1. Projektkontext und Ausgangslage
Der Thematische Hintergrund ist, dass die Band nach einem Benefizkonzert (#wirsindmehr) gegen rechte Gewalt, massiv für ihre Texte kritisiert wurde. Die Band ist eher dem links-liberalen Künstlerspektrum zuzuordnen und ist für ihre satirischen Texte und Überzeichnungen über das HipHop- Genre hinaus bekannt.
Von konservativen Medien und rechten Parteien wurden Zitate und Satzfetzen aus dem Kontext gerissen. Die Bildzeitung titelte nach dem Auftritt „27 Minuten Hass auf Veranstaltung gegen Hass“.
Das darauffolgende Album und die erste Singleauskopplung bekam den passenden Namen „Rap über Hass“.
Der Produktionszeitraum für das Video – vom unterschriebenen Vertrag bis zum Ende der Dreharbeiten – umfasste etwa drei Wochen, was eine sehr kompakte und effiziente Arbeitsweise erforderte.
Ziel der Videoproduktion war es, die thematische Schwere und satirische Zuspitzung des Songs in eine starke visuelle Erzählung zu übersetzen. Es sollte visuell ein hochwertiges, cineastisches Musikvideo entstehen.
2. Auftraggeberstruktur und Kommunikationswege
Auftraggeber und Ansprechpartner waren unter einem Schirm angesiedelt, jedoch waren sie auf verschiedenen Ebenen beteiligt.
Hauptauftraggeber war Eklat Tonträger GmbH, in einem Joint Venture mit Universal.
Jedoch war Universal überwiegend indirekt involviert, insbesondere in Bezug auf Budget- und Freigabefragen.
Als Hauptansprechpartner fungierte das Management der Band („Beat The Rich“), welches für inhaltliche Abstimmungen zuständig war.
Es gab zwar während des Drehs immer wieder finanzielle Engpässe, bei denen die Produktionsfirma teilweise sogar in Vorkasse gehen musste, dennoch waren am Ende die Kosten gedeckt. Es gab zwei feste Ansprechpartner, um Entscheidungswege klar zu halten, Abstimmungen zu strukturieren und mögliche Missverständnisse zu vermeiden.
Obwohl ein persönlicher Kontakt zur Band (Tarek, Maxim, Nico) bestand, wurde die Kommunikation bewusst über das Management gebündelt.
Diese klare Kommunikationsstruktur war eine zentrale Voraussetzung für den reibungslosen Ablauf innerhalb des engen Zeitrahmens.
3. Startphase und kreativer Ausgangspunkt
Die initiale Idee für das Musikvideo kam von der Band und dem Management. Ausgangspunkt war das Motiv einer Box – angelehnt an die Album-Box –, die an verschiedene Menschen verteilt wird. Beim Öffnen entsteht ein übernatürlicher Effekt in Form von Licht, und die Boxen setzen etwas Unkontrollierbares (den Hass, angelehnt an die Vorgeschichte,) frei.
Die Aufgabe bestand darin, diese Grundidee kreativ weiterzuentwickeln und in ein geschlossenes, filmisches Konzept zu überführen, das sowohl inhaltlich als auch visuell tragfähig ist.
4. Kreative Entwicklung: Idee, Treatment und Drehbuch
Die kreative Entwicklung erfolgte in mehreren klar definierten Schritten:
1. Ausarbeitung eines Treatments (Filmhandlung) auf Basis der Ursprungsidee
2. Abstimmung und Abnahme des Treatments durch das Management
3. Entwicklung eines Drehbuchs auf Grundlage des freigegebenen Treatments
4. Überführung in einen konkreten Drehplan und eine Produktionsplanung
Dieser Prozess ermöglichte es, die inhaltliche Idee schnell zu präzisieren und gleichzeitig frühzeitig in umsetzbare Produktionsstrukturen zu übersetzen.
