Das Dragonerareal – Transformation eines Ortes preußischer Herrschaft zu einem Wahrzeichen des zivilgesellschaftlichen Engagements. Die Chaos-Garage verhandelt urbanen Wandel im Spannungsfeld von institutioneller Planungslogik und informeller Aneignung öGentlicher Räume. Es werden sieben datenbasierte Perspektiven in der Garage gezeigt, welche zum Wahrnehmen, Reflektieren und Interagieren einladen. Ein Overheadprojektor bietet symbolisch Raum zur Beteiligung am urbanen Wandel als Zentrum der Intervention.

Durch das Konzept „More than Human“ wird das Spektrum anthropozentrischer Perspektiven erweitert und der Status quo der Nutzung öffentlicher Räume in künstlerischer Weise in Frage gestellt. Wer kann sich wie in das Stadtgeschehen einbringen? Wo gibt es Raum für Experimente? Wann beginnt die Schwelle, an der die ertragbare Unordnung aufhört und das Untragbare anfängt?

In jedem Fall ist eine Stadt mehr als die Summe ihrer Teile und wird in der Stadtforschung gerne als Organismus beschrieben. Es geht hierbei also um Lebendigkeit. Versuche die Lebendigkeit planbar zu machen, scheitern jedoch in vielzähligen städtebaulichen Prozessen. Vermutlich, weil sie nicht zureichend mitgedacht wird oder weil sie nur zu Teilen wirklich planbar ist. Denn wie das Leben an sich ist Stadt auch Mut zu Spontanität und Chaos!

1 HERZSCHMERZ

Herzschmerz visualisiert den Einfluss von Straßenlärm auf die menschliche Gesundheit. Die Aufnahmen stammen vom Mehringdamm in unmittelbarer Umgebung der Garage. Die sechsspurige Trasse ist Hauptverkehrsachse für die Nord-Süd Erschließung der Stadt. Neben Fragen zur menschlichen Gesundheit, werden im Kontext der Garage als Raum des Wandels auch Fragen zur Flächengerechtigkeit in urbanen Räumen und zur Verkehrswende verhandelt.

2 INTERAKTIVE INSTALLATION

Die Garage als Projektionsfläche – genauso flüchtig und vielseitig wie unsere Perspektiven auf das Leben rund um das Dragonerareal sind die Bilder und Kommentare der Besuchenden, die der Einladung folgten, etwas zur Zukunft der Garage zu schreiben oder malen und so die Ausstellung aktiv mitzugestalten.

3 IM SELBEN RAUM

Die Arbeit macht die unsichtbaren Wege von Stadttauben sichtbar. Durch digitales Tracking entstehen farbige Spuren, Linien und Markierungen, die den urbanen Raum überlagern und in eine temporäre Kartografie verwandeln. Die Tauben erscheinen nicht als zufällige Bewegung im Bild, sondern als Mitbewohnerinnen der Stadt. Sie folgen eigenen Routinen, nutzen Kanten, Nischen, Plätze und Übergänge und schreiben ihre Bewegungen in einen Raum ein, der meist aus menschlicher Perspektive betrachtet wird. So entsteht ein Bild geteilter Stadt: Menschen, Tiere, Architektur und Bewegung existieren gleichzeitig im selben Raum. Das Tracking macht sichtbar, was im Alltag oft übersehen wird – eine Choreografie urbaner Koexistenz.

4 STADTLÄRM

Jeden Tag begegnen wir im Mehringkiez unzähligen Menschen. Jede Person bringt ihre eigene Geschichte, ihre Persönlichkeit und ihre Eigenheiten mit. Trotzdem bleiben die meisten für uns Fremde. Aber wie fremd sind sie wirklich? Vielleicht teilen wir das gleiche Lachen, die gleiche Müdigkeit nach der Arbeit oder die gleichen kleinen Sorgen des Alltags. Für dieses Projekt bin ich einen Tag lang durch den Mehringkiez gelaufen und habe Passant:innen eine einfache Frage gestellt: „Was machst du heute noch so?“ Mich interessierte dabei weniger die Antwort als die Stimme selbst. Wie klingt ein Mensch? Wie laut oder leise spricht er? Wo macht er Pausen? Spricht er schnell oder langsam? Klingt die Stimme ruhig, aufgeregt, müde oder fröhlich? Die Aufnahmen machen die Vielfalt der Menschen im Kiez hörbar. Jede Stimme wird zu einem Datensatz – nicht über Zahlen, sondern über Persönlichkeit, Stimmung und Individualität. Gemeinsam ergeben sie ein akustisches Porträt des Mehringkiezes.

