Einleitung

Jetzt, wo wir am Ende des Projekts stehen und einen fertigen Film auf unsere Festplatten exportiert haben, fällt es schwer, sich daran zurückzuerinnern, wie die Idee dafür eigentlich entstanden ist. Was wir aber festhalten können ist, dass uns eher unsere Intuition zu diesem Vorhaben geführt hat, als ein ausgereifter Ideenfindungsprozess. Die Geschichten, die ein gemeinsamer Freund uns regelmäßig über seine Oma erzählte, haben in uns die Vision entstehen lassen, einen Einblick in das Leben dieser besagten Oma zu wagen und zu versuchen, ihre Erfahrungen, Gedanken und Eigenarten abzubilden. Und so haben wir uns auf eine Reise begeben, die uns von Berlin nach Galizien und in das bewegte Leben der María Lado Liñares geführt hat und aus der nun ein Film entstanden ist, der versucht, einen lebendigen Eindruck ihrer Person zu vermitteln.

Vorbereiten und Aufbrechen

Begonnen haben wir mit nicht viel mehr als dem Wunsch und Interesse, María kennenzulernen sowie der Bereitschaft, uns voll uns ganz auf ihr Leben einzulassen. Aus Erzählungen schien sie uns eine lebendige Protagonistin zu sein und auf dem Papier erzählt ihr Leben von vielen Umbrüchen: Eine schwere Kindheit als uneheliches Kind in den 1940er Jahren im wirtschaftlich schwachen Galizien, Emigration nach Deutschland als Ausweg aus diesen Verhältnissen und um als sogenannte Gastarbeiterin in NRW ein neues Leben anzufangen, eine turbulente Ehe und nach 35 Jahren die Rückkehr nach Galizien und das Wiedereinfinden in eine vertraute und doch fremd gewordene Umgebung. Und nun stand ihr 80. Geburtstag an und da wollten wir dabei sein.

Als wir im Oktober 2025 zu María nach Arteixo aufbrechen, haben wir neben Kamera- und Tonequipment (auf Empfehlung von Jan Schütze: Canon EOS R6, Zoom H5, DJI Funkmikros) vor allem viele Fragen dabei: Fragen zu ihrem Aufwachsen, zu der Zeit in Deutschland, zu ihrer Identität, ihrem Frausein, zum Altwerden, zu ihrem Alltag, ihren Ängsten, Wünschen und Träumen. Wir wissen nicht, ob wir Antworten darauf finden werden und nehmen an, dass sich auf dem Weg noch weitere Fragen eröffnen werden. Als Vorbereitung haben wir uns zwar mit der Geschichte der Gastarbeiter*innen in der BRD und dem Ort Galizien beschäftigt, wollen jedoch bewusst offen bleiben und möglichst unvoreingenommen auf María treffen.

Ankommen und Eintauchen

Außer uns beiden sind anlässlich des 80. Geburtstages auch Marías Enkel*innen Nico und Hélena sowie weitere Familienmitglieder angereist.

Mit dem ersten Betreten von Marías Wohnung werden wir in ihr Leben und ihre Gedanken eingesogen und erleben alles mit – live und auf Kamera: Wir gehen einkaufen, kochen stundenlang, Essen jede Menge, planen weiteres Essen, kaufen dafür ein und essen wieder, wir erleben María in Interaktion mit dem Verkäufer an der Fischtheke, der Bäckerin, dem Obstverkäufer, der Friseurin, den Nachbar*innen und mit ihren Enkel*innen, wir machen Ausflüge, probieren Geburtstagsoutfits an, hören uns Geschichten über Gott und die Welt an, lachen, weinen und ärgern uns zusammen. Ganz selten erwischen wir María in einem ruhigen Moment, wenn sie gerade Ordnung in ihre Küche bringt oder ihre Nägel macht.

Dabei lässt sich unsere Position hinter der Kamera kaum von unserer Rolle als Gästinnen und Teil der Familiendynamik trennen. Wir begleiten nicht nur Marías Alltag, sondern sind aktiv darin involviert. So müssen wir parallel zu den jeweiligen Situationen oder Interaktion darüber nachdenken, welche Bilder wir dabei einfangen, welchen Ton wir aufnehmen und welche Fragen wir spontan stellen könnten. Dieses permanente im Moment sein und gleichzeitig von außen drauf schauen, kostet uns einige Energie. Grundsätzlich kann man sagen, dass wir in den sechs Tagen mit María versuchen, möglichst viele nicht-inszenierte Bilder und Töne aufzuzeichnen, um später aus einem breiten Material auswählen zu können. Neben Video und Tonaufnahmen von María “in Aktion” fangen wir auch viele Stills von ihrer Wohnung oder den Orten, die wir besuchen, ein. Die Funkmikros verwenden wir in den Momenten, wo wir mit lauteren Umgebungsgeräuschen rechnen, wie beispielsweise beim Einkaufen, oder wir gezielt Marías Stimme als potentiellen O-Ton aufzeichnen wollen. Am letzten Tag führen wir noch ein geplantes Interview, für das wir Fragen vorbereitet haben, die uns nach der Zeit mit María und in Bezug auf ihre Geschichte interessant vorkommen oder die wir nochmal klarer festhalten wollen, mit dem Gedanken, dass sie später eine inhaltliche Struktur für den Film darstellen könnten.

