Abstract Deutsch
Gereist wurde schon immer, doch erst mit der Industrialisierung und neuen Mobilitätsmöglichkeiten entwickelte sich das Reisen immer mehr zu einem globalen Massenphänomen. Diese Entwicklung trägt maßgeblich zur Ausweitung des Massentourismus bei, was die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas unterstreicht.
Diese Arbeit untersucht das Reisen als kulturelle Praxis und die Entwicklung touristischer Bildsprachen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie haben sich touristische Bildsprachen entwickelt und wie formen sie Vorstellungen und Wahrnehmungen von Orten?“
Die theoretische Grundlage bildet eine Literaturrecherche zur Geschichte des Reisens in Europa, die Organisation sowie Bedeutung des Reisens und die Entstehung erster Reisemedien. Dieser Teil wird gestützt durch Theorien von John Urry, Dean MacCannell oder Susan Sontag. Im analytischen Teil werden sechs Reiseführer aus Wien und Venedig aus drei verschiedenen Epochen qualitativ analysiert und verglichen. Die Analyse zeigt, dass touristische Bildsprachen sich in vier Phasen entwickelt haben und dass Reisemedien keine objektiven Informationsträger sind, sondern aktiv Vorstellungen und Wahrnehmungen von Orten konstruieren. Der praktische Teil überträgt diese Erkenntnisse auf gestalterischer Ebene und untersucht am Beispiel Hallstatt, wie derselbe Ort in vier verschiedenen Bildsprachen konstruiert werden kann, von textlichen Darstellungen des 19. Jahrhunderts bis hin zu spekulativen Zukunftsszenarien.
Abstract English
People have always traveled, but it was not until industrialization and new means of transportation that travel increasingly became a global mass phenomenon. This development has contributed significantly to the expansion of mass tourism, underscoring the social relevance of this topic.
This thesis examines travel as a cultural practice and the development of visual languages of tourism from the 18th century to the present. The central research question is: “How have visual languages of tourism developed, and how do they shape conceptions and perceptions of places?”
The theoretical foundation is based on a literature review of the history of travel in Europe, the organization and significance of travel, and the emergence of the first travel media. This section is supported by theories from John Urry, Dean MacCannell, and Susan Sontag. In the analytical section, six travel guides from Vienna and Venice spanning three different eras are qualitatively analyzed and compared. The analysis shows that visual languages of tourism have developed in four phases and that travel media are not objective sources of information, but rather actively construct ideas and perceptions of places. The practical section applies these findings to the design level and, using Hallstatt as an example, examines how the same place can be constructed in four different visual languages, ranging from 19th-century textual representations to speculative future scenarios.
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Praxis
Der theoretische Teil dieser Arbeit hat gezeigt, dass Reisemedien Orte nicht neutral abbilden, sondern aktiv durch Visualität und Inhalt konstruieren. Daraus ergibt sich die gestalterische Leitfrage für den praktischen Teil:
Wie wird über einen Ort erzählt und was verrät die Art dieser Konstruktion über die Zeit, die Gesellschaft und das Verständnis vom Reisen?
Diese Frage möchte ich nun versuchen auf gestalterischer Ebene zu beantworten. Dafür ist eine Sammelmappe geplant, bestehend aus drei bis vier gestalterischen Objekten. Alle erzählen vom gleichen Ort, jedoch durch unterschiedliche visuelle Sprachen, Formate und Gestaltungsprinzipien. Zusammen ergeben sie ein umfassendes Reisedokument, das die in der Theorie beschriebene Entwicklung touristischer Bildsprachen auf gestalterischer Ebene erfahrbar macht.
