Waschsalon 115
Der Waschsalon lässt sich als klassischer Nicht-Ort beschreiben. Er ist konsequent auf Funktion ausgerichtet und entzieht sich gleichzeitig dem, was man üblicherweise mit einem Ort verbindet. Begegnungen bleiben anonym, Abläufe sind zeitlich begrenzt sowie standardisiert, die Orientierung im Raum erfolgt mittels Hinweisen und digitalen Anzeigen statt über persönlichen Austausch.
Zu Beginn des Semesters haben wir verschiedene Salons besucht, wobei unsere Wahl auf den „Waschsalon 115“ in Berlin-Mitte fiel. Er ist zentral gelegen und weder besonders modern noch auffällig gestaltet, was unseren Fokus auf wiederkehrende Abläufe und deren sensorische Dimensionen lenkt.
Was den Raum für uns besonders interessant macht, ist die Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz. Menschen teilen sich den Ort für eine begrenzte Zeit, ohne miteinander in Kontakt zu treten. Während Personen selbst in den Hintergrund treten, werden persönliche Textilien sichtbar. Schmutzige Kleidung dreht sich in den Trommeln oder liegt offen auf Ablagen und in Körben. Sie verweist auf individuelle Lebensrealitäten, ohne dass diese ausgesprochen werden. Auch auf materieller Ebene setzt sich dieses Spannungsverhältnis fort. Kühle, reflektierende Oberflächen aus Metall und Fliesen stehen weichen Stoffen gegenüber.
Ein weiterer Kontrast liegt im Nebeneinander von Sauberkeit und Schmutz. Obwohl der Waschsalon dem Reinigen dient, ist er selbst deutlich von Nutzung gezeichnet. Böden und Maschinen tragen Rückstände von Waschmittel und Fusseln, Ablagen wirken stellenweise klebrig, vereinzelt bleiben Kleidungsstücke zurück. Frische Waschmittelgerüche überlagern sich mit den dumpferen, unangenehmeren getragener Kleidung.
Wir betrachten den Ort im Rahmen unserer Beobachtung als einen durch Gegensätze bestimmten, funktionalen Alltagsraum, dessen System sich für uns vor allem Sensorik, Rhythmen und zeitliche Abläufe erschließt, die sich in wiederkehrenden Schleifen, analog zu sich überlagernden und wiederholenden Waschprozessen, organisieren.
Sensorische Ethnografie
Unsere Auseinandersetzung mit dem Ort bereiten wir in Form einer Publikation visuell auf, deren Basis eine Sammlung situativer Beobachtungen darstellt, die wir im Laufe des Semesters und in wiederholten Besuchen des Waschsalons zusammengetragen haben.
Früh zeigen sich dabei sensorische Wahrnehmungen, insbesondere wiederkehrende Geräusche, Gerüche und Rhythmen sowie Veränderungen der Atmosphäre im Verlauf des Waschgangs, für uns als besonders interessant, sodass wir diese gezielt beobachten und fokussieren. Parallel dazu werden Veränderungen in der Nutzung des Raums beobachtet: Ankünfte und Aufbrüche, Bewegungen, kurze Gespräche, Unterbrechungen und Momente der Wiederholung. Im Verlauf der Beobachtungen und inspiriert von Sarah Pinks Verständnis sensorischer Ethnografie verschiebt sich unsere Haltung schrittweise von einer distanzierten Betrachtung hin zu einer aktiven Teilnahme am Waschprozess. In einzelnen Sitzungen wird selbst gewaschen, um zusätzliche haptische und sensorische Eindrücke zu gewinnen, die aus reiner Beobachtung heraus nicht zugänglich sind. In anderen Momenten bleibt es bei der Beobachtung ohne Eingriff, sodass sich unterschiedliche Perspektiven auf den Waschprozess ergeben.
