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NOI SEIN – Ein interaktives Kinderbuch

NOI SEIN – Ein interaktives Kinderbuch

„NOI SEIN“ ist ein interaktives Buchkonzept für Kinder, um spielerisch empathische Fähigkeiten auszubauen und sich mit dem Thema Identitäten und Integration auseinanderzusetzen.

DIE GESCHICHTE

WIE ES FUNKTIONIERT

1. Zeichne auf deine Finger

Die Tabelle kann dir helfen, schnell ein Gesicht zu finden, das du zeichnen möchtest.

2. Such dir eine Seite im Buch aus und führe deinen Finger durch den Schlitz auf der Rückseite

3. Hilf NOI zu verstehen, was vor sich geht und interpretiere die Situation

DIE AUFGABENSTELLUNG

Die Herausforderung des Kurses bestand darin, ein interaktives Museumsstück für Kinder zu kreieren, bei dem sie sich mit den Themen Kolonialismus, Identitäten und Rassismus auseinandersetzen können. Bei der Umsetzung stand uns jedoch frei, ob wir uns für eines oder mehrere Themen entscheiden. Neben der Professorin Myriel Milicevic stand uns Ute Marxreiter, Verantwortliche für die Vermittlung und Juniorflächen im Ethnologischen Museum, inhaltlich und konzeptionell bei.

DAS INHALTLICHE KONZEPT

Nach dem Besuch des Bilderbuchladens Mundo Azul und der Sonderausstellung des Hygienemuseums „RASSISMUS – Die Erfindung von Menschenrassen“ wurde uns schnell klar, wie groß das Thema Rassismus ist und dass das Verlagswesen in Deutschland bisher nur mit Versionen von Kinderbüchern reagiert hat, die nur einen klaren erzieherischen Auftrag haben: „den/die Ausländer/in“ oder „den/die Geflüchtete/n“ plump erklären. Ganz nach dem Motto: „Das ist ein Ausländer. Behandle ihn freundlich und versuche, ihn zu integrieren.“ In Fachkreisen spricht man vom „Othering“ und bezeichnet die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt (Eigengruppe), von anderen Gruppen. Um auch dieser Hürde aus dem Weg zu gehen, schufen wir „NOI“. Eine fiktive und generische Person, die sich in einem ihm noch unbekannten Gebiet befindet. Die Hintergrundgeschichte ist hierbei egal, denn ob Immigrant oder Tourist, beide verbindet, dass sie neu an einem Ort sind. Die Thematik wird also anders beleuchtet und lädt mehr Menschen zur Identifikation ein. Um die Thematik des Neuseins zu verstärken, gaben wir dem Helden den Namen „NIU“, was ein Wortspiel mit dem englischen Wort „new“ ist. Für die deutsche Fassung haben wir es in „NOI“ geändert, was dem deutschen Wort „neu“ phonetisch ähnelt.

Des Weiteren hat der Protagonist der Geschichte das Problem, dass er die Sprache des Ortes nicht versteht und somit die Hilfe des Lesers benötigt. So wird man spielerisch dazu eingeladen, die Sichtweise von NOI einzunehmen: Denn NOI ist nur in der Lage, die Situation mit Hilfe der Gesichter der anderen und dem Kontext der Situation einzuschätzen. Anders als in der Realität, kann der Nutzer die Situation mit der Wahl seiner gezeichneten Gesichter beeinflussen und somit seine empathischen Fähigkeiten austesten und ohne Konsequenzen üben.

Bei der Erstellung der illustrierten Szenen haben wir gelernt, dass ein polarisierendes Kernereignis von Vorteil ist. Es hilft, die Interaktion der Nebenfiguren zu erklären und vervielfacht die Möglichkeiten der Geschichten durch die Gesichter. Auch hat es die Platzierung von humoristischen Details vereinfacht und den Szenen einen roten Faden gegeben.