Als Untersuchungsort habe ich mich für Hallstatt entschieden. Das kleine österreichische Dorf im Salzkammergut zählt auf rund 700 Einwohnerinnen jährlich über eine Million Besucherinnen. Insbesondere durch die sozialen Medien wie Instagram entwickelte sich Hallstatt zu einem der meistfotografierten Orte Österreichs und eignet sich daher besonders gut als Beispiel. Neben den hohen Touristenzahlen ist zudem bemerkenswert, dass ein chinesischer Immobilienentwickler den Ort in China originalgetreu nachbauen ließ. Dies verdeutlicht, wie stark touristische Bildwelten und mediale Inszenierungen zur Konstruktion und Vermarktung von Orten beitragen können. Auch erlangte Hallstatt durch einen sehr bekannten Windows-Screensaver weltweite Bekanntheit, der das Dorf am Hallstättersee einem globalen Publikum zugänglich machte.
1. Handbuch für Reisende (Wissensobjekt)
Das Wissensobjekt vertritt die erste und zweite Phase der Reisemedienentwicklung (Text- und Beweis-Phase vom späten 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts) und fungiert als dokumentarischer, wissenschaftlicher Beleg. Gestalterisch orientiert sich das gefaltete Leporello am historischen Vorbild der ersten Reiseführer von Karl Baedeker. Die klassisch gesetzte Schrift und klare Satzstruktur unterstützen einen rein textlichen, linearen Lesefluss des Leporellos. Auch sprachlich sowie inhaltlich orientiert sich das Objekt an dem Duktus des 19. Jahrhunderts. Anstatt Sehnsüchte oder romantische Illusionen zu verkaufen, erfüllt das Leporello einen pragmatischen Aufklärungsauftrag. Es vermittelt fundiertes Wissen, um das Beschwerliche des damaligen Reisens zu vereinfachen und dem Reisenden eine sachliche Orientierung zu bieten.
2. City Guide (Erlebnisobjekt)
Das Erlebnisobjekt schlägt die Brücke zur dritten Phase der Reisemedienentwicklung und steht symbolisch für den medialen Zeitsprung in die 90er- und 2000er-Jahre. Inhaltlich durchleuchtet die Gestaltung einen kompletten Tag in Hallstatt und versteht sich als moderner analoger Informationsträger mit Fotos, Informationstexten, Karten, Tipps, Listen und Bewertungen. Das Design treibt diese visuelle und inhaltliche Reizüberflutung gezielt auf die Spitze. Das Objekt will die Absurdität des modernen Konsum- und Erlebnistourismus spürbar machen und steht im starken Kontrast zur rein wissenschaftlichen Wissensvermittlung in Projekt eins.
3. Grüße aus Hallstatt! (Sammelobjekt)
Das Sammelobjekt richtet den Blick auf die vierte Phase und die Gegenwart der Reisemedien. Es bedient das Bedürfnis moderner Reisender, keinen klassischen Reiseführer mehr zu benötigen, sondern stattdessen ein Stück des Ortes als Prestige- und Sammelobjekt mit nach Hause zu nehmen. Während die Vorderseite der Plakate genau diesen Wunsch in Form eines ästhetischen Posters bedient, bricht die Rückseite dieses Motiv auf. Kritische Texte beleuchten dort die sozioökonomische Realität sowie die ökologischen Folgen des Massentourismus.
Um das typische Bildversprechen und den „Tourist Gaze“ zu dekonstruieren, sind die Fotografien auf der Vorderseite bewusst unscharf und überbelichtet gestaltet. Diese visuelle Verfremdung greift die Theorie der medialen Normierung auf. Unser Gehirn ist durch die Sehgewohnheiten der Reiseliteratur und Medien so konditioniert, dass es keine scharfen Details mehr braucht, um ikonische Orte oder Gebäude sofort zuzuordnen. Zugleich spiegeln Unschärfe und Überblendung die Hektik des heutigen Tourismus wider. Sie stehen symbolisch für den gestressten, flüchtigen Blick der Tagestouristen, ein reines Erfassen im Vorbeigehen, bei dem kein Raum mehr für ein Verweilen bleibt.
Werkschau
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