Wahrnehmungsbeobachtungen sind direkt mit dem Prozess des Waschens verknüpft. Maschinengeräusche, Haptik sowie Gerüche und einzelne visuelle Eindrücke lassen sich klar einer bestimmten Waschphase zuordnen, sodass wir den Zyklus, der von den meisten Besuchern gewählt wird, als strukturgebendes Prinzip unserer Beobachtungen nutzen: Jede Sitzung orientiert sich an der Dauer des Waschgangs „Easy Care“, bei 40 Grad und 1200 U/min. Zeit wird dabei nicht als Uhrzeit erfasst, sondern in Minuten, beginnend bei 42, heruntergezählt. Anhand dieser Bezugsgröße werden sinnliche Wahrnehmungen notiert und im Anschluss an mehrere Durchläufe zusammengeführt und verglichen, um wiederkehrende Strukturen sowie Abweichungen sichtbar zu machen.
꩜ Instruction Manual
Ein „Instruction Manual“ leitet unsere Publikation ein und kontextualisiert unser Projekt, indem es den Waschsalon als Non-Place einordnet, eine umfassende Raumbeschreibung vornimmt sowie unser oben beschriebenes Vorgehen während der Beobachtung und der anschließenden Strukturierung der Inhalte beschreibt.
Wie der Titel bereits nahelegt, stehen die technischen und funktionalen Aspekte des Waschsalons in diesem Abschnitt im Vordergrund und werden visuell aufgegriffen. Die Gestaltung orientiert sich an maschinellen Bedienungsanleitungen, indem technische Konturzeichnungen und teilweise tabellarische Anordnungen verwendet werden.
Im Fließtext unterstützt die Schrift „HAL Timezone“ von Studio HanLi im Monospace-Schnitt den technischen Charakter. Ergänzt wird sie durch „Wondertype“ von Clémence Fontaine, die durch ihren pixelartigen Aufbau an maschinelle Displays erinnert, was jedoch durch teilweise verwaschen wirkende Kanten aufgebrochen wird.
Die Farbgestaltung beschränkt sich auf Braun und Blau. Beide Farben finden sich häufig im Waschsalon und spiegeln die Gegensätzlichkeiten des Ortes wider, indem Blau, etwa in Form von Waschmittel, mit Sauberkeit und chemischen Prozessen verbunden ist, während Braun eher als Rost und Schmutz sichtbar wird und damit einen Gegenpol zur technischen Umgebung bildet.
Ergänzend kommt ein wiederkehrendes System visueller Marker zum Einsatz. Die Icons sind bestimmten Sinneseindrücken zugeordnet und kennzeichnen entsprechende Textabschnitte sowie Wiederholungen innerhalb der Beobachtungen. Sie greifen ebenfalls die Symbolik von Waschmaschinen und Kleidungsetiketten auf.
꩜ 42 → 0
Der Hauptteil der Publikation organisiert die Beobachtungen entlang des zeitlichen Ablaufs eines Waschgangs von 42 Minuten, analog zu dem von uns gewählten Beobachtungsintervall. Anstelle einzelner Protokolle werden Beobachtungen verschiedener Tage zusammengeführt und entlang eines gemeinsamen Countdowns angeordnet. Zeit dient als zentrales Ordnungs- und Gestaltungselement, indem Textabschnitte entsprechend der Zeitmarken von 42 bis 0, die ihnen bei der Beobachtung zugewiesen wurden, organisiert sind. Sie bilden zusammengefasst einen verdichteten, repräsentativen Waschgang ab, der Wiederholungen und leichte Verschiebungen sichtbar macht. Der Ton bleibt dabei nüchtern und beobachtend.
Für den Text, bestehend vor allem aus sensorischen Beobachtungen, kurzen Dialogen und Geräuschtranskriptionen, wird ebenfalls „HAL Timezone“, hier im proportionalen Schnitt, verwendet. Inhalte werden hier freier und teilweise fragmentierter gesetzt, um gerade in dichteren Phasen des Waschgangs dessen Rhythmus aufzugreifen und die Gleichzeitigkeit von Beobachtungen sichtbar zu machen.
Produktion
Für die Publikation im Format 16,5 x 23,2 cm haben wir uns für eine Ringbindung mit zwei markanten Metallringen entschieden. Die Bindung nimmt das Prinzip des Loops auf und legt eine zyklische Leseweise nahe, die sich an den wiederkehrenden Abläufen des Waschsalons orientiert.
Die Materialität des Raums findet sich auch in der Umsetzung wieder. Die Metallringe greifen die harten, kühlen Oberflächen des Raums auf. Für das Cover wollten wir zunächst ebenfalls Metall verwenden, sind aber letztlich auf ein robustes Kunststoffmaterial ausgewichen, das eine ähnliche Härte aufweist, jedoch farblich sowie haptisch angenehmer ist und und in Form von Wäschekörben und Waschmittelbehältern ebenfalls im Raum vorkommt.