DAS DESIGN

Beim Design wurde darauf geachtet, die Grundfarben in einer möglichst reinen Form zu verwenden, um den Gewohnheiten von Kindern gerechter zu werden und dadurch anziehender für diese zu wirken.

Bei dem Stil der Charaktere haben wir sehr stark auf die Gewohnheiten der Kinder geachtet, die durch die Benutzung der neuen Medien viele vektorisierte und geometrische Formen gewohnt sind. Außerdem galt es, einen Stil zu finden, den alle Gruppenmitglieder mit verschiedenen illustrativen Fertigkeiten und Adobe Illustrator-Grundkenntnissen umsetzen können. Als große Inspirationsquelle für die Nebenfiguren diente das Musikvideo zu „Dumb Ways To Die“. Auch haben wir darauf geachtet, dass die jeweilige Körperform der Nebenfiguren logisch zu den Formen der dazukommenden Fingerkuppen passen.

NOI basiert auf einem Kreis, welcher die Form mit der höchsten Annehmbarkeit ist und durch die Omnipräsenz in der Natur eine starke Vertrautheit ausstrahlt. Zudem befindet sich diese Form ohne Ecken optisch in ständiger Bewegung, was zusätzlich zu NOI passt, der auf dem Weg ist, die Welt um sich zu erkunden. Der Stock und Hut sind hierbei eine starke Anspielung auf das Kinderlied „Hänschen Klein“ und werden von Kindern früh schon als Symbolik für Reisen und Offenheit dem Unbekannten gegenüber gelehrt. Um zu untermalen, dass er die Sprache nicht spricht und damit noch mehr von der Beobachtung der Situation abhängig ist, gaben wir ihm nur ein großes Auge und eine Augenbraue, mit denen er in der Lage ist, verschiedene Gefühlsausdrücke zu äußern. Die schwarze Farbe von NOI ist nicht aus politischen Gründen gewählt, sondern aus der Logik heraus, den Protagonisten schnell finden zu können, da er mit der schwarzen Farbe im großen Hell-Dunkel-Kontrast durch die Szenen schreitet. So wird der Protagonist auf den ersten Blick mitunter als erstes gesehen. Wer trotzdem eine ethnologische Sicht auf NOI anwenden möchte, wird durch den Stock und den Hut zumindest darauf aufmerksam, dass er wohl die kultivierteste Rolle im Buch einnimmt.

PROTOTYPING

Zum Testen unserer Konzepte wurden wir mit unseren Prototypen in eine Grundschule in Mitte eingeladen. Dort bauten sieben Gruppen sieben verschiedene Stationen für die Kinder zum Testen auf. Während des Testings waren wir dann in der Lage, die Kinder bei der Nutzung zu beobachten und Fragen zu stellen.

Wir fingen mit einer leichten Aufwärmübung an, bei der die Kinder einen Bogen mit vielen verschiedenen Gesichtsausdrücken erhielten. Auf dem Bogen galt es dann, seine Lieblingsgesichter abzuzeichnen oder welche zu ergänzen, die es vielleicht noch nicht gab. Im nächsten Schritt durften die Kinder dann die bereits eingeübten Gesichter auf ihre Finger zeichnen. Anschließend haben wir nach Zufallsprinzip eine der zwei vorbereiteten Szenen durchgespielt und besprochen, was wir sehen.

Kann ich der Pinke sein?

Durch die sehr schnell erzeugten Geschichten fingen die Kinder rasch an zu testen, was es für die Szene bedeutet, die Gesichtsausdrücke durchzutauschen. Die witzigsten Gesichter waren hier die von den Kindern meist präferierten. Schnell zeigten sich die Kinder gegenseitig ihre eben bemalten Finger, was ein Indikator für eine große Begeisterung für die Aufgabe und die Kollaboration untereinander war. Ohne Ausnahme fingen die Kinder direkt an zu erklären, was sie dort sahen, was die Figuren wohl sagten, dachten oder auch fühlten. Dass so viele Ebenen der Empathie zum Vorschein kamen, war auch für uns überraschend. Sie schienen meist so unterhalten und motiviert, dass sie es kaum abwarten konnten, die Resultate zu sehen. Auch interessant war, dass sie schnell zu der Figur mit dem höchsten Aktionspotenzial, wie der Person, die ihr Eis hat fallen lassen, tendierten.

