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Experimentelle Typografie

Das internationale Künstlerkollektiv Apparatjik sowie die aus Mexiko stammende Künstlerin Laura Anderson Barbata arbeiten zur Zeit an
einer Oper über die Geschichte von Julia Pastrana. In einer umfangreichen Online-Recherche sammelten wir alte Zeitungsartikel über die
Lebensgeschichte von Julia aus den Jahren von 1850 bis heute.
Wir untersuchten Grundlagen, Geschichte und bestehende experimentelle Typografie.
In selbst organisierten Workshops experimentierten wir mit von uns
entwickelten Methoden mit den Inhalten der gesammelten Texte. Für ein Semester wurden wir Teil von Apparatjik und unterstützten mit einer begleitenden typografischen Ausstellung den Auftritt in Szczecin.

 

Das Raster als experimentelle Methode

Das Raster ist ein, aus einer bestimmten Anzahl von vorgegebenen
Kategorien bestehendes System, in das Objekte eingeordnet werden
können. Aber sie können nicht nur geordnet werden; wie Bücher in ein
Regal; sie können auch aus einem Raster herausfallen; wie jemand,
der gegen das Gesetz verstößt. In beiden Fällen bestimmt das Raster
den Rahmen und setzt den Grundton.
Wir sind täglich von ordnenden Systemen umgeben, es ist also nur allzu menschlich, wenn wir den Ausbruch aus ihnen herbeisehnen.

Das Raster nicht als ordnendes Regal sondern als experimentelle
Methode zu betrachten eröffnet uns Möglichkeiten der Neuordnung,
Umordnung, Unordnung. Einfache aber radikale Raster erlauben es uns
neue Formen zu entwickeln, die nicht dem Zufall entspringen, ihn aber
immer wieder provozieren. Es ist unser Ziel, die Regeln so eng zu
stecken, dass wir gezwungen sind sie ständig brechen. Diese Methode
ist ein Versuch, das Raster neu zu verstehen, es zu entdecken, zu nutzen, zu verstecken und Unordnung zu stiften.

 

Methode: Verschieben

1 Die Buchstaben J und P werden vervielfacht und horizontal aus der
Mitte verschoben. Dabei bekommen die Buchstaben abwechseln zwei verschiedene Farben und die entgegengesetzt farbige Kontur.

2 Die einzelnen Buchstaben dreier Wörter werden vervielfacht und
vertikal verschoben.

 

3 Der Buchstabe J wird vervielfacht und horizontal verschoben.
Das Ergebnis wird verbildlicht.
4 Der Buchstabe J wird einer Kontur versehen, vervielfacht und horizontal und vertikal verschoben.

 

Methode: Umordnen

1 Die Wörter eines Satzes werden nach ihrer Länge sortiert.
2 Die nach der Länge sortierten Wörter werden im Blocksatz angeordnet.

„Sie jubelt, wenn die Menschenmassen im Zirkus ihr besondere Beachtung schenkt, und weint bitterlich, wenn man ihrem Anblick ausweicht.“

3 Die Buchstaben und Zeichen eines Satzes werden gezählt und
nach Alphabet sortiert. (von Johanna Frase)

The famous Julia Pastrana is described as perfectly smooth compared with the new claimant to celebrity, whose hairy covering extends' from head to foot, even the forehead – which in similar cases is said to have been invariably found bare – being entirely overgrown.

 

Methode: Regeln festlegen

1 Jedes Wort steht in einem einzelnen Textfeld. Das Textfeld hat folgende quadratische Größe: Anzahl der Buchstaben in Millimeter.          Das Textfeld hat eine innenliegende Kontur mit der Stärke: Anzahl der Buchstaben. Die Textfelder können beliebig gefärbt und angeordnet werden.

Julia's story had something of a happy ending.

 

2 Die Umlaute a, e, i, o und u werden um 90 Grad weiter gedreht als der vorherige Umlaut.
3 Jeder Buchstabe wird um 90 Grad weiter gedreht als der vorherige Buchstabe.

