Präsentation

Richard Serra

images.jpeg

Richard Serra (1938–2024) wurde in San Francisco geboren und zählt zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart. Ursprünglich als Bildhauer ausgebildet, machte er sich vor allem durch seine großformatigen, ortsspezifischen Skulpturen einen Namen. Dabei experimentierte Serra früh mit industriellen Materialien wie Blei, Gummi und später wetterfestem Stahl. Besonders bemerkenswert ist, dass er oft nur einfache Bearbeitungsmethoden einsetzt – er verändert das Material nicht, um eine Form darzustellen, sondern um das Material selbst durch Manipulation erlebbar zu machen.

Seine Arbeit mit wetterfestem, massivem Stahl wurde stark vom Rohbau von Kriegsschiffen beeinflusst. Serra schafft monumentale Stahlskulpturen, die ohne Sockel auf dem Boden stehen und in sich ruhen. Die rohe, korrosionsanfällige Oberfläche des Stahls und das massive Gewicht der Platten betonen die Eigenart des Materials und machen die körperliche Präsenz der Skulpturen spürbar. Vorbeigehende Menschen müssen sich aktiv mit den Skulpturen auseinandersetzen – sie umschreiten, durchlaufen oder umarmen sie, wodurch die Wahrnehmung von Kunst zu einer unmittelbaren, körperlichen Erfahrung wird.

Neben den bekannten Stahlplatten experimentierte Serra auch mit geschmolzenem Blei oder begehbaren Großplastiken im öffentlichen Raum. Seine Werke stellen keine narrative Geschichte dar, sondern eröffnen radikale, neue Raumkonzepte: Kalt, unbehandelt und monumental, erlauben sie dem Betrachter keine Distanz und fordern eine direkte Auseinandersetzung mit Material, Form und Raum.

Serra beschreibt seine Intention einmal so: „Im Grunde möchte ich Skulpturen machen, die für eine neue Art von Erfahrung stehen, die Möglichkeiten von Skulptur eröffnen, die es so bislang nicht gab.“ Seine Arbeiten gelten als paradigmatisch für die Minimal Art und prägen bis heute die Diskussion um Materialität, Raum und Körperlichkeit in der Bildhauerei.

KERNBEGRIFFE

- Konstruier

- Dynamisch

- Einengend

- Konfrontation

- Monumental/Massiv

- Ortsspezifisch

- Industriell

- Raumgreifend/Raumkonzept

- Korrosion/ Unbehandelt

- Versperrt/ Offen

Werke

Matrix

Screenshot 2026-02-11 at 13.19.35.png

Studien/Experimente

Durch intensive Experimente mit Material, Form und Farbe entschieden wir uns für eine Abformtechnik unter Verwendung von Baumrinde. Als Material blieben wir bewusst bei dem uns zur Verfügung stehenden Gips. In Anlehnung an Richard Serra sowie an die Begriffe unserer Matrix griffen wir mehrere zentrale Aspekte auf.

Mithilfe von Chiasamen und in den Gips eingeschlossenen Metallkugeln thematisieren wir den Prozess der Korrosion und des Wachstums. Dabei geht es weniger um ein statisches Objekt als vielmehr um einen zeitlichen Prozess: Rost entsteht, Samen keimen, Oberflächen verändern sich. Wachstum wird sichtbar und erfahrbar.

Mit insgesamt neun schweren Gipsmodulen dachten wir bewusst groß und entwickelten – ähnlich wie Richard Serra – eine begehbare Rauminstallation. Sie spielt mit dem Kontrast von offen und geschlossen und fordert die Besucher*innen auf, den Raum aktiv zu betreten und wahrzunehmen.

Gleichzeitig definierten wir das Thema „Wachsen“ neu: Die Installation versteht sich als Versuch, den Wald in die Stadt zu bringen – als Rückzugsort, umgeben von Natur. Der „Baum“ lebt jedoch in einem kalten, massiven Gipskörper, der erst durch Rost und keimende Chiasamen beginnt, sichtbar zu wachsen.

Wie bei Richard Serra ist dieser Prozess untrennbar mit Zeit verbunden. Die Arbeit entwickelt sich langsam im öffentlichen Raum, verändert sich kontinuierlich und wird durch ihre Begehbarkeit zu einer unmittelbaren, körperlichen Erfahrung.

Prozess

Durch die Entwicklung einer eigenständigen Form konnten insgesamt neun Güsse hergestellt werden.

Arbeitsschritte:

- Ausflug in den Wald um Rinde zu sammeln

- Berechnung und Konstruktion der Gussform

- Anordnung der Baumrinde in der Form

- Abdichten der Form

- Ausbalancieren der Form für einen gleichmäßigen Guss

- Auftragen des Trennmittels und Trocknenlassen

- Anmischen des Gipses

- Beimischen der Metallkugeln in eine zuvor festgelegte Gipsmenge

- Guss und Aushärten des Materials

- Lösen der Form und Entfernen der Baumrinde

- Anpassen der einzelnen Module und Bewässern

- Bewachsenlassen mit Chiasamen

- Anzeichnen und Bohren der Dübellöcher

- Halterungsblech herstellen und an Rohre schweißen

- Zusammenbau der Module

Erste Module

Montage

Endergebnis

5D-Methode

Wie sieht es aus?

