1. Ideenfindung und Themenwahl
In der ersten Woche des Seminars habe ich mehrere Ideen zum Thema Übersetzung und Sprache vorgestellt. Eine davon war das Konzept einer „Hybrid Language“, in der Deutsch, Englisch und Koreanisch innerhalb eines Textes gemischt werden. Die Idee dahinter war, dass nur bestimmte Personen den gesamten Inhalt verstehen können. Sprache verbindet Menschen, kann aber auch ausschließen. Indem nur einige Leserinnen und Leser alles verstehen, wird sichtbar, wer Zugang zu Bedeutung hat und wer nicht.
Eine weitere Idee beschäftigte sich mit maschineller Übersetzung. Ich wollte untersuchen, wie sich ein koreanischer Satz verändert, wenn er über Englisch ins Deutsche und eventuell weiter in andere Sprachen übersetzt wird. Dabei fiel mir auf, dass Englisch oft als zentrale Vermittlungssprache funktioniert, während andere Sprachen Umwege nehmen müssen. Mit jedem Übersetzungsschritt geht etwas verloren oder verschiebt sich. Diese Struktur deutet auf eine sprachliche Hierarchie hin, die ich sichtbar machen wollte.
Außerdem habe ich mich mit der Dominanz des Englischen als Weltsprache auseinandergesetzt. Beispiele wie Bong Joon-hos „1-Zoll-Barriere der Untertitel“ oder die internationale Rezeption von Han Kang zeigen, dass Werke aus nicht-englischsprachigen Kontexten häufig erst durch englische Übersetzung globale Sichtbarkeit erhalten. Übersetzung ist daher nicht neutral, sondern eng mit Fragen von Macht und Sichtbarkeit verbunden.
Während ich über diese unterschiedlichen Ansätze nachdachte, wurde mir klar, dass sich ein zentrales Interesse durch alle Ideen zog: die politische Dimension von Sprache und ihre Machtstrukturen. Als asiatische Person, die in Deutschland lebt und studiert, habe ich selbst erfahren, wie Sprache über Zugang zu Information entscheidet. Bestimmte Inhalte sind ausführlich auf Deutsch verfügbar, auf Englisch gekürzt und auf Koreanisch oft gar nicht vorhanden. Sprache strukturiert also nicht nur Kommunikation, sondern auch Teilhabe.
Schließlich entschied ich mich, dieses persönliche Erleben zum Ausgangspunkt meines Projekts zu machen. Ich wollte die bestehenden sprachlichen Hierarchien umkehren und die Machtverhältnisse verschieben. In meinem Projekt wird die deutsche Umgebung nicht selbstverständlich als Zentrum behandelt. Stattdessen wird die Verteilung von Information je nach Sprache bewusst unterschiedlich gestaltet, um zu zeigen, wie stark Sprache unsere Wahrnehmung und unser Verständnis beeinflusst.
Der Prozess der Themenwahl war somit nicht nur eine formale Entscheidung, sondern auch eine Reflexion darüber, welche Fragen mich langfristig beschäftigen. Am Ende wurde deutlich, dass ich Übersetzung nicht nur als technische Übertragung von Sprache begreife, sondern als politischen Akt, der durch Gestaltung sichtbar gemacht werden kann.
2. Konzept
Dieses Projekt basiert auf dem Entwurf eines fiktiven Ausstellungsplakats. Der Ausstellungstitel lautet „der fehlenden Texte Das Archiv“. Die Wortreihenfolge ist bewusst nicht grammatikalisch korrekt im Deutschen, sondern orientiert sich an der koreanischen Satzstruktur. Bereits im Titel wird dadurch eine Verschiebung der sprachlichen Ordnung sichtbar gemacht.
Auf dem Plakat sind nur grundlegende Informationen enthalten, wie Titel, Ort, Datum und Uhrzeit. Formal ähnelt es zunächst einem typischen Ausstellungsplakat.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der sprachlichen Struktur. Es werden drei Sprachen verwendet, aber sie enthalten nicht exakt dieselben Informationen. In einer Sprache werden mehr Details gegeben, in einer anderen nur verkürzte oder teilweise Angaben. Obwohl es sich scheinbar um dieselbe Ausstellung handelt, verändert sich der Umfang des Verständnisses je nach Sprache.
Das Ziel war nicht, eine neutrale Übersetzung zu zeigen, sondern die Beziehung zwischen den Sprachen neu anzuordnen. Normalerweise steht eine bestimmte Sprache im Zentrum, während andere ergänzend oder sekundär wirken. In diesem Projekt habe ich diese Struktur bewusst verschoben. Wenn ich im Alltag oft an einer Position stehe, in der ich nicht alles vollständig verstehe, wollte ich diese Konstellation hier umkehren.
Die Entscheidung für eine fiktive Ausstellung hängt damit zusammen, dass ein Plakat mit reduzierten Informationen arbeitet. Gerade weil es sich um scheinbar klare und sachliche Angaben handelt, wird sichtbar, wie stark sich Wahrnehmung und Verständnis verändern, sobald die sprachliche Gewichtung verschoben wird.
3.Gestaltung
Plakatgestaltung
Die Gestaltung des Plakats orientiert sich formal an einem klassischen Ausstellungsplakat. Titel, Ort, Datum und Uhrzeit bilden die zentralen Informationselemente. Diese Informationen sind jedoch je nach Sprache unterschiedlich strukturiert und gewichtet. Auf den ersten Blick wirkt das Plakat funktional und klar, bei genauerem Hinsehen werden jedoch sprachliche Unterschiede sichtbar.