DAS MUSEUMSSTÜCK

Fürs Museum entstand also das Konzept der Displayversion des Buches, bei dem der Besucher durch die einzelnen Prozesse des Museumsstückes geführt wird.

Hierbei hat der/die Museumsbesucher/in auch die Chance, seine/ihre ganz eigene Geschichte am Ende als Tagebucheintrag von NOI in einem Videoformat zu sehen. Dieses Video kann dann entweder in den sozialen Netzwerken geteilt werden und/oder man verewigt sich damit im Archiv, in dem man auch durch die anderen Beiträge stöbern kann.

Dieses Schaubild zeigt die Vorgehensweise des interaktiven Museumsstückes von der Einladung zum Spiel, der Spieleschleife, dem Videozusammenschnitt, bis hin zur Verbreitung in den sozialen Medien und dem Stöbern im Archiv des Museums.

IN DER ZUKUNFT

Durch den sehr hohen Anklang bei Freunden, Verwandten, Kollegen, Sozialarbeitern, (Nachhilfe-)Lehrern, Eltern und vielen weiteren Menschen werden wir das Buchkonzept definitiv weiterverfolgen und es verfeinern, sodass am Ende ein richtiges Buch herauskommt.

Im Gespräch mit Sozialarbeiter hat sich herausgestellt, dass das Konzept sehr gut für die Verhaltensforschung oder das Testen der empathischen Fertigkeiten eingesetzt werden kann.

Im Sektor der Bildung hat mich eine Nachhilfelehrerin darauf hingewiesen, dass man damit sehr gut und schnell Situationen oder Geschichten erzeugen könnte, um kreatives Schreiben zu üben.

Hier dann noch einmal alle vorhandenen Buchseiten für alle, die es geschafft haben, bis hierhin durchzulesen:

FAZIT

David:

In meiner Vergangenheit hatte ich durch mein Aussehen, meinen Nachnamen und die Herkunft meiner Familie öfter schon mit negativem, falsch adressiertem und auch positivem Rassismus zu tun. Da ich die zweite Generation meiner aus Spanien stammenden Familie bin, fußt meine Identität nicht auf Staaten und Nationalitäten. Der Kurs und die Aufarbeitung der Themen wie Rassismus, Integration, Kolonialismus und Identitäten waren nicht nur für mein Projekt von großem Vorteil, sondern haben mir auch die Möglichkeit gegeben, viele meiner persönlichen Erfahrungen einzuordnen und viele Wechselwirkungen besser zu verstehen.

Iole:

The course of ID PlayStation gave us the chance to learn how to get into a project and how important is the process behind it.

We were guided through a path that was strictly related to the users, in our case: kids.

By doing the cultural probes, by visiting the museum, the library and by doing the user test, we focused on the attitude and the approach that children have, their way of interpretating and facing up things, which are different from the adults’ world.

The aim was that of involving them, as much as possible, by experimenting and playing in an educational way.

EXPERIENCE and EMPATHY have been our keywords, trying to let the children take fully part of a story, where they are the main characters and they interact to each other (or to themselves) through the illustrations, but most important through their own reactions (=feelings).

But before that, at the top of our final result, there is our experience, our contact with kids, our surveys into their world, that made it possible to understand and to find a connection between them and our choices.

Fachgruppe

Gestaltungsgrundlagen

Art des Projekts

Studienarbeit im Grundstudium

Betreuung

Prof. Myriel Milicevic Ute Marxreiter

Zugehöriger Workspace

id play station

Entstehungszeitraum

Sommersemester 2018