Da wir zum ersten Mal in diesem Umfang dokumentarisch arbeiten, probieren wir vieles aus und entscheiden spontan, wie wir mit der jeweiligen Situation umgehen. Auch mit der Verantwortung für Kamera oder Ton wechseln wir uns ab. Am Ende jeden Drehtags werfen wir beim Sichern der Dateien einen ersten Blick auf das gesammelte Material und besprechen das Erlebte und Aufgezeichnete. Dies war zum Teil sehr hilfreich für die folgenden Drehtage, da wir Dinge erkennen, die wir an den folgenden Tagen versuchen zu verändern und umzusetzen – etwa länger bei einer Einstellung zu bleiben, anstatt mit vielen Schwenks und Zooms zu arbeiten, am Anfang von Tonaufnahmen einzusprechen, was aufgezeichnet wird oder, dass es manchmal doch auch sinnvoll sein kann einzuschreiten, um damit aussagekräftiger Momente einzufangen.

Während es teilweise überfordernd ist auf so viele ungeplante Situationen zu reagieren und mit Marías lebendiger und dadurch aber auch unkontrollierbarer Art umzugehen, sind wir positiv überrascht, wie offen und unvoreingenommen María der Kamera begegnet. Es gibt keinen Moment, in dem wir das Gefühl haben, dass sie sich vor der Kamera verstellt oder sich gestört fühlt, sondern es scheint eher so, als würde sie die Kamera überhaupt nicht wahrnehmen.

Rückblickend fühlt sich die Zeit vor Ort weniger wie eine Beobachtung von Marías Leben an, sondern mehr wie ein intensives Miterleben und Mitfühlen, so dass wir erst, als wir sieben Tage später wieder in Berlin landen, das Geschehene wieder von außen betrachten können.

Zurückkehren und Zurechtfinden

Wieder in Berlin angekommen, sind wir erst einmal ziemlich erschlagen von der schieren Menge an Material: ungefähr 35 Stunden Videomaterial und zusätzlich dazu noch knapp 200 Tonaufnahmen.

Zunächst versuchen wir also erstmal eine einheitliche Struktur auf unseren Festplatten zu schaffen, um später beim Schnitt eine gemeinsame Form zu haben, mit der wir auch unabhängig voneinander und an zwei Laptops arbeiten und schneiden können. So benennen wir jede einzelne Datei nach einem festen Muster: Tag, Nummer, Art der Aufnahme, Ort, Kameraeinstellung sowie was beziehungsweise wen man sieht.

Anschließend sichten, sortieren und kategorisieren wir das gesamte Material akribisch und versehen jeden Clip mit verschiedenen Attributen, welche wir in langen Excel Tabellen festhalten. Dazu zählen zum einen eher technische Eigenschaften, wie beispielsweise die Kamerabewegung und -perspektive oder die Tonqualität, als auch inhaltliche Anmerkungen zu den Motiven, Themen und Narrativen, die auf der visuellen oder auditiven Ebene vermittelt werden (siehe Foto). Während diesem Prozess gehen wir die vielseitigen Aufnahmen immer und immer wieder durch und machen uns dadurch sehr vertraut mit den eingefangenen Bildern, Atmosphären und Dialogen.

Die herausfordernste Phase in der Postproduktion ist es dann, aus den Unmengen an audiovisuellem Material eine schlüssige Geschichte zu erschaffen. Da wir ja nicht mit einer fertigen Vision losgezogen sind, die wir bei der Aufzeichnung verfolgt haben, stehen wir nun vor der Aufgabe, in den gesammelten Aufnahmen nach möglichen Mustern und Erzählsträngen zu suchen. Dabei wird uns schnell klar: Still und ruhig wird dieser Film nicht, denn auf fast jeder Aufnahme wird gesprochen – und das in einem bunten Mix aus Deutsch und Spanisch. Wir beginnen also parallel zur Sortierung und Kategorisierung auch mit dem Transkribieren des Gesagten. Zunächst widmen wir uns den längeren Sequenzen, in denen viel zusammenhängend gesprochen wird, aber stellen dann fest, dass wir uns eigentlich fast allen Videosequenzen annehmen müssen, um festzuhalten, ob es sich auf auditiver Ebene um (den seltenen Fall) einer reinen atmosphärischen Aufnahme handelt, oder ob sich im Hintergrund der vermeintlich stillen Einstellung des Essenstischs nicht doch Gespräche abspielen, die als Elemente der inhaltlichen Erzählung fungieren könnten.

Um die auditive sowie die visuelle Ebene in der Suche nach einem roten Faden gleichermaßen berücksichtigen zu können, erscheint uns Miro als passendes Tool. Dort halten wir jede Aufnahme als Screenshot mit dem entsprechenden Transkript fest und sammeln außerdem potentielle Schnittbilder direkt sortiert nach den Motiven, die sie abbilden, beispielsweise Marías Wohnung, weitere Orte und Aktivitäten (siehe Foto).