Der Ausstellungstitel „der fehlenden Texte Das Archiv“ ist bewusst in einer grammatikalisch ungewohnten Reihenfolge gesetzt. Die Wortstellung orientiert sich an der koreanischen Syntax. Für deutschsprachige Betrachterinnen und Betrachter entsteht dadurch ein leichter Moment der Irritation. Der Titel bleibt lesbar, wirkt aber nicht selbstverständlich korrekt. Diese Verschiebung soll zeigen, dass sprachliche Ordnung keine feste Größe ist.
Auch das Datum und die Uhrzeit sind im koreanischen Format geschrieben. Die Reihenfolge von Jahr, Monat und Tag sowie die Zeitangabe können für deutschsprachige Nutzerinnen und Nutzer ungewohnt oder leicht verwirrend sein. Diese formale Entscheidung erzeugt eine kleine Unsicherheit im Lesen und verschiebt die gewohnte Erwartung.
Die Verteilung der Informationen unterscheidet sich ebenfalls stark zwischen den Sprachen. Koreanisch ist visuell hierarchisch am stärksten betont und so platziert, dass es sofort ins Auge fällt. Zudem wird nur im koreanischen Text erwähnt, dass es sich um eine fiktive Ausstellung handelt. Wer Koreanisch versteht, erhält somit zusätzliche Kontextinformationen.
Deutsch hingegen ist gestalterisch verfremdet. Durch veränderte Wortausrichtungen und unterschiedliche visuelle Effekte wird das Lesen erschwert. Die Information ist vorhanden, aber nicht unmittelbar zugänglich. Englisch ist sehr klein gesetzt, teilweise ohne klare Wortabstände, sodass es fast wie ein unwichtiger Zusatz wirkt. Obwohl alle drei Sprachen präsent sind, sind sie nicht gleichwertig behandelt.
Durch Unterschiede in Informationsmenge, Platzierung, Größe und Lesbarkeit entsteht eine sichtbare Hierarchie zwischen den Sprachen. Das Plakat funktioniert zunächst wie ein gewöhnliches Werbemedium, offenbart jedoch beim genaueren Lesen eine Verschiebung der sprachlichen Ordnung.
Webgestaltung
Die Website ist direkt mit dem Plakat verbunden. Über den QR-Code auf dem Plakat gelangt man auf die Webseite. Während auf dem Plakat die Informationen je nach Sprache unterschiedlich verteilt sind, sind auf der Website alle Informationen vollständig vorhanden. Der Unterschied liegt in der Art des Zugangs.
Die Inhalte sind hintereinander angeordnet. Nutzerinnen und Nutzer müssen scrollen, bis sie die Sprache erreichen, die sie verstehen oder bevorzugen. Es gibt keine Sprach-Buttons und keine direkte Umschaltfunktion. Die gewünschte Sprache erscheint nicht automatisch, sondern muss im Lesefluss gefunden werden.
Die Information ist also nicht versteckt, aber der Zugang ist nicht sofort bequem. Man begegnet zunächst möglicherweise anderen Sprachen, bevor man die eigene findet. Dadurch entsteht eine kleine Verschiebung im Leseerlebnis. Die Hierarchie aus dem Plakat wird hier nicht über Informationsmenge, sondern über Bewegung und Navigation erfahrbar gemacht.
Gestalterisch habe ich mich bewusst für eine sehr reduzierte Lösung entschieden. Die Website enthält keine Bilder, keine grafischen Elemente und keine dekorativen Komponenten. Sie besteht ausschließlich aus Text. Da sich das Projekt inhaltlich mit Sprache beschäftigt, wollte ich visuelle Bilder vermeiden. Illustration oder Fotografie hätten das Thema unnötig überlagert.
Durch diese Reduktion rückt die Sprache selbst in den Mittelpunkt. Nutzerinnen und Nutzer nehmen Unterschiede in Struktur, Länge und Dichte der Texte deutlicher wahr. Während das Plakat visuell mit Hierarchie arbeitet, konzentriert sich die Website auf das Lesen als Erfahrung.
4. Reflexion
Im Laufe des Projekts habe ich gemerkt, wie stark Gestaltung Wahrnehmung beeinflussen kann, auch wenn nur mit sehr einfachen Mitteln gearbeitet wird. Kleine Veränderungen wie Wortreihenfolge, Datumsformat oder Schriftgröße können bereits Irritation auslösen. Diese Irritation war kein Nebeneffekt, sondern ein bewusst eingesetztes Mittel.
Besonders interessant war für mich, wie unterschiedlich sich Hierarchie im Print und im Web ausdrücken lässt. Auf dem Plakat entsteht sie durch Größe, Platzierung und Lesbarkeit. Auf der Website hingegen durch Bewegung, also durch Scrollen und die Reihenfolge der Inhalte. Beide Medien funktionieren unterschiedlich, verfolgen aber dasselbe konzeptionelle Ziel.
Während der Arbeit wurde mir außerdem klar, dass Mehrsprachigkeit im Design oft als Service verstanden wird. In meinem Projekt ging es jedoch nicht darum, alles möglichst zugänglich zu machen, sondern die Struktur hinter dieser Zugänglichkeit sichtbar zu machen. Dabei war es wichtig, die Grenze zwischen Irritation und Unverständlichkeit nicht zu überschreiten.
Rückblickend sehe ich das Projekt als Experiment. Es ist kein fertiges Statement, sondern eher eine Untersuchung. Mich interessiert weiterhin, wie Sprache durch Gestaltung verschoben werden kann und wie stark wir an bestimmte sprachliche Ordnungen gewöhnt sind.
Das Projekt hat mir gezeigt, dass auch minimale gestalterische Eingriffe ausreichen, um diese Gewohnheiten sichtbar zu machen.