5 VISUELLE LAUTSTÄRKE

Der öffentliche Raum spricht – durch Zeichen, Farben, Aufrufe, Proteste, Einladungen und Spuren gemeinschaftlichen Handelns. Die Installation „Visuelle Lautstärke im Kiez“ sammelt Fragmente dieser urbanen Kommunikation und gibt ihnen eine zweite Audienz: Was bleibt sichtbar? Was fordert Aufmerksamkeit? Und welche Stimmen formen das Bild eines Ortes?

Die gesammelten Poster werden zu einem lebendigen Archiv lokaler Bewegungen, Ereignisse und Ideen. In der digitalen Bearbeitung können sie überlagert, verändert und neu zusammengesetzt werden – ein spielerischer Eingriff in die visuelle Oberfläche des Kiezes. Dabei entsteht ein Raum zwischen Ordnung und Chaos, zwischen individueller Gestaltung und kollektiver Erinnerung.

Wie laut darf ein Kiez sein? Welche Formen urbanen Ausdrucks nehmen wir wahr, welche überhören wir – und welche verhandeln wir neu? Wer erhält Raum und welche Geschichten eines Ortes beginnen erst dann zu sprechen, wenn wir genauer hinsehen?

6 WIND MACHEN!

Wind machen, frischen Wind in etwas bringen, den Wind drehen sehen. Wind steht sowohl symbolisch für das Einbringen in städtisches Geschehen als auch stellvertretend für den Einfluss von Klima und Wetter auf die Nutzbarkeit urbaner Räume. Ein Ventilator übersetzt die Winddaten der Messstation Tempelhof aus Juli 2025 im Maßstab 1 Sekunde = 1 Stunde. Windstärken über 10 Km/h schalten auf Stufe 1, über 20 Km/h auf Stufe 2 und über 30 Km/h auf Stufe 3. Dabei wird ein Vorhang aus Transparentpapier in Bewegung gesetzt und erinnert an raschelnde Blätter oder trocknende Wäsche im öffentlichen Raum. In Italien gibt es für Letzteres sogar einen eigenen Begriff: panni stesi.

Quelle Daten / Statistik:

https://www.meteoblue.com/de/wetter/historyclimate/weatherarchive/berlin_deutschland_2950159?fcstlength=1m&year=2025&month=7

7 GHETTOPALME

Die „Ghettopalme“ (Ailanthus altissima) steht exemplarisch für Stadtnatur. Als Pioniergehölz bzw. Spontanvegetation breitet sie sich auf Brachen und Gleisbetten aus, wo sonst wenig wächst. Mittlerweile gilt die „Ghettopalme“, als invasiv und die Verbreitung steht nach den Bundesnaturschutzgesetz unter Strafe. Wo ist also Wildwuchs erwünscht und wann wird es zu viel? Als Pflanze im Autoreifen steht sie stellvertretend für den Zielkonflikt der Flächenverteilung zwischen Stadtgrün und ruhenden Verkehr im Hinblick auf eine klimaangepasste Stadt und passt ganz wundervoll zu unserer Garage.

8 I SAW YOU FROM ORBIT

Diese Arbeit nutzt die Garage als geografischen Ausgangspunkt für eine Computer Vision Analyse der Entwicklung von städtischer Infrastruktur im Mehringkiez, Kreuzberg und Berlin. Die vergangenen 20 Jahre werden miteinander verglichen, um Veränderungen sichtbar zu machen. Der obere Screen zeigt das Vorjahr und der untere Screen das nächste Jahr, wobei jeweils vier Zoom Stufen durchlaufen werden. 

Ein Raspberry Pi spielt den Videoloop auf zwei Bildschirmen ab.

LIVE ACTS

Shout out an unsere wundervollen Live Performances und Asian Cuisine:

@nikipokack
@jazzvollzugsanstalt (www.instagram.com/jazzvollzugsanstalt)
@silktouchonline
@werhatdasessengemacht?