Unser Miro Board gleicht teilweise einem Storyboard auf dem wir bereits ansatzweise austesten können, welche Bilder oder O-Töne nacheinander funktionieren könnten und bietet eine gute Übersicht, die sich während dem Schneiden als große Unterstützung herausstellen wird.

Zusammenführen und Abschließen

Wir entscheiden uns für Premiere Pro als Schnittprogramm, da wir dort bereits in kleineren Projekten erste Erfahrungen sammeln konnten. Ausgehend von den kategorisierten Aufnahmen in Miro beginnen wir nun auf separaten Laptops mit dem Schneiden erster Sequenzen. Während Mara sich an einer chronologischen Erzählweise versucht und verschiedene Eingänge in den Film ausprobiert, widmet sich Marie zunächst den thematischen Schwerpunkten, beziehungsweise den “Schichten”, die sich durch Marías Leben ziehen und kondensiert aus dem zweistündigen Interview thematische O-Töne heraus. Anschließend hangeln wir uns so von Szene zu Szene, puzzeln die verschiedenen Aufnahmen zusammen und experimentieren dabei auch immer wieder mit Musik und den Stimmungen, die sie in Verbindung mit unserem Material entstehen lässt. Schon vor Beginn unserer Reise haben wir eine gemeinsame Playlist erstellt, die wir im Prozess immer weiter befüllt haben mit Songs, die das Erlebte oder auch bestimmte Thematiken textlich unterstreichen oder auch aufgreifen.

Da wir bereits viele gemeinsame Projekte realisiert haben, wissen wir oft voneinander, was die andere sieht oder denkt, ohne es aussprechen zu müssen. Eine Anekdote zeigt dies besonders deutlich: Wir schneiden – ohne voneinander zu wissen – beide dieselbe Szene, und als wir sie später vergleichen, lassen sich beide Versionen fast deckungsgleich übereinander legen. Wir wählen dieselben Übergänge, entscheiden uns für dieselben Dialoge und haben ähnliche Ein- und Ausstiege in die Sequenz gesetzt. Dieser Moment ereignet sich ziemlich zu Beginn unseres Schnittprozesses und ist auf seine Weise ein schöner Auftakt, weil er zeigt, dass wir dasselbe im Film sehen und unsere Erzählweisen sich ähneln.

Als sich immer mehr Szenen aneinanderreihen, zoomen wir wieder etwas heraus, um auch die gesamte Struktur des Films betrachten zu können. Wir fragen uns, ob der Fokus stärker auf den Alltagsszenen, auf den Interviewsequenzen oder auf den Momenten mit der Familie liegen sollen. Wir testen unterschiedliche Reihenfolgen der Szenen und probieren aus, wie viel Raum den ruhigen, stillen Momenten im Verhältnis zu den lebendigen, lauten Szenen zukommen soll und wie wir die gestellten Interviewsequenzen mit den lebendigen Szenen verweben können. Nicht jeder dieser Versuche findet sich am Ende im fertigen Film wieder, doch jeder von ihnen bringt uns der Struktur, die wir schließlich wählen, ein Stück näher.

In der finalen Phase der Postproduktion haben wir gemeinsam an einem Laptop alle geschnittenen Sequenzen aneinandergefügt, glatt gezogen, Übergänge gebaut und letzte Schnittbilder hin und her geschoben. Als allerletztes haben wir dann noch Untertitel für den gesamten Film erstellt und die Audiospuren des Projekts sortiert, um den Ton, trotz unterschiedlicher Qualität von Ansteck-, Kamera- und Zoommikros, möglichst gleichmäßig zu pegeln und eventuelle Fehler im Klang zu optimieren.

Abschließend lässt sich sagen, dass es ein sehr langer und intensiver Prozess war, der größtenteils nach dem Prinzip des “Learning by Doing” ablief, da wir vieles zum ersten Mal gemacht haben und uns vor allem in die technischen Aspekte der Produktion und Postproduktion einarbeiten mussten. Dabei war es von großem Vorteil, dass wir bereits in der Vergangenheit gemeinsam kreative Prozesse durchlaufen haben und daher auf inhaltlicher und gestalterischer Ebene sehr gut als Team funktionieren und uns gegenseitig inspirieren. Auch wenn wir mit wenigen Vorstellungen in das Projekt gestartet sind, gab es doch Erwartungen, die sich letztendlich ganz anders ergeben haben. So dachten wir zu Beginn, dass es nur um María selbst gehen würde und wir beide auf jeden Fall keinen Platz vor der Kamera einnehmen würden. Im Laufe des Prozesses mussten wir dann aber feststellen, dass dies in der Umsetzung kaum möglich war, da María fast immer in Kontakt mit ihrem Umfeld stand und wir dann auch gemerkt haben, dass die Intimität des Films und die Nähe, die er zu María aufbaut gerade davon lebt, dass die Kamera und auch wir, als Personen dahinter, mitten im Geschehen teilnehmen.