Wir können aufrichtig gestehen, die kühnsten Erwartungen wurden weit übertroffen.

 

4 Der Entwurf wir in 26 Zeilen (a bis z) mit quadratischen Textfeldern aufgeteilt. Ein Satz wird entsprechend der vorgegebenen Buchstabenposition von links nach rechts eingeordnet. Dabei bekommt jeder Buchstabe ein einzelnes quadratisches Textfeld. Leerzeichen werden mit einem schwarzen Feld markiert.

Haarmenschen treten nur sehr vereinzelt auf.

 

Methode: Aufeinandertreffen

Das vorher beschriebene Buchstabenraster (hier z bis a) wird nun umgestellt von Zeilen auf Spalten. Ein Text wird an den entsprechenden Positionen nun von oben nach unten eingeordnet. Leerzeichen werden mit einem leeren Kästchen markiert.
In ein Zahlenraster (0 bis 10) wird ein Datum nach vorgegebenem Raster von oben nach unten eingetragen. Das Zahlenraster wird um 90° nach links gedreht und mit dem Buchstabenraster überlagert.

„Miss Julia Pastrana 15.12.1857“

 

Methode: Gefundene Raster

Zufällig gefundene Raster/Linien/Formen werden fotografiert. Die Fotos werden im Hintergrund abgelegt und dienen als Vorgabe für die Gestaltung des Textes.

Ein ganz vortreffliches, im Zustande der Verschleierung selbst liebenswürdiges Geschöpf.

 

Weitere entstandene Arbeiten

 

Ergebnisse aus dem Workshop "Raster"

mit den Methoden Gefundene Raster und Umordnen von Johanna
Frase, Theresa Schlipf, Maximiliane Wittek und Jakob Werner

 

RISO-Zeitung mit alten Zeitungsartikeln

Zum Ende des Kurses beschäftigten wir uns mit der Zusammenstellung und Organisation der Ausstellung als Plakatwand. Außerdem widmete ich mich in Absprache mit dem Kurs der Gestaltung einer Zeitung. Darin layoutete ich verschiedene Ausschnitte aus recherchierten Zeitungsartikeln und produzierte anschließend 100 Stück in der FH mit dem Risographen.

 

Impressionen von der Ausstellung in der Philharmonia Szcecin

 

Kursfazit

Diesem Kurs widmete ich in meinem 6. Semester meine volle Aufmerksamkeit. Es gefiel mir, mich bei der Recherche in die Vergangenheit zu vertiefen und das Leben einer von der Gesellschaft verspotteten Frau nachzuvollziehen. Dabei erkannte ich auch das Potential des Zugangs zu alten eingescannten Zeitungsartikeln in Online-Archiven.
Im Anschluss ließ ich mich voll und ganz auf den freien und experimentellen Umgang mit Typografie ein. So passierte es häufig, dass ich einen ganzen Tag lang nur Entwürfe für diesen Kurs machte. Im Laufe eines Semesters entstand eine Sammlung von ca. 170 Entwürfen, die nicht nur eine wertvolle Quelle für die Ausstellung boten, sondern aus denen man meine Entwicklung umfangreich ablesen kann.
Ein sehr großer Gewinn für diesen Kurs waren die von uns Studierenden angeleiteten Workshops zu den verschiedenen Themen. Der Austausch und die gemeinsame Zusammenarbeit war sehr inspirierend und fehlte mir meistens beim alleinigen Arbeiten.
Abschließend möchte ich festhalten, dass es sich für mich sehr gelohnt hat, so viel Energie und Zeit in diesen Kurs zu investieren. Sowohl meine persönliche Entwicklung, als auch die Teilhabe an diesem realen Projekt mit der erfolgreichen Ausstellung in Stettin, haben mich stark beeinflusst.

Ein Projekt von

Fachgruppe

Kommunikationsdesign

Art des Projekts

Studienarbeit im Hauptstudium

Betreuung

Prof. Sven Völker

Zugehöriger Workspace

The Story of Julia Pastrana (with Apparatjik) & Y (A Book About) Strategies In Experimental Typography

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2018

Keywords

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