Die Arbeit besteht aus neun schweren Gipsmodulen, die gemeinsam einen geschlossenen Kreis bilden. Dieser Kreis steht auf drei Stelzen leicht erhöht über dem Boden und schafft so einen klar definierten Zugang: Man tritt bewusst in die Installation ein. Die Kreisform erzeugt ein Gefühl von Schutz und Abgeschlossenheit, während die Öffnung zugleich eine Einladung darstellt.

Die Innenseite des Kreises zeigt das Negativ der Baumrinde – eine detaillierte, organische Oberflächenstruktur, die an einen hohlen Baumstamm erinnert. Sie wirkt rau, erdig und naturhaft. Die Außenseite hingegen ist von Chiasamen bewachsen, die sich langsam aus dem kalten Gips heraus entwickeln. Dadurch entsteht ein deutlicher Kontrast zwischen Innen und Außen, zwischen Abdruck und Wachstum, zwischen Stillstand und Veränderung.

Der Raum im Inneren funktioniert als begehbare, kontemplative Zone. Durch das Umrunden, Eintreten und Verweilen wird der Körper aktiv in die Wahrnehmung der Skulptur eingebunden.

Aus welchem Material ist es?

Das zentrale Material ist Gips – kalt, massiv und zunächst unbeweglich. Er dient als Trägermaterial für Prozesse, die erst mit der Zeit sichtbar werden. Ergänzt wird der Gips durch Metallkugeln, die in das Material eingeschlossen sind und durch Korrosion Rostspuren erzeugen. Diese Spuren breiten sich langsam aus und verändern die Oberfläche dauerhaft.

Die Baumrinde fungiert als Negativform und überträgt ihre natürliche Struktur direkt in den Gips. Die Chiasamen auf der Außenseite stehen für organisches Wachstum und machen den Prozess des Werdens sichtbar. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen industriell wirkendem Material und lebendiger, sich entwickelnder Natur.

In welchem Kulturkreis agiert es?

Die Arbeit ist im zeitgenössischen westlichen Kunst- und Designkontext verortet und bewegt sich an der Schnittstelle von skulpturaler Rauminstallation, Minimal Art und prozessbasierter Kunst. Die Referenz zu Richard Serra zeigt sich im Umgang mit Masse, Gewicht, Reduktion und der direkten körperlichen Erfahrung von Raum.

Gleichzeitig greift das Projekt aktuelle gesellschaftliche Themen auf: das Verhältnis von Stadt und Natur, künstlicher Umgebung und organischem Wachstum sowie die Frage nach Rückzugsorten im urbanen Raum. Die Installation ist für den öffentlichen Raum gedacht und richtet sich an eine breite, nicht ausschließlich kunstaffine Öffentlichkeit.

Welche Beziehungen bringt es hervor?

Die Arbeit erzeugt mehrere Ebenen von Beziehungen. Zum einen entsteht eine körperliche Beziehung zwischen Mensch und Objekt: Der Kreis muss betreten, umrundet und erfahren werden. Die Höhe auf Stelzen, der enge Raum und die geschlossene Form verstärken das Gefühl von Präsenz und Konzentration.

Zum anderen entwickelt sich eine Beziehung zwischen Innen und Außen. Während das Innere den Abdruck eines Baumes zeigt – eine Erinnerung oder ein Negativ der Natur –, wächst außen neues Leben. Der „Baum“ existiert somit gleichzeitig als Abbild, als Prozess und als zukünftige Entwicklung.

Darüber hinaus ist Zeit ein zentraler Beziehungspartner. Rost, Keimung und Wachstum verändern die Installation langsam und kontinuierlich. Wie bei Richard Serra entsteht das Werk nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum im öffentlichen Raum entfaltet und immer wieder neu erlebt werden kann.

Fazit

Die Umsetzung der Installation zeigte, dass die konstruktive Belastung durch das hohe Eigengewicht der Gipsmodule unterschätzt wurde. Die Stelzenkonstruktion konnte die Masse der insgesamt neun Elemente nicht dauerhaft tragen bzw. die einzelnen Stelzen waren ungünstig positioniert, wodurch bestimmte Module in der Mitte gebrochen sind. Denn aufgrund der Hohlkehle, die durch die Rundung des Baumes in unseren Negativ-Formen entsteht, sind die Module in der Mitte besonders Dünn. Da die Stelzen genau an dieser Stelle positioniert sind, wird das Brechen an diesem Punkt zusätzlich provoziert. Aus statischer Sicht erwies sich die Konstruktion somit als nicht ausreichend tragfähig und hätte mehr Planung benötigt. Dafür hätten wir vor allem mehr Zeit und Geld benötigt.

Trotz dieses Scheiterns in der baulichen Umsetzung bleiben wir von der Idee und dem konzeptionellen Ansatz überzeugt. Gerade der prozesshafte Charakter der Arbeit – Wachstum, Veränderung und Zeit – wird durch das Zerbrechen der Module auf unerwartete Weise erweitert. Die Fragilität des Materials steht in einem spannungsvollen Verhältnis zur ursprünglich intendierten Monumentalität und macht die Grenzen zwischen Stabilität und Vergänglichkeit sichtbar.

Die Arbeit verdeutlicht, dass nicht nur Rost und Keimung, sondern auch Bruch und Instabilität Teil eines zeitlichen Prozesses sein können. In einer weiterführenden Entwicklung würde die Idee durch eine angepasste Materialwahl oder eine verstärkte Konstruktion weitergedacht werden, ohne den zentralen konzeptionellen Kern aufzugeben.