5. Inhaltliches Konzept und narrative Struktur
Die Geschichte des Musikvideos wurde als sogenannter „Hassapparat“ konzipiert. In indirekter und satirischer Antwort auf die damaligen Vorwürfe. Die Die narrative Struktur gliederte sich in drei Ebenen, die sowohl inhaltlich als auch visuell mit den drei Bandmitgliedern korrespondierten:
- Tarek verkörpert den Direktor einer „Hassfabrik“, in der Hass produziert und verpackt wird.
- Maxim tritt als eine Art böser Weihnachtsmann auf, der die Pakete verteilt. Die Bildsprache orientiert sich an Schlitten- und Flugästhetiken.
- Nico ist Teil einer medialen Ebene, die Hass über Presse und Medien weiterverbreitet.
Visuell wurde das Konzept als Mischung aus einer industriellen Fantasy-Ästhetik entwickelt, die an die „Chocolate Factory“ erinnert, jedoch bewusst düster und satirisch gebrochen ist.
Die Weihnachtsmannszene enthält Grinch-Anleihen sowie eine Überzeichnung eines bösen Weihnachtsmannes, der die „Hassboxen“ verteilt.
Die Szenen in der „Welt des Chaos“ sollten an reale Riot-szenen erinnern. Viel Feuer, viel Nebel und viel Chaos.
Neben klassischen Performance-Situationen der Band wurden Spielszenen integriert, die zeigen, wie sich die Verteilung der Pakete konkret auf Menschen auswirkt.
6. Planungsphase und Preproduction
Aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Welten und Stimmungen im Video nahm das Location Scouting eine zentrale Rolle ein. Alle Drehorte wurden vorab intensiv recherchiert, gescoutet und inhaltlich sowie organisatorisch abgenommen.
Einstiegsshot:
Der Opener des Videos stellte eine besondere Herausforderung dar, da eine visuell starke und außergewöhnliche Location benötigt wurde. Die Lösung bestand in der Nutzung einer leerstehenden Fabrikruine, die per Drohne gefilmt und in der Postproduktion mittels VFX erweitert und „zum Leben erweckt“ wurde.
Hauptlocation – Hassfabrik:
Für die Hassfabrik wurde ein industrieller, düsterer Ort in Berlin oder Brandenburg gesucht. Über Recherchen beim Industriemuseum in Brandenburg konnte eine passende Location gefunden werden. Das ehemalige Chemiewerk Rüdersdorf durften wir gegen eine Spende nutzen. Von außen wurde mit einer Drohne abgefilmt; der Rest des takes fand aber in den Räumen des Industriemuseums statt.
Weihnachtsmann- und Flugsequenzen:
Die Flugsequenzen wurden technisch über Drehs im Green-Screen-Studio realisiert. Dieses wurde extern angemietet.
Riot- und Protestwelt:
Diese Szenen entstanden in einem leerstehenden LPG-Gebäude. Das Set wurde mit selbstgebauten Barrikaden aus Schrott ausgestattet und stark atmosphärisch durch Nebelmaschinen inszeniert.
7. Produktionsphase unter Corona-Bedingungen
Die Dreharbeiten fanden während der Corona-Pandemie statt. Um den Dreh überhaupt realisieren zu können, waren zusätzliche organisatorische und finanzielle Maßnahmen notwendig:
- Mehrkosten für regelmäßige Labortests
- Entwicklung eines umfassenden Gesundheitskonzepts
- Konsequente Umsetzung und Kontrolle der Maßnahmen am Set
Diese Faktoren waren herausfordernd aber entscheidend, um die Sicherheit des Teams zu gewährleisten und den Produktionsablauf planbar zu halten.
8. Casting und Mitwirkende
Die Besetzung der Komparsen erfolgte auf unterschiedlichen Wegen:
Ein Großteil der Komparsen bestand aus Freund*innen und Bekannten.
Für die Fabrikszenen von Tarek wurden zusätzlich Komparsen über BFFX Björn Friese gebucht, da diese Personen klar erkennbar im Bild waren und aktiv zur Storyline beitrugen.
