem Moderator einen Platz zugewiesen. Dieser Platz ist vorbestimmt. Pro Tisch sind immer zusätzlich freie Plätze, sodass man sich auch umsetzen und dazusetzen kann.

Als Helmut in den Bus einsteigt, bekommt er ein Regelblatt gereicht. Dort steht unter anderem, dass andere Teilnehmer*Innen auch andere Meinungen haben können, man deshalb aber trotzdem jederzeit die Fassung bewahren muss. Verfassungsfeindliche Äußerungen sind beispielsweise auch nicht gestattet.

Zwischenstationen

Der Bus hält für diese Route an mehreren Stationen in Neukölln, Friedrichshain-Kreuzberg, Marzahn-Hellersdorf und in Treptow-Köpenick. Man kann auch dort jederzeit mit einem Ticket zu- oder aussteigen. Omar steigt ebenfalls erst später ein, was er bei der Anmeldung schon angegeben hat.

Dialog

Nun findet der eigentliche Dialog statt. Der Sitzplatz ist gemütlich und hat einen Tisch, die Gesprächspartner sitzen sich gegenüber. Durch das Info-Material, das auf dem Tisch liegt, gibt es eine Anregung zum Gespräch. Omar spricht von seiner Erfahrung mit der Polizei, die er als negativ aufwertet. Helmut hingegen erklärt, dass er nie ein Problem hatte und denkt, man müsse der Polizei mehr Anerkennung zukommen lassen. Beide tauschen ihre Argumente aus.

Interaktion

Omar möchte nach einiger Zeit mit einem anderen Partner sprechen, also drückt er den großen Knopf auf dem Tisch. Der Moderator kommt und weist ihm einen neuen Platz zu. Er entscheidet aber nicht selbst, wohin Omar gesetzt wird; er trägt das in ein Interface auf seinem iPad ein, woraufhin das Gerät Omar einen neuen Platz zuweist. Das soll der Blasenbildung entgegenwirken. Sollte ein Notfall bestehen, wenn zum Beispiel jemand in der Diskussion ausfällig wird und mit Drohungen um sich wirft, kann ebenfalls der Knopf gedrückt werden. Für den Fall ist Sicherheitspersonal im Bus vorhanden.

Standbus-Event

Am Startpunkt des Busses würde an den jeweiligen Sonntagen nicht nur der Dialog-Bus mit Zelten und Buffet stehen, sondern auch kleinere Installationen und ein „Standbus“. Dieser würde als Ergänzung zum Event fungieren, wenn der Dialogbus unterwegs ist. Menschen aus der Gegend, die sich nicht für den Bus angemeldet haben oder keinen Platz bekommen haben, können so immer noch dem Event beiwohnen. Andere erfahren von dem Projekt vielleicht zum ersten Mal. 

Als feste Installation soll es neben dem Essen, den Möglichkeiten zum Sitzen sowie den Informationsquellen auch noch den besagten Standbus geben, in dem per Beamer ein Video abgespielt wird. Dieses Video porträtiert verschiedene Menschen, die durcheinander und ungefiltert Meinungen und Statements zu dem jeweiligen Thema der Woche aussprechen. Abwechselnd werden dann Stück für Stück eine Person und eine Stimme in den Fokus genommen, so dass man dann nur diese eine Stimme hört (siehe zweite Grafik). Diese Statements sollen vorher gesammelt und von Schauspieler*Innen oder Freiwilligen eingesprochen werden. Das Video im Bus dient als Kunstaktion, soll aber auch als zusätzliche Werbemaßnahme dienen. Es könnte weitere Menschen, die zufällig daran vorbeilaufen, animieren, sich in der nächsten Woche vielleicht anzumelden.