Für die weitere Gestaltung des Covers haben wir einige sensorische Icons und Elemente der Publikation geplottet und collagiert. Die Verwendung von Stickern erinnert hierbei an Aufkleber für Hinweise und Markierungen, die typischerweise auf Waschmaschinen angebracht sind.
Die erzählerischen Innenseiten sind im Kontrast zu dem harten Umschlag auf ungestrichenem Papier gedruckt, während für die fotografischen Seiten glänzendes Papier verwendet wird, das die Lichtwirkung der Blitzaufnahmen aufnimmt.
Shirts
Ergänzend zur Publikation haben wir einige Shirts gestaltet, sodass sich die gegensätzliche Materialität des Raums auch in unserem Projekt widerspiegelt, indem die Stoffe im haptischen Kontrast zu dem harten Cover sowie Ringen der Publikation stehen.
Für die Produktion haben wir Second-Hand-Shirts verwendet. Die leicht unterschiedliche Beschaffenheit und der gebrauchte Zustand knüpfen an die im Waschsalon vorherrschenden Materialzustände an.
Die Motive auf den Shirts basieren, wie die Sticker des Covers, auf den sensorischen Icons, die auf Bügelfolie übertragen und durch typografische Elemente ergänzt wurden. Bei der Umsetzung mussten wir bemerken, dass sich digitale Entwürfe nicht direkt auf unterschiedlich große und dreidimensionale Textilien übertragen lassen. Feine Elemente bereiteten Schwierigkeiten beim Plotten, sodass Größen und Platzierungen kurzfristig angepasst werden mussten. Dadurch wurde die Gestaltung spontaner und weniger kontrolliert, sodass verschiedene Varianten entstanden. Einige Shirts arbeiten mit einzelnen, eher abstrakten Begriffen, andere mit Collagen aus konkreten Textfragmenten und Icons.
Ergebnis
Reflexion
Zu Beginn des Semesters war das Thema „Non-places“ für uns beide ziemlich abstrakt, ließ sich im Verlauf des Projekts aber zunehmend konkret greifen. Begonnen mit umfassender Materialsammlung im Rahmen zahlreicher Besuche im Waschsalon, konnten wir uns neuen methodischen Ansätzen öffnen, die den Raum für uns zugänglich machten. Während wir uns zuvor Themen meist über Recherche genähert haben, standen hier zusätzlich aktive Teilnahme und Beobachtung im Vordergrund.
Schnell stellte sich das Projekt als recht umfangreich heraus, was wirdurch unsere Teamarbeit jedoch so gut wie möglich auffangen konnten. Gemeinsam haben wir Material gesammelt, Texte geschrieben und eine visuelle Sprache hergeleitet. Wir haben uns häufig in der FH, Bibliotheken und im Waschsalon getroffen und darüber hinaus über ein Miroboard Entwürfe ausgetauscht sowie Aufgaben verteilt. Dabei konnten wir uns mit der Zeit immer besser ergänzen und voneinander lernen, sodass wir trotz kleineren Herausforderungen am Ende viel Spaß bei der Gestaltung und Produktion hatten und wirklich zufrieden mit den Ergebnissen und unserer Teamdynamik sind.
Mit der Zeit verschob sich unsere Wahrnehmung des Waschsalons. Durch wiederholte Besuche wurde aus einem anonymen, funktionalen Nicht-Ort ein vertrauterer Ort, indem Situationen und Personen wiedererkennbar wurden. Als wir den Ort allerdings ein letztes Mal besuchen wollten, um unsere Ergebnisse zu fotografieren, hatte sich der Waschsalon grundlegend verändert. Die charakteristische Tapete war verschwunden, die Wände weiß gestrichen, Holzablagen durch schwarzen Kunststoff ersetzt. Ein Aushang im Schaufenster kündigte ein „Grand Opening“ an. Der Raum wirkte wieder fremder, noch anonymer als zu Beginn des Semesters, und scheint in der Form, in der wir ihn beobachtet hatten, nicht mehr zu existieren.