9. Teamstruktur und Rollenverteilung
Das Team setzte sich überwiegend aus ehemaligen Kolleg*innen zusammen, mit denen bereits frühere Projekte realisiert worden waren. Dadurch konnte auf bestehendes Vertrauen, eingespielte Abläufe und einen professionellen Workflow zurückgegriffen werden.
Regie und Produktion:
Regie: Boris Saposchnikow
Produktion: Boris Saposchnikow
Director of Photography: Fabian Hülsen
Fotos: Gerngross Glowinski, Finnegan Goldenschweger
Unterstützung durch Assistenz und Helping Hands (Recherche, Setorganisation, Ablauf)
Kamera:
Digitalkino-Kamera/ RED Digital Cinema aus eigenem Bestand inklusive zeitweise Kameraassistenz durch verschiedene Helfer.
Licht:
1 Oberbeleuchter
2 Beleuchter
Umfangreiches Licht-Setup zur cineastischen Ausleuchtung der Industrie-Location
Equipment:
Teilweise eigener Bestand, teilweise Verleih
Kamera: RED (eigener Bestand)
Optiken: ausgeliehen
Licht: großer Umfang zur Inszenierung der Räume/ ausgeliehen
10. Effekte: SFX, Stunts und VFX
Für die visuelle Wirkung wurden praktische und digitale Effekte kombiniert:
SFX-Department von BFFX Björn Friese inklusive:
Stunts: Raffael Armbruster, Joe Tödtling und Mirko Stuebing
und Pyrotechniker: Emanuel Schmieding
VFX-Firma RGB Alpha für digitale Erweiterungen, insbesondere Flugsequenzen und Environment-Erweiterungen (u.a. die belebte Ruine)
11. Styling und Ausstattung
Das Styling-Team kam aus Köln.
Make-up: Rebecca Koch
Costume: Leona Haase
12. Catering
Die Verpflegung des Teams wurde auf zwei Arten organisiert:
- Catering über ein Restaurant (Lieferung)
- Catering durch einen Koch
13. Postproduktion
Die Postproduktion verteilte sich auf mehrere Stationen:
- Schnitt: ifeelfine (im eigenen Studio)
- Edit: Dissy
- Color Grading: Johannes Röckl, ARRI Berlin-Mitte
- Compositoring/ VFX: RGBalpha
- Titles & Mattepainting: Frank Hinrichs
14. Projektabschluss
Trotz der sehr kurzen Vorbereitungszeit von nur drei Wochen konnte ein komplexes und cineastisches Musikvideo realisiert werden. Ausschlaggebend dafür waren:
- eine klar strukturierte Kommunikation über das Management
- die schnelle Überführung der Idee in Treatment, Drehbuch und Drehplan
- strategisches Location Scouting und effiziente Nutzung der Drehorte
- konsequente Einhaltung der Corona-Auflagen
- die Mobilisierung eines erfahrenen und eingespielten Teams
- die gezielte Kombination von praktischen Effekten und VFX
15. Fazit
In der Nachbetrachtung verdeutlichte das Projekt, dass durch klar definierte Prozesse,, strukturierte Planung und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auch unter hohem Zeitdruck anspruchsvolle audiovisuelle Produktionen realisierbar sind.
Gleichzeitig traten wiederholt finanzielle Engpässe auf, die zu langwierigen Nachverhandlungen (teilweise in der Produktionsphase!). führten.
Solche Nebenkriegsschauplätze gilt es im Sinne eines anspruchsvollen Projektes zu vermeiden.
Dies unterstreicht die Notwendigkeit (insbesondere bei Kooperationen mit großen Plattenfirmen) Budgetrahmen frühzeitig und realistisch festzulegen.
Allerdings zwingen solche Herausforderungen zu Kreativität. Diese darf nicht verloren gehen. Man kann seine Ressourcen auch künstlich verknappen, um sich nicht aus der Position vermeintlicher Sicherheit der kreativen Kraft zu berauben.
In diesem Projekt konnten durch Improvisation und kreative Lösungsansätze funktionale Ergebnisse erzielt werden.