Dazugehörend ist eine weitere Idee, vor dem Bus auf mehreren Schildern einige der vorher aufgenommenen Personen und die jeweilige Meinung aus dem Video abzubilden. Dort befindet sich dann auch ein Knopf zur Abstimmung, den man drücken kann, wenn man dieser Meinung zustimmt. Danach sieht man, wie andere abgestimmt haben. Dieses kleine partizipative Element soll zum Nachdenken anregen, als Vorbereitung und Werbung für das Hauptevent dienen. Es soll den Partizipant*Innen auch zeigen, dass ein einfacher Knopfdruck schon demokratisches Engagement bedeuten kann.

Bild für die Klimaschau

Reflexion

Wir denken, dass besonders in deutschen Großstädten mehr Begegnungsräume geschaffen werden sollten. Es gibt zwar Kulturzentren und ähnliche Projekte, diese sprechen aber meistens nur bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Milieus ein. So kommt es trotzdem weiterhin zu Isolation, Einsamkeit und Spaltung. Es ist schwierig, diese Blasen zu verhindern und den Großteil der Gesellschaft abzuholen. Radikalisierung und extremistische Gruppenbildung, die häufig in solchen isolierten Räumen entstehen, sind eine Gefahr für die Gesellschaft.

In dem Projekt haben wir uns explizit dafür entschieden, keine technischen Prozesse zu gestalten (was sicherlich auch sehr interessant gewesen wäre). Wir denken, es erfordert unter anderem gesellschaftlichen Wandel, um überhaupt weiterhin Fortschritte machen zu können.

Unser Bus wird die Gesellschaft sicherlich nicht retten, aber er könnte eines von vielen Projekten sein, das Menschen verbindet. Er könnte ein Ort sein, an dem sich Menschen allen Alters, aller Kulturen und Herkünfte, außerhalb ihres Milieus über ihre Probleme austauschen können. Das Event wäre vielleicht auch ein Vorbild für weitere.

Für uns war das Projekt sehr ergiebig. Gerade die Gruppenarbeit zu dritt funktionierte gut und ermöglichte viele unterschiedliche Eindrücke. Auch das Feedback durch den Kurs half uns, kontinuierlich jede Woche große Fortschritte zu machen.

Würden wir das Ganze noch einmal wiederholen oder hätten noch einige Wochen mehr Zeit, würde ich einmal versuchen, einen Bus zu leihen und das Projekt in kleinerer Form durchzuspielen. Recherche betreiben, was dabei passiert und wie sich Menschen explizit verhalten.

Auch in das theoretische Konzept, dass wirklich jeder daran teilnimmt, müssten wir noch viel Zeit und Mühe stecken. Unsere Ideen sind ein guter Ausgangspunkt. Wir müssten aber auch direkt auf Menschen zugehen und sie ganz persönlich abholen, lernen, was sie sich von dem Projekt erhoffen würden.

Besonders Prozesse wie die Anmeldung und Befragung nach politischer Befindlichkeit müssen so gestaltet werden, dass sie auch jeder versteht und niemand unbeabsichtigt abgeschreckt wird. Ob unser Konzept dahingehend funktioniert, erfordert Testrunden mit Probanden.

Datenschutzbelange sind natürlich auch enorm wichtig. Teilnehmer*Innen geben bei der Anmeldung personenbezogene Daten an. Solche Fragen müssen sensibel behandelt werden. Unsere Idee war es, gesammelte Daten ausschließlich elektronisch auszuwerten, was aber technisch sehr aufwändig wäre. Ob das finanziell umsetzbar ist (ebenso die Interaktionsmöglichkeit mit dem Knopf auf dem Tisch), müsste überprüft werden. Auf die Daten ganz zu verzichten, fänden wir aber falsch. Der Bus soll schließlich kein anonymer Raum sein.

Zusammenfassend gibt es natürlich noch etliche Fragen zu klären, viele weitere werden sich wahrscheinlich bei Testläufen erst ergeben. Nächster Schritt wäre es also, die Theorie ins Praktische umzusetzen.

(Abschlusspräsentation auf OneDrive) (Quellen)

Fachgruppe

Gestaltungsgrundlagen

Betreuung

Prof. Myriel Milicevic

Zugehöriger Workspace

Slow Planet